Schöne neue Welt, renoviert ROMAN Juli Zeh schreibt im Schatten von Aldous Huxley und George Orwell die negative Utopie fort – und landet beim «Second Life»
Kaum ist das gleichnamige Theaterstück aufgeführt, kaum der Roman erschienen, schon sitzt Juli Zeh wieder an ihrem Leidenschaftsthema: Schluss mit der Käfighaltung des Menschen zwecks Body Enhancement und eusozialer Perfektion. «Eusozial» nennen die Biologen die glückliche Kooperation in Insektenstaaten. Nicht zufällig klingt das Wort nach Eugenik und Euthanasie, denn beides lauert hinter der Organisation unseres schieren körperlichen Zusammenlebens. In der «Zeit» vom 30. April benannte Juli Zeh ihren Verdacht: Man gängelt uns vorgeblich, um «antisoziales» Verhalten zu tilgen, in Wahrheit aber womöglich nur, um wieder ein neues Feindbild zu etablieren. Der Bürger, sagt sie, soll sich verdammt nochmal seines eigenen Verstandes bedienen. Kant lässt grüßen – aber nicht auch eine gehörige Verschwörungsangst?
Juli Zehs Roman «Corpus Delicti» jedenfalls inszeniert eine Gesundheitsfürsorge, die sich zur Diktatur ausgewachsen hat. Dabei geht es nicht um dramatische Weltmaßnahmen wie jüngst bei der Schweinegrippe, eher um ein Probehandeln im Argument. Muskulös, szenisch wie sprachlich, wird der Leser hier in den Prozess gezogen, den das Individuum Mia Holl gegen die Diktatur anstrengen will – und verliert. Ihre Anklage handelt vom Selbstmord ihres Bruders. Die Beweise, dass das Gericht selbst ihn dazu getrieben hat, kommen auf den Tisch und führen zur sadistischsten Strafe gegen die Klägerin: ein farbloses Dasein im strangulierenden Alltag.
Diktatur der Gesundheit
«Corpus Delicti» kam schon nach wenigen Monaten bei dreißigtausend verkauften Exemplaren an, und wer sich für eine dramatisch dystopische Parabel interessiert, ist hier in der Tat am rechten Erinnerungsort: Aufklärung Schlag auf Schlag, kunstvoll verwobene literarische Bildung und Witz. Auch der Subtext funktioniert tadellos – Juli Zeh hat ihre Vorläufer gut gelesen. Aldous Huxleys «Schöne neue Welt» (1932) zeichnete noch das Bild einer Pharmadiktatur als paradiesischen Menschenpark, schmerz- und leidfrei, George Orwells «1984» (1949) handelte schon vom Terror politischer Indoktrination, glücks und liebesfrei.
In beiden Romanen sollte die Liebe das jeweilige System aushebeln und scheitert daran. Juli Zeh hat diesen Ansatz nun relaunched. In wenigen Jahren, so ihre Prognose, wird die Gesellschaft pervers gesund sein, wenn nur jeder jeden überwacht – und die «Große Methode» alle zusammen. Danach gibt es dann weder Sex-, noch Geistes-, noch Kriegslust; der oberste «Gesunde Menschenverstand» verkommt stattdessen zur reinen eusozialen Funktionslust. So wird auch bei Juli Zeh die Liebe zum zentralen Thema – doch was für eine Liebe ist das? Mia Holl liebt inzestuös ihren Bruder, aber auch dessen «immaterielle» Geliebte und tatsächlich schließlich noch ihren Henker. Sie wird zum Liebesungeheuer eigener Sorte, ohne fassbares Alter Ego.
Der Bruder ist längst begraben, die «ideale Geliebte» ein fleischloses Hirnkonstrukt, ihr Peiniger Heinrich Kramer simuliert Leben nur als sadistische Maschine – mit anderenWorten:LiebendesAnderssein, das ihreVorgänger noch farbig schilderten, ist aus Juli Zehs Setting gänzlich verschwunden. In der Leerstelle aber erkennt man, überraschend aktuell, ein neues literarisches Werkzeug: die «Ideale Geliebte». Mia lässt sich von ihr die innere Stimme ersetzen, wie einst Sokrates im Gespräch mit seinem Dämon. Doch bleibt es bei einemflüsternden Imitat. Aus wurmartigen Kupferdrähten verschweißt, gehört diese Geliebte ganzd eutlich zum Second Life, in ein Computerspiel. Juli Zeh hält Gericht über die allseits drohende Sterilität. Wer könnte etwas dagegen haben, dass sie sich auch hier wieder in ein großes Thema einmischt?
CLAUDIA SCHMÖLDERS
JULI ZEH
Corpus Delicti. Ein Prozess
Schöffling, Frankfurt a.M. 2009. 272 S., 19,90 ¤