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Der letzte Vampir
VON FRAUKE MEYER-GOSAU
Wenn einer, der soeben in ein von ihm selbst frisch gebügeltes Hemd geschlüpft ist, um sich nach London zu einer internationalen Polizeikonferenz über die «Regelung der Migrationsströme » zu begeben, zuvor noch schnell bei einer schwierigen Katzengeburt assistiert (widerwillig, aber immerhin), dann handelt es sich bei dieser Person aller Wahrscheinlichkeit nach um Jean-Baptiste Adamsberg. Der Mann ist Kommissar im Pariser 13. Arrondissement, «Wolkenschieber» sowie Held der Kriminalromane von Fred Vargas – ein Wesen mit sehr besonderen Anlagen und Verhaltensweisen. Allerdings kann er über seine Talente keineswegs bewusst und planmäßig verfügen. Vielmehr wird Kommissar Adamsberg in all seinen Handlungen und Reaktionen unausweichlich von ihnen bestimmt. Im neuen Vargas-Krimi «Der verbotene Ort» (Aufbau, Berlin 2009. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. 424 S., 19,95 ¤) fasst ein Arzt die Personenbeschreibung des Kommissars zusammen: «Das fast vollständige Fehlen von Angst» erkennt der Osteopath Dr. Josselin als dessen hervorstechendste Eigenschaft. «Im Gegenzug ist freilich auch die Gefühlsintensität reduziert, das Begehren von Dingen ist mäßig, es liegt ein Hang zum Fatalismus vor,hin und wieder die Versuchung, sich allem durch Flucht zu entziehen,dazu Schwierigkeiten mit dem Umfeld (…). Und, was noch interessanter ist, der Übergang zwischen den Regionen des Bewusstseins und des Unterbewusstseins ist fließend» – eine Eigenschaft, die man gemeinhin als Intuition bezeichnet. Sie ist es, die Adamsberg in seiner Arbeit die Richtung vorgibt (und damit unvermeidlich alle möglichen Schwierigkeiten). Auch im neuen Fall ist das nicht anders. Und da Adamsberg zeitweilig nicht nur um seine Führungsposition in der Brigade criminelle der Pariser Polizei, sondern sogar umsein Leben fürchten muss, wird die Intuition zu seinem letzten und eigentlichen Schutz – spannenderweise jedoch immer wieder auch zur Ursache höchster Gefährdung. Denn zuerst in London, dann in Paris und nicht zuletzt im bosnischen Dorf Kiseljevo gehen Dinge vor, von denen der normale Menschenverstand sich nichts träumen lässt; unter den vielen Spuren, die in diesem Fall zu verfolgen sind, führt eine schließlich sogar bis in die höchsten Kreise der französischen Justiz. Adamsbergs innere Durchlässigkeit zwischen messerscharfer Logik einerseits und einer unhintergehbaren Witterung für obskure Zusammenhänge auf der anderen Seite ist schließlich aber auch der Grund dafür, dass im Finale selbst das Irrationalste noch auf einen Boden logisch nachvollziehbarer Tatsachen zurückgeführt wird. Wie ein brutaler Spuk fängt in London alles an. Die siebzehn Schuhe verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft, die eines Abends säuberlich aufgereiht vor den Toren des mythen umwobenen Friedhofs Highgate gefunden werden, haben nämlich nicht nur die Eigenheit, dass die Füße, zudenensie einmal gehörten,noch in ihnen stecken; die Beine und übrigen Körperteile hingegenfehlen. Die Schuhe stehen über dies im Zusammenhang mit einem grausigen Leichenfund in der Nähe von Paris, bei demvon einer Leiche wegen deren kleinstmöglicher Verteilung auf das Wohnzimmer des Opfers freilich nicht mehr so recht die Rede seinkann. Die Schuhe der namenlosen Toten wie der in minimalste Partikelchen zerriebene alte Mann lenken die Schritte des Kommissars alsbald in eine Richtung, in die sich kein rational denken der Mensch am Beginn des dritten Jahrtausends im Ernst bewegen würde, um den Ursprung gegenwärtiger, über ganz Europa sich verbreitender Verbrechen zu suchen: in das bosnische Kiseljevo, an jenen «verbotenen Ort», von dem aus ein gewisser Peter Plogojowitz, der erste aktenkundige Vampir, zu Beginn des 18. Jahrhunderts sein Unwesen zu treiben begann. Mit «Migrationsströmen», um deretwillen Kommissar Adamsberg zu Anfang des Romans nach London reist, hat auch dieser Fall letztlich nicht wenig zu tun. Die Familie des angeblichen Vampirs wie diejenige seiner ersten Opfer wanderten im Laufe der Jahrhunderte über Ost- nachWesteuropa. Nur folgte ihre Ausbreitung über verschiedene Länder eben keiner staatlichen Kontrolle, sodass ihre Wege nur aufgrund ihrer je nach Zuwanderungsland und -sprache modifizierten Namen zu verfolgen sind. Im Paris der Gegenwart kommen sie schließlich ans Ende – auf blutige Art,wie es sich unter konkurrierenden Vampir-Sippen gehört. In den Reaktionen der Brigade criminelle aber, inder ein Verräter Adamsberg an den Rand der Amtsenthebung treibt, spiegelt sich die jahrhunderte alte Auseinandersetzung zwischen Rationalisten und Dämonen gläubigen: Haben über sinnliche Kräfte Einfluss auf das Schicksal der Menschen, müssen sich die Polizisten fragen, oder handelt es sich um einen wissenschaftlich längst widerlegten Aberglauben? Das ist eine Frage so recht nach Fred Vargas’ Geschmack: Nach der Pest und dem verderblichen Wirken von Werwölfen hatte sie es zuletzt immerhin mit der verrückten Hoffnung auf ein ewiges Leben (und den dazu notwendigen Menschenopfern wie Essenzen) aufgenommen. Die Freude ist aber gleichermaßen auf Seiten ihrer Leser – schwer zu entscheiden, ob dies nicht vielleicht der beste Roman der «Königin des roman policière» ist. Dass der Kommissar, der bekanntlich Mühe hat, sich auch nur die Namen seiner nächsten Mitarbeiter zu merken, am Ende in serbischen Floskeln spricht und sich unvermutet als Vater eines fast erwachsenen Sohnes wiederfindet, hat übrigens bei aller ausgiebig beschworenen Dämonie rein natürliche Gründe.
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