|
...Dublin
VON HANS-CHRISTIAN OESER
Der Fahrgast, der die Küstenschnellbahn besteigt, um in die Innenstadt Dublins zu gelangen, hat dieQual der Wahl: Naturschönes und Kunstschönes wetteifern um seine Aufmerksamkeit. Eben noch schaute er über die spiegelglatte Fläche der Irischen See, da fällt sein Blick auf das Poster «Poetry inMotion», eine Initiative, die den Berufstätigen die tägliche Pendelstrecke mit lyrischen Kostproben versüßen soll. Heute hängt hier Robert Frosts kunstvoll komponierteTerzine über Nacht und Zeit und Einsamkeit: «I have been one acquainted with thenight. / I have walked out inrain– and back in rain. / I have outwalked the furthest city light.» Die halbstündige Fahrt reicht aus, um das Gedicht auswendig zulernen,und in jedem Wagen wartet ein anderes. Nach wenigen Wochen oder Monaten könnte man im Kopf eine ganze Anthologie mit sich herumtragen. Dún Laoghaire ist Veranstaltungsort eines Lyrikfestivals, dessen Name «Poetry Now» nicht nur eine Bestandsaufnahme der Gegenwartslyrik verspricht, sondern sich ebenso als kulturpolitischer Schlachtruf deuten lässt, nach Art des Sprechchors,den alle irischen Demonstranten unabhängig von Anlass und Forderung anstimmen: «What do we want?» – «Poetry!» – «When do we want it?» – «Now!» Im Rahmen des diesjährigen Festivals wurde der 70.Geburtstag von Seamus Heaney begangen, dem vierten irischen Literaturnobelpreisträger nach Yeats, Shaw und Beckett. Siebzehn Teilnehmer rezitierten Gedichte von oder für Heaney, der mit seiner gravitätischen Erscheinung, seinem weißen Haupthaar, dem listigen Blick über dieBrillengläser hinweg, der Druckreife seiner Äußerungen und seiner unblasierten Freundlichkeit immermehr dem Bild gleicht, das man sich von einem verdienten Künstler des Volkes macht. Die in die Zehntausende gehenden Auflagen seiner bislang elf Gedicht-Sammlungen – normalerweise verkauft sich ein Lyrikband zwischen sechzig- und sechshundertmal – bezeugen, dass es sich in der Tat um einen Dichter des Volkes, wenn auch nicht um einen Volksdichter handelt. Der Respekt, der Seamus Heaney gezollt wird – kein Ire, der nicht seinen Namen kennt, kein Schüler, der nicht seine Gedichte interpretiert hätte –,mag mit dem traditionellen irischen Respekt vor der Sprache zusammenhängen. Sprache, Überlieferung und Volksmusik sind die wichtigsten Vehikel nationaler Selbstfindung und Selbstbehauptung, erst durch den «Großen Sprung» des auf materiellen Wohlstand ausgerichteten «Keltischen Tigers» traten sie in den Hintergrund: Zusammen mit den Fesseln der katholischen Kirche wurden auch die Bindungen an eine überkommene Lebenswelt abgestreift. Doch die Bedeutung der Dichtkunst als einer Form des kollektiven Gedächtnisses reichtweit zurück. Nicht nur spielte sie eine vorbereitende, begleitende und verarbeitende Rolle im irischen Freiheitskampf – unter den sieben Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung von 1916 waren zwei maßgebliche Lyriker; vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit hatten die in eine strenge Hierarchie eingebundenen filí als Mythologen, Topografen und Genealogen überdies eine herausragende Funktion an den Höfen der gälischen Aristokratie. Während «Lyriker» wohl eher eine sachliche Berufsbezeichnung ist, schwingt beidem Wort «poet» eine gewisse Emphase mit – ein«Irish poet» versteht sich womöglich noch immer als einer von Shelleys «unerkannten Gesetzgebern derWelt».KeinWunder, dass bei einem anderen Literaturfestival nahezu jeder Diskussionsteilnehmer aus dem Publikum sich mit den Worten vorstellte: «My name is ***. I am an Irish poet.» Irlands stehendes Heer von 10.000 Poeten erhält demnach ständig Zuwachs. Wenn man laut Tom McIntyre bei jedem Steinwurf über eine Hecke einen Dichter trifft, ist amöffentlichen Profil dieser Spezies einfach kein Vorbeikommen: Als Michael Hartnett starb, stellte man in der Galwayer Buchhandlung «Kenny’s» ein Foto und eine brennende Kerze ins Schaufenster; als Desmond O’Grady das Manuskript seines letzten Gedichtbandes abhanden kam, machte der Fall Schlagzeilen in der überregionalen Presse; als Cathal O’Searcaig hin einem Dokumentarfilmals schwuler Sextourist in Nepal gebrandmarkt wurde, tobte in den Medien wochenlang ein bitterer Streit um Sinnlichkeit und Sittlichkeit, aber auch um Künstlerprivilegien wie Einkommensteuerbefreiung, staatliche Leibrente und Zuschüsse aus dem Säckel des Grafschaftsrates. Die irische «Dichterdichte» lässt sich leicht ironisieren. Schon Brendan Behan mokierte sich: «Die sind alle nach ihrer Vorstellung Dichter und Schriftsteller – zuerst kommen die Schriftsteller aus Kerry – die Romanschreiber vorneweg –, dann die Dramatiker aus Kerry, die Essayisten aus Kerry, und wenn man dann alle Grafschaften durch hat, ist eine ganze Menge zusammengekommen.» Ist angesichts einer Situation, in der es mehr Verfasser als Leser vonVersen zu geben scheint, möglicherweise der Zeitpunkt für eine Radikalkur gekommen? Man könnte die ganze Bagage ins Exil verbannen, ebenfalls eine bewährte Tradition: Bereits 575 n. Chr. wusste nur der Heilige Columcille zuverhindern,dass die «Männer Irlands» die als «zahlreich, arrogant und lästig» empfundene Zunft von der Insel vertrieben. P.S. Soeben meldet die irische Presse, dass Desmond O’Gradys Manuskript nach zwei Monaten wieder aufgetaucht ist. Es war auf einem Pferdemarkt verlorengegangen, nachdem ein Freund, der es in Verwahrung genommen hatte, es auf dem Boden abgelegt hatte, um ein Pferd zu besteigen. Jemand hatte es aufgehoben, mit nach Hause genommen, längere Zeit darin geschmökert und schickte es endlich dem Autor mit der Post zu.
HANS CHRISTIAN OESER lebt in Dublin und wurde als Übersetzer englischsprachiger Literatur vielfach ausgezeichnet. Im Frühjahr 2009 war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert
|