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Ausgabe 09/09
Schwerpunkt
Auf der Zickzackbrücke in die Zukunft

China ist das Land der tausend Köstlichkeiten und der tausend Widersprüche.
Eine Reise nach Shanghai und Nanjing bietet Einblick in eine rastlose Gesellschaft mit begrenzter Erinnerung und eine Literatur, die mehr im Gestern als im Heute angesiedelt ist



Der Dichter Lu Xun wollte bescheiden bleiben. Vor seinem Tod im Jahr 1936 verbat er sich – ähnlich wie Bertolt Brecht – alle Grabreden. «Macht es kurz, beerdigt mich und Schluss», schrieb er in sein Testament: «Vergesst mich und kümmert euch um euer eigenes Leben – wenn nicht, seid ihr selbst schuld.» Der Lu Xun-Park in Shanghai ist ein Ort, an dem dieser Imperativ zugleich unterlaufen und erfüllt wird.Hier, ganz in der Nähe seines letztenWohnsitzes, befindet sich nicht nur Lu Xuns Grabstätte mit einem Denkmal des sinnenden Dichters, sondern auch ein marmornes Museum, dessen weihevolle Atmosphäre von strengen Uniformierten bewacht wird. Mao hat Ende der fünfziger Jahre verfügt, dass Lu Xun hier zu höheren Ehren kommen soll. Wäre er noch am Leben gewesen, hätte er dagegen wohl bald zu denen gehört, die während der Kulturrevolution ermordet oder aufs Land verbannt worden wären. Lu Xun war ein Intellektueller, ein Aufklärer, ein Vorkämpfer der Republik. Er gilt als «Vater» der modernen chinesischen Literatur, schon deshalb,weil er Umgangssprache benutzte und die Literatur aus der Erstarrung im hochchinesischen Elfenbeinturm erlöste.
Die Menschen aber, die heute den Park bevölkern, sind tatsächlich damit beschäftigt, sich um ihr eigenes Lebenzu kümmern. In den Morgenstunden versammeln sich die obligaten T’ai-Chi- Gruppen. Paartänzer studieren zu Hunderten Schrittfolgen ein, große Chöre schmettern ihre Lieder, erstaunlich bewegliche Alte turnen an robusten Geräten. Auf einem Hügelhängen Vogelbesitzer die Käfige mit ihren Tieren zum Lüften und Zwitschern in die Bäume.
Federballspieler sind in ernste Duelle vertieft. Kreiselschwinger demonstrieren ihre Geschicklichkeit.Aus übersteuerten Lautsprechern klirren die Stimmen der Karaoke-Sänger. Kalligrafen malen mit Schwammpinseln vergängliche Wasserzeichen auf den Asphalt. Alte Herren bilden auf ihren zwei- und dreirädrigen Fahrzeugen Gesprächs- oder Schweigekreise, ein Einsaitengeiger lässt sein Instrument jammern, und im Gebüsch stehen überall in sich versunkene, summende, singende, wippende und händeklatschende Gestalten, denen noch nie etwas peinlich gewesen ist. Keiner stört sich am Nächsten, der sich gleich daneben lautstark exponiert. Im Park kommt jeder zu sich selbst, bevor er wieder hinaus muss in die tosende Stadt.
Shanghai ist ein lärmender, staubender Organismus. Kein Horizont, nur Beton und Baustellen, Häuser und Verkehr– und oben drüber die Dunstglocke aus Hitze und Smog. Angeblich ist die Luft seit der Finanzkrise besser geworden, doch es riecht dezent nach Chemie. Offiziell gibt es keine Krise. Die Neubauprojekte müssen schon deshalb weitergehen, damit die rund vier Millionen Wanderarbeiter in der Stadt beschäftigt bleiben. Die Hochglanz-Hochhäuser, die im Büroviertel Pudong entstehen, sind gewaltige Beschäftigungsprogramme im Auftrag der Partei. Leerstand ist im Vergleich zu Arbeitslosigkeit und Unmut das kleinere Übel. Die Arbeiter übernachten in Rohbauten, in Bauhütten oder in leerstehenden Geschäften in einer Einkaufsstraße, wo man sie hinter der Schaufensterscheibe in Stockbetten liegen sehen kann: einemüde Armee. Ein Flaschenöffner für Drachen und Luftgeister 2010 wird in Shanghai die Expo stattfinden – aber das ist auch nur ein Vorwand für die ewige Geschäftigkeit. Das «World Financial Center», derzeit Chinas höchstes Gebäude, ist so neu, dass es auf vielen Bildern der funkelnden Skyline noch fehlt. Es sieht aus wie einriesiger Flaschenöffner. Die trapezförmige Öffnung in den oberen Etagen, die dazu dient, Drachen und Luftgeistern Durchschlupf zugewähren, sollte ursprünglich rund sein. Das Gebäude war schon im Bau, als es rasch umgeplant wurde: Eine Rundung im Himmel hätte ausgesehen wie die japanische Flagge. Diesen Eindruck gilt es in chinesischen Großstädten unbedingt zu vermeiden. Shanghais Baustellen sind so bodenlos wie die Tagebaugebiete in der Lausitz. Sie fressen sich durch die Stadt und zerstören, was ihnen in die Quere kommt. Häuser, Straßen und ganze Quartiere versinken im Abgrund. Mit den kleinen Gassen verschwinden die Gemüsehändler, Imbissbudenbetreiber, Schuhmacher, Baozi-Dampfbäcker, Fahrradmechaniker, Altpapierhändler, Straßenfrisöre, Vogelverkäufer. Vielleicht dürfen sie später die Rolltreppen in den neuen Einkaufscentern putzen. Prada, Armani, Nike und Puma: Alle sind schon da. Doch auch das ist nur ein Zwischenzustand auf demWeg in die Zukunft: flüchtiger Moment einer vorüberrauschenden Gegenwart.
Was bedeutet Vergangenheit, wenn Häuser kaummehr als zwanzig, dreißig Jahre alt sind? Wenn die sogenannte Altstadt so wirkt, als wäre sie bloß für Touristen da hingestellt? Über die berühmte Zickzackbrücke drängeln sich Besuchermassen. Sie ist so gebaut, damit die bösen Geister, die nur geradeaus gehen können, insWasser fallen. Glücklich das Land, dessen Geister so leicht auszutricksen sind! Vielleicht ist der alte Yu-Garten, der dahinter liegt, deshalb ein so segensreicher Ort,der in Ruhe altern darf. «Die bösen Geister laufen nur gradaus. / Als wie der Dämon / Der Ideologen / Mir nicht folgt in den blühenden Garten», heißt es in einem Gedicht von Volker Braun.

Wie Bogenschießen ohne Pfeil
Es ist ein einigermaßen gewagtes Vorhaben, in einer so unübersichtlichen, mit sich selbst beschäftigten Weltgegend für deutsche Kultur und Literatur zu werben. Doch das ist die Aufgabe von «Wortwechsel», einem Projekt, das vom Literarischen Colloquium Berlin initiiert und vom Auswärtigen Amt, der Robert-Bosch-Stiftung und Pro Helvetia finanziert wird. Die Schriftsteller Marcel Beyer und Rolf Lappert, der Übersetzer Ulrich Kautz und ich als Literaturkritiker sollen an verschiedenen Universitäten in Germanistischen Instituten über unsereArbeit sprechen, aus unseren Büchern lesen und Seminare halten. Ich habe es mal mit Doktoranden zu tun, die sich in der deutschen Literatur und Sprache hervorragend auskennen, mal mit Erstsemestern, die sich konzentrieren müssen, einen deutschen Satz zu formulieren. Für Literatur interessierensie sich nicht so sehr. Also reden wir über Deutschland, über Ökologie und Demokratie, Niedriglöhne und Weltwirtschaft. «Warum lernen Sie ausgerechnet Deutsch?», frage ich die Studenten. Weildas einkleines Fachist, sagt einer von ihnen. Das studieren nur wenige, also ist die Konkurrenz nicht so groß. Er hoffe, bei Volkswagen Arbeit zu finden, sagt ein anderer. Und eine Studentin erzählt, sie höre so gerne Musik von Johann Sebastian Bach und wolle die Texte in den CD-Begleitheften lesen können. Anschließend werden wir regelmäßig von den Professoren zum Essen eingeladen. Das Essen ist dasWichtigste überhaupt. Es schafft Freundschaften, endet aber ebenso pünktlich, wie es beginnt.Wir sitzen im Restaurant in einem separaten Nebenraum am runden Tisch voller Schälchen mit Leckereien. Höflichkeitspräliminarien: Wer sitzt wo, wer sitzt dem Gastgeber gegenüber, wer nimmt das erste Stück von der gesalzenen Ente. Basisarbeit im Bereich Völkerfreundschaft: Wie man lernt, mit Stäbchen zu essen, Qualle oder Schildkrötenpfötchen als Delikatesse zu betrachten und lauwarmes Bier aus winzigen Gläsern zu trinken. Dass wir Europäer von den Hühnerfüßen kosten, wird nicht unbedingt erwartet. Doch China ist das Land der tausend Köstlichkeiten und der tausend Jahre alten Eier. Alles ist essbar, Hund und Katz und Spatz, und jedes Essen ist eine Entdeckungsreise.
Professor Wang und Professor Li begeben sich in einen freundlichen Disput.Wang ist der Chef von Li, war aber früher dessen Schüler.Wang ist Rationalist, marxistisch geschult, an der westlichen Aufklärung orientiert. Li bezeichnet sich als Daoisten und erklärt die Vorzüge eines Lebens in der Absichtslosigkeit, eines Handelns ohne Vorsatz. «Das ist wie Bogenschießen ohne Pfeil», sagt er. «Deshalb kommst du immer zu spät», erwidert Wang. So werden wir in östliches und westliches Denken eingeführt. Im Goethe-Institut begegnet Marcel Beyer dem Lyriker Xiao Kaiyu. Xiao, der immer wieder mit Publikations verboten zu kämpfen hatte, lehrt chinesische Literatur in Peking und Komposition an der Musikhochschule in Shanghai. Einige Jahre verbrachte er als Stipendiat in Deutschland, unter anderem in Wiepersdorf, wo seine «Brandenburger Skizzen» entstanden. Auch Beyer war schon dort – und so ist ein Berührungspunkt gefunden. Nichts könnte seltsamer wirken, als mitten in Shanghai chinesische Lyrik zu hören, die ein deutsches Dorf besingt und deutsche Provinz ineine chinesische Landschaft verwandelt, erst auf Chinesisch, dann in der Übersetzung: «Je tiefer die Nacht, desto steiler der Bergweg. Ein Auto zu fahren ist wie den Wind zu steuern. Die Menschen, die nachts unterwegs sind, eilen an der Spitze der Stille rücksichtslos durch die Dörfer.» Von draußen dringt das permanente Hupen der Taxifahrer herein; Stille hat es hier noch nie gegeben. Xiao Kaiyu liest nur kurz. Er sagt, er habe keine schöne Stimme. Er sei es nicht gewohnt, vor Publikum zu lesen. Er sei unzufrieden mit seinen Versen. – Ist das chinesische Höflichkeit? Zurücktreten hinter den Gast? Oder hat es damit zu tun, dass chinesische Autoren weniger geübt sind im öffentlichen Auftreten?

«Du musst dich erinnern!»
Diesen Eindruck bekommen wir auch bei einem Schriftstellertreffen in Nanjing, der «südlichen Hauptstadt» am Yangtse, gut zwei Zugstunden von Shanghai entfernt. Wir sitzen in einem Café in der Altstadt, da, wo Häuser und Gassen überschaubar sind. Einer der Gesprächspartner ist Bi Feiyu, der in Deutschland mit dem Roman «Die Mondgöttin», in dem es um die traditionelle Peking-Oper geht, bekannt geworden ist. Im März gehörte er zur offiziellen chinesischen Delegation auf der Leipziger Buchmesse. Sein Vorname bedeutet in etwa «Ins All fliegen» – denn in seinem Geburtsjahr 1964 startete China seinen ersten Satelliten. Er wuchs auf dem Land auf, weil sein Vater als «Rechtsabweichler» zur Landarbeit verurteilt war. In dieser rückständigen, dörflichen Welt sind auch viele seiner Geschichten angesiedelt (siehe Seite 16). Deutsche und Chinesen, sagt er,haben ein ähnliches Problem. Die deutsche Sprache sei durch die Faschisten verschmutzt worden, die chinesische durch die Kulturrevolution. Chinesische Autoren müssten deshalb «die Reinheit der Sprache» wiederherstellen: «Das geht nicht im Geschirrspüler. Man muss die Teller von Hand abspülen.» Große Hoffnungen setzt Bi Feiyu auf die Jüngeren,die in den achtziger Jahren geboren wurden, denn seine eigene Generation sei verdorben worden. Und er rühmt Bernhard Schlinks Roman «Der Vorleser», weil Schlink sich der Geschichte stelle. «Du musst dich erinnern», sagt er, «ist der Imperativ des Erzählens.» Ich unterhalte mich mit Su Tong, einem Autor, der sich intensiv mit historischen Stoffen befasst. Su Tong, Jahrgang 1963, gehört neben Yu Hua, Bi Feiyu und Mo Yan zu den wichtigsten Schriftstellern der mittleren Generation.Sein Roman «Frauen und Konkubinen» wurde von Zhang Yimou unter dem Titel «Rote Laterne » verfilmt. Auf Deutsch erschien zuletzt «Die Tränenfrau» – die Geschichte einer Frau, deren Mann beim Bau der chinesischen Mauer umkommt und die darüber so sehr weint, dass ihre Tränen ein Loch in die Mauer schwemmen.
Es ist eine alte Legende, die Su Tong aufgegriffen hat, und ich frage ihn, warum er sich so sehr in den Mythos versenkt. In einem Land, das sich in so enormem Wandel befinde, muss doch die Gegenwart eine viel größere Herausforderung sein .Aber nein, sagt er, er schreibe keineswegs über Historisches. Das seien nur Kulissen für die Darstellung großer menschlicher Konflikte: Liebe, Treue, Trauer. Meinen Einwand, dass auch diese Gefühle historisch seien und sich verändern, dass «Rote Laterne» doch zeige, wie sehr sich die Bedingungen der Liebe und der Ehe verändert haben, möchte er nicht gelten lassen. Er sieht im Menschen eine Größe jenseits der Geschichte, etwas, das sich dem herrschenden Drang zu gestalten entzieht. In einem Land, indem alles Alte untergepflügt wird und der Mensch stets Spielball der Politik und der Ideologie gewesen ist, lässt sich diese Haltung nachvollziehen. Neues Selbstvertrauen zu schaffen heißt, sich der sozialistischen Erziehungsdiktatur zu verweigern und den Menschen als etwas zu betrachten, das sich nicht gemäß aktueller Bedürfnisse machen lässt.

Im Porsche zur Vorlesung über den Campus
Was das konkret bedeutet, verdeutlicht Huang Beijia, eine Autorin aus Nanjing, die mit ihren Kinder- und Jugendbüchern Millionenauflagen erzielt. In «Seidenraupen für Jin Ling» erzählt sie von einem Mädchen, das sich gegen den permanenten Leistungsdruck in der Schule zur Wehr setzt und lieber Maulbeerblätter für seine Raupenzucht sammelt. «Der Druck auf die Kinder ist riesig», sagt Huang Beijia, die selbst eine Tochter im Schulalter hat. Die Ein-Kind-Politik verstärkt diesen Druck, weil das eine erlaubte Kind all dieWünsche und Hoffnungen der Eltern erfüllen muss.
Der Schultag beginne um 6 Uhr und ende um zehn Uhr abends, erzählt Huang Beijia. Am Wochenende sehe man Eltern mit Kindern, die Musikinstrumente, Kalligrafie-Utensilien oder Sporttaschen tragen. Ihr Ehrgeiz erlaubt keine Freizeit: «Die Kinder sind in China sehr erschöpft. Die Mütter auch. »Die alte konfuzianische Denkweise – «Nur Lernen ist gut» – verbindet sich mit kapitalistischem Konkurrenzdruck. Alle leiden darunter,den besten Kindergarten, die beste Schule, das beste Gymnasium, die beste Universität erreichen zu müssen, um überhaupt eine Chance im Ausleseprozess zu haben. Doch alle müssen mitspielen. Die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen ist hoch; es komme aber auch vor, sagt Huang Beijia, dass Kinder ihre Mütter umbringen – denn die sind es zumeist,die den äußeren Druck im Inneren der Familie reproduzieren. Ihre Aufgabe als Kinderbuchautorin sieht sie darin, «die Jugendlichen in ihrem Stress zu trösten». So kritisch sie der chinesischen Schulpolitik gegenübersteht, so fatalistisch reagiert sie: Kritik ändert nichts. Es gibt keinen anderenWeg.
Wie absurd das Bildungssystem ist, zeigt das Beispiel zweier Universitäten in Nanjing. Im Stadtzentrum liegt die würdevolle «Nanjing Universität»mit einemalten, von Platanen beschatteten Campus. Sie ist eine Spitzenuniversität der Kategorie A – und nur wer an solchen Universitäten studiert, kann anschließend auf einen Arbeitsplatz hoffen.Aber selbst hier kommen derzeit nur acht Prozent der Absolventen in derWirtschaft unter, sagt ein Germanistik- Student.Wer welches Fach studiert, entscheiden nicht die Studenten selbst, sondern die Universität. Sie sucht sich dieBegabtesten aus und verteilt sie auf die Fächer.
Wer dagegen in der «Communication University of China » der Kategorie C studiert, weiß von vornherein, dass er mit seinem Abschluss nichts wird anfangen können. Diese Uni ist privat. Die Eltern bezahlen, damit ihre Kinder hier studieren – vermutlich, weil das besser ist als nichts, wenn sie es nicht auf eine A-Uni geschafft haben. Der Campus ist ein Neubaugebiet weit außerhalb der Stadt. 10.000 Studenten wohnen hier, die meisten in Viererzimmern in Wohnblocks, die um 23 Uhr abgeschlossen werden. Männer und Frauen getrennt, die Regeln sind streng.Wer Geld hat, kann sich aber auch ein Apartment mieten oder gar in der Direktorenvilla einziehen, die von der derzeitigen Direktorin nicht bewohnt wird. Es gibt reiche Studenten, die die 500 Meter vom Apartment zur Vorlesung im Porsche zurücklegen. Protzen ist keine Schande.Wer Geld hat, zeigt es auch, denn um nichts anderes geht es in der postsozialistischen Gesellschaft.

Nichts soll an das Jahr 1989 erinnern
Der Campus, fünf Jahre alt, gilt bereits als Altbau. Gegenüber wird der nächste Campus gebaut, weitere sollen folgen. Das Taxi braucht fast eine Stunde bis ins Stadtzentrum.Man fährt über sehr breite, sehr leere Straßen, die für eine bestimmt schon bald eintreffende Zukunft vorausgeplant sind. Ampelanlagen regeln den noch nicht vorhandenen Verkehr, indem sie die Sekunden bis zum nächsten Signalwechsel herunterzählen. Neubaugebiete rechts und links, Lagerhallen, Bürogebäude, Brachland. Am Straßenrand Gartenbau- Brigaden, die Unkraut zupfen und Bäume pflanzen.Wie ich später erfuhr, handelt es sich dabei um ehemalige Bauern, deren Dörfer für die bessere Zukunft abgerissen worden sind. Nun bestellen sie statt ihrer Felder den Campus.
«Wir leben in der Lüge», sagt eine Professorin, und Ähnliches ist auch von Studenten zu hören. Man bewege sich innerhalb der Phraseologie der Kommunistischen Partei, nehme sie aber nicht mehr ernst. Man werde dazu erzogen, «immer die Wahrheit zu sagen», doch schon dieser Satz sei eine Lüge. Die Treueschwüre, die Notwendigkeit, aus Karrieregründen in die Partei einzutreten, die Moral kommunistischer Solidarität – all dies passt nicht zum Alltag des Einzelkämpfertums in einer doch längst kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Die KP-Kader halten Nord-Korea die Treue und kleiden sich bei Gucci ein. Wie lange werden solche Widersprüche auszuhalten sein?
Das «Leben in der Lüge» hat zur Folge, dass das Interesse am Öffentlichen und an der Politik erlischt. Die Studenten, mit denen wir sprechen, wissen wenig von der jüngeren chinesischen Geschichte.Während der Vorlesungen blicken sie auf ihre Handy- Displays und spielen damit herum. Zensur im Internet kümmert sie nicht, denn die ist leicht zu umgehen. Trotzdem wachsen sie recht isoliert auf. Am Bahnhof spricht mich ein junger Mann an, der darum bittet, ein paar Sätze auf Englisch mit mir wechseln zu dürfen. Er trägt einen riesengroßen, gelben Plüschbären mit sich herum und gesteht, noch nie zuvor mit einem Fremden gesprochen zu haben. Er studiert Physik und fährt zu seiner Freundin, der er den Bären schenken will. Sein Englisch ist nur schwer zu verstehen.
Die Generation, die nach 1989 aufwuchs, wurde systematisch entpolitisiert.Weil über 1989 und die Demokratiebewegung nicht gesprochen wird, weiß sie nichts davon. Es geht um Konsum, Wohlstand,Wachstum. Im Fernsehen laufen andauernd Volksmusiksendungen, deren Ästhetik an DDR-Unterhaltung erinnert.
Dazwischen Werbung für Brustvergrößerungen und Gesichts-Chirurgie: Europäische Rundaugen sind im Trend. Bei «Massaker» denkt niemand an den Tiananmen-Platz und das Jahr 1989, sondern allenfalls an die japanische Invasion und die Besetzung Nanjings im Jahr 1937. Überall in der Stadt stößt man auf wuchtige Mahnmale, die daran erinnern. Der Film «John Rabe» lief auch hier in den Kinos, stieß aber auf wenig Gegenliebe, weil Chinesen darin nur als Statisten vorkommen. Und das von Siemens gesponsorte John-Rabe-Haus im Stadtzentrum ist vor allem eine Anlaufstelle für Touristen.
Völlig undenkbar jedoch, dass ein Roman wie «Peking Koma» von Ma Jian, der im Londoner Exil lebt, hier erscheinen könnte – ein großes Werk über die Studentenbewegung der achtziger Jahre, über die Sehnsucht nach sexueller Ausschweifung und intellektueller Freiheit, bis hin zur blutigen Niederschlagung der Demonstrationen. Der KP ist es gelungen, die Erinnerung an diese Ereignisse bei der nachfolgenden Generation auszulöschen. Das ist leicht, da in China alles auf Zukunft ausgerichtet ist. Es gibt kein Geschichtsbewusstsein, keine der deutschen vergleichbare Erinnerungskultur. Vergangenheit kommt nur vor, wenn sie der eigenen Heroisierung dient. Das gilt auch für Mao, der jeden Geldschein ziert. Mao ist der Staatsgründer, dem Ehre gebührt. Die Verbrechen der Kulturrevolution werden auf seltsame Weise gesondert davon betrachtet, als ob sie ihm nicht persönlich anzulasten wären. Dabei wird darüber durchaus diskutiert. Yu Huas aktueller Roman «Brüder» beispielsweise schildert die Ereignisse in drastischer Brutalität und hatte in China eine Millionenauflage. Aber was bedeutet das bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden? Die Studenten, so ist zu hören, kommen kaum zum Lesen jenseits ihres offiziellen Pensums. Literatur ist Luxus. Dafür haben sie keine Zeit.

Organisiert euch! Bringt die Produktion voran!
So erklärt man es uns bei Yilin Press, einemVerlag, der in einem Hochhaus im Stadtzentrum von Nanjing residiert. Yilin Press gehört zur Phoenix-Verlagsgruppe, einer staatlichen Holding mit 9600 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von weit über einer Milliarde Euro.Phoenix verdient Geld nicht nur mit Büchern und Zeitschriften, sondern auch mit Immobilien- und Aktiengeschäften und einem eigenen Hotel. Yilin Press ist für die ausländische Literatur zuständig. Mehr als 800 Bücher, davon rund 250 Neuerscheinungen, kommen jedes Jahr heraus – europäische Klassiker von Proust bis Joyce, junge Literatur aus den USA, und aus Deutschland Bücher von Wilhelm Genazino,W.G. Sebald oder Günter Grass, dessen «Zwiebel» demnächst erscheinen wird. Bernhard Schlinks «Vorleser» hat sich 150.000-mal verkauft und gilt als das wichtigste Buch der deutschen Gegenwartsliteratur. Auch Habermas ist im Programm; eine deutsche Literaturgeschichte in fünf Bänden ist im Entstehen. Klassiker erscheinen in neuen Übersetzungen mit Vorworten chinesischer Autoren, etwa Goethes «Die Leiden des jungen Werther»: Ye Zhaoyan nimmt das Buch zum Anlass, sich über das alt-europäische Chinabild lustig zu machen, wo immerzu Goldfische in den Teichen plätschern,Vögel auf den Zweigen singen, dieTage heiter und sonnig sind und die Menschen im Einklang mit der Natur leben.
«Transmit, Translate, Transcend» – das Yilin-Motto steht über dem Ledersofa an derWand. Der Verlagschef Gu Aibin begrüßt uns in einem Raum, der mit Wimpeln, Urkunden, Erfolgstabellen und Pokalen in Glasvitrinen geschmückt ist, als handle es sich um das Vereinsheim eines Fußballclubs. Wie Trophäen stehen da auch die Autobiografien von Hillary und Bill Clinton – obwohl es doch um Hillarys Lebensbericht einigen Wirbel gab: China betreffende Passagen seien weggelassen oder geglättet worden. So fehle in der chinesischen Ausgabe der Hinweis, dass Hillary sich durch die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz 1989 verfolgt fühle. Der Verlagschef hält das für Lappalien oder bloße «Missverständnisse ». Es sei nunmal nichtmöglich, alles eins zu eins zu übersetzen.
So windelweich diese Erklärung, so richtig ist es aber auch, dass westliche Vorstellungen von der Zensur in China übertrieben sind. Im Westen verwandeln sich Verbote rasch in Werbeargumente: So bewirbt der Ullstein Verlag den Roman «DerTraum meines Großvaters» von Yan Lianke mit dem Etikett «In China verboten », um damit die Neugier der Leser anzustacheln. Yan Lianke erzählt von einem AIDS-Skandal in einem chinesischen Dorf in den neunziger Jahren, dessen Bewohner sich beim Blutspenden angesteckt haben. Der Fall wurde vertuscht und sollte auch nicht als literarische Geschichte publik werden. Immer dann, wenn Literatur die Funktion einer Ersatz-Öffentlichkeit übernimmt, kann es problematisch werden.Doch in der Breite dient sie weniger der politischen Auseinandersetzung als der Unterhaltung. Der Markt funktioniert als bester Zensor. Offiziell dürfen Autoren schreiben,was sie wollen, und haben nichts zu befürchten – heißt es.Der Fall des Dissidenten Liu Xiaobo, der im Juni verhaftetwurde, beweist jedoch,wo die Grenzen sind: Liu gehört zu den Unterzeichnern der Charta 08, in der ein Ende der Ein-Parteien-Herrschaft gefordert wird.
Rechtlich sind es jedoch die Verlage, die für den Inhalt der Publikationen einzustehen haben. Sie müssen für jeden Titel eine Lizenz erwerben und sich dabei genau überlegen, was und wie viel sie riskieren. So wird Zensur zu Selbstzensur, und es ist eben kein Zufall, wenn heikle Stellen und Themen fehlen. Darüber erfährt man in der Ausstellung zur ruhmreichen Phoenix-Verlagsgeschichte in einer der oberen Etagen des Hauses nichts. Sie beginnt mit dem ersten Titel aus dem Jahr 1953: «Organisiert euch und bringt die Produktion voran!» Das ist über alle Zeiten- und Politikwechsel hinweg aktuell.

Künstliche Natur und Tiere aus Plastik
Am letzten Tag unserer Reise unternehmen wir einen Ausflug auf die Insel Chongming im Mündungsgebiet des Yangtse ,voller Hoffnung auf ein bisschen Natur, Strand und gute Luft. Da gibt es nichts, da ist nur Wald, sagt Professorin Fan Zhang, die uns begleitet.Am Hafen der Hauptstadt mit immerhin 800.000 Einwohnern holt uns eine ihrer Studentinnen ab, zusammen mit ihren Eltern. Der Vater, ein wohlgenährter, fröhlicher Mann, der mit Immobilien offenbar sehr viel Geld verdient, fährt uns in einem dicken, schwarzen Audi mit getönten Scheiben zu den Sehenswürdigkeiten der Insel – zunächst in einen neu angelegten Park mit künstlichem Teich und lebensgroßen Plastik-Zebras und Pandas.Wir rollen dort in einem offenen Elektrobus zum Restaurant und werden so üppig mit Krabben, Krebsen, Huhn, Eselgulasch und Tiefseefisch bewirtet, dass es weniger auf das Essen als auf die Darstellung des Reichtums anzukommen scheint.
Dann geht es weiter zu einem Museumsdorf, in dem traditionelle Bambushütten, eine Wasser-Tretmühle und eine Frau am Webstuhl zu besichtigen sind. Dritte Station ist eine Halle, in der versteinerte Bäume und eine Wüstenlandschaft aufgebaut sind. Chongming ist für den Tourismus auserkoren und gehört zum Ausbauprogramm Shanghais.Wenn zur Expo die Touristen kommen, dann werden sie auf Chongming Plastiktiere besichtigen. Denn eine Natur, die nicht von Menschen gemacht ist, wäre ja langweilig. Im Audi fahren wir auf nagelneuen, breiten Straßen zum Hafen zurück. Dort überreicht uns der Immobilienmakler jeweils zwei Flaschen Reiswein und einen ziegelsteinschweren, bunten Karton,der einen Klebreiskuchen enthält – die Spezialität der Region. Essen könnte das nur eine Großfamilie im Lauf einerWoche. Fürs Handgepäck ist das Paket auch nicht geeignet. Und so beschließe ich, es im Kühlschrank des Hotelzimmers zurückzulassen, fürs Zimmermädchen oder einen wirklich sehr hungrigen Gast.




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