Ma Jian Red Dust
Nur noch zwanzigtausend Tage zu leben Warum der Künstler und Schriftsteller Ma Jian im Jahr 1983 Beijing verließ, um sich auf eine lange Reise durch die Volksrepublik China zu begeben – und was er unterwegs erlebte
VON JÖRG MAGENAU Roter Staub – das ist der Staub der Landstraßen. Es ist der «Staub der Welt» und der «Staub der Illusionen», vielleicht auch der Staub, der von der kommunistischen Ideologie in China übrig bleiben wird. Ma Jian, Schriftsteller, Maler und Fotograf aus Beijing, ist in seinem Heimatland Person a non grata, dabei kennt er das Reich der Mitte wie kein Zweiter. Für drei lange Jahre, von 1983 bis 1986, begaber sich auf eine Entdeckungsreise, die ihn noch in die abgelegensten Provinzen führte, ins öde nordwestliche Gansu wie in den Regenwald Yunnans im Grenzgebiet zu Burma, nach Guangzhou, dem Vorposten der Volksrepublik vor Hongkong, wie nach Tibet.
Ma Jian reist mit dem Zug oder dem Bus, per Anhalter in Lkws oder auf Traktoren, meistens aber zu Fuß. Er erklimmt die Berge des Himalaya, bis ihm auf 5000 Meter Höhe die Luft ausgeht. Er durchquert unter Lebensgefahr reißende Flüsse und verirrt sich in der endlosen Weite der Ordos-Wüste. Seine Wanderschaft ist Flucht, Hinwendung zu sich selbst oder auch nur monotone Vorwärtsbewegung. Seit er begriffen hat, dass er «nur noch zwanzigtausend Tage zu leben hat», will er keinen davon verschwenden. «China ist ein schwarzes Loch, in das ich eintauchen möchte», schreibt er in sein Notizbuch. «Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Ich weiß nur, dass ich weg musste. Alles, was ich war, trage ich bei mir, alles, was ich sein werde, wartet auf der Straße vor mir. Ich will im Gehen denken, auf der Flucht leben. Nie wieder kann ich mein Leben in einem einzigen Raumverbringen, das halte ich nicht aus.»
Eine Fahrkarte statt Selbstkritik
Ma Jian, Jahrgang 1953, gehörte, bevor er sich in einen chinesischen Hobo verwandelte, zur künstlerischen Boheme Beijings. Sein Freundeskreis bestand aus Malern, Dichtern und Journalisten, einer Primaballerina und einer Schauspielerin. Sie tranken, feierten und liebten sich und diskutierten über westliche Literatur: Becketts «Warten auf Godot», WaltWhitmans «Gesang von der Landstraße» oder das «Porträt des Künstlers als junger Mann» von James Joyce. Zugleich aber blieben sie eingebunden in ein Berufsleben als Bankangestellte, Buchhalter, Redakteure, allesamt betraut mit propagandistischen Aufgaben.
Auch Ma Jian arbeitete in der «Abteilung Propaganda» eines Verlags, seine Aufgabe bestand in der Gestaltung von Bildbänden. Immer wieder bekam er Schwierigkeiten mit Vorgesetzten, die ihm politische Subversion unterstellten, wenn etwa auf einem Umschlag ein Fragezeichen auftauchte. Schließlich wurde er ins «Amt für öffentliche Sicherheit» zitiert und verhört. «Wer für die Partei arbeitet, muss lernen,die Realität zu verfälschen», stellt Ma Jian fest. Doch anstatt sich der kommunistischen Prozedur der «Selbstkritik» zu unterwerfen, kauft er sich lieber eine Fahrkarte für den Zug ins abgelegene Urumqi. China ist groß genug, um darin zu verschwinden. Das muss Ma Jian aber auch, denn als herumziehender Vagabund ist er per se verdächtig: Reisende sind Individualisten, und Individualisten können nicht auf Parteilinie sein.
Auch das private Leben war im Beijing der achtziger Jahre von beklemmender Enge. Ma Jians Frau, Tänzerin einer Propagandatruppe, trennte sich von ihm und sorgte dafür, dass er als politisch unzuverlässiges Subjekt die gemeinsame Tochter bald nicht mehr sehen durfte. 1983, sieben Jahre nach Maos Tod, begann die «Kampagne gegen geistige Verschmutzung», gegen «Rowdytum» und sexuelle Libertinage. Das gesellschaftliche Klima dieser Zeit erinnert an die DDR der sechziger Jahre unter Ulbricht, in der es ähnlich spießbürgerlich zuging. Ma Jianwar schon deshalb moralisch fragwürdig, weil er auch Aktfotos machte – selbst Paare, die sich auf der Straße küssten, konnten verhaftet werden. Bei ihren alkoholreichen nächtlichen Zusammenkünften mussten die versammelten Künstler jederzeit fürchten, dass die Polizei die Wohnung stürmte. Es ist diese Atmosphäre der Überwachung, der Prüderie und Enge, die Ma Jian in die Flucht trieb. Wäre er geblieben, hätte er mit baldiger Verhaftung rechnen müssen. Dass im Lauf der «Kampagne gegen geistige Verschmutzung» eine Million Menschen in haftiert und 24.000 hingerichtet wurden, erfährt man im Buch viel später und nur nebenbei. Ma Jian ist nicht der Typ, der sich zum Widerständler und Heroen stilisiert.
Körpergerüche aus dreißig Jahren
Als Berichterstatter zeichnet er sich dadurch aus, dass er nie die Fassung verliert, egal was passiert. «Gefahr ist nicht aufregend», sagt er, «sie beweist nur die eigene Unfähigkeit.» Ob er Urin trinkt, um in der Wüste zu überleben, von Flöhen zerstochen oder von Ganoven ausgeraubt wird, ob er Brot stiehlt, weil er kein Geld hat, oder bei einem Bauern an der Grenze zu Vietnam eine Decke bekommt, die noch aus dem Koreakrieg stammt und an der «Körpergerüche aus 30 Jahrenhaften» –Ma Jian nimmt die Dinge und Situationen stoisch zur Kenntnis und schreibt damit möglichen Ekel von sich weg. Er ist neugierig und offen und ohne alle Scheuklappen, seien sie ideologischer, moralischer oder ästhetischer Art. Er schreibt nüchtern und präzise und ohne jedes Pathos. Satz folgt auf Satz, beeindruckend schmucklos und gerade dadurch von großer Klarheit und Präzision.
Wenn Ma – weit im Norden, fast schon in der Mongolei – bei Höhlenbewohnern übernachtet, wirkt die Szene wie ein altes Genrebildchen: «Es ist schön, in einer Höhle zu wohnen. Nebenan sitzt die ganze Familie auf dem gemauerten Bett. Es riecht nach Maisgrütze. Die Kinder machen Hausaufgaben, die Großmutter dreht Hanf, die Frau knetet auf einem Holzbrett Teig.» Im selben Tonfall berichtet er von einer «Himmelsbestattung» in Tibet. Eine junge Frau ist während der Geburt ihres Kindes gestorben. Sie war mit mehreren Brüdern verheiratet, wie es im Dorf Brauch ist. Die Leiche wird auf einen Bestattungsplatz gebracht, auf dem Knochenreste und menschliches Haar herumliegen. Dort wird sie, wie es Sitte ist, zerlegt und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen. «Schwarze Krähen bedecken den Fels und warten auf ihre Chance. In dem Augenblick, in dem Dawa mit dem Messer durch Myimas Gesicht fährt und die Haut zurückzieht, vergesse ich, wie sie ausgesehen hat. Dorje schneidet ihr Fleisch in kleine Stücke, hämmert ihre Finger zu Brei und wirft sie den Krähen hin. Ein Schwarm Geier balgt sich um die Eingeweide.»
Immer wieder stößt Ma Jian, ausgerüstet mit gefälschten Empfehlungsschreiben, die ihn als Journalisten ausweisen, in Randbezirke der menschlichen Existenz vor. Er besucht eine Lepra-Station, lernt Christen kennen, die ein aus einem Fensterkreuz gefertigtes Kruzifix mit sich herumtragen, und besucht eine trostlose Entbindungsstation, in der jeweils zwei Frauen in einem Bett liegen, weil es an Platz mangelt. Auf archaische Weise werden Abtreibungen vorgenommen, während im selben Bett Geburten stattfinden. Ma Jian beschließt diese Szenerie mit dem Hinweis darauf, dass der Arzt «seine Klöße heute abend mit frischer Plazenta füllen wird».
Die Komplizenschaft des Zeugen
Fremde Länder, fremde Sitten: In einer Kneipe lernt er einen Mann kennen, der davon lebt, Frauen die Spirale zu entfernen – illegal versteht sich, denndas verstößt gegen die Ein-Kind-Politik. In einem Dorf in der Provinz Guizhou erlebt er, wie die örtlichen Parteimitglieder einem Mann nachstellen, der schon mehrere Kinder gezeugt hat. Sie nehmen ihn fest und bringen ihn ins «Haus des Komitees». Dort «binden sie ihn auf einem Tisch fest, schneiden ihm den Bauch auf und durchtrennen den Samenleiter. Am Nachmittag kauert er im Büro und will sich nicht von der Stelle rühren, aber niemand nimmt von ihm Notiz.»
Die mitleidslose Zeugenschaft des Reisenden schlägt nicht nur an dieser Stelle fast schon in Komplizenschaft um. Moral ist jedenfalls keine Haltung, mit der sich auf der Straße das eigene Überleben sichern ließe. Ma Jian wird, wenn nötig, zu einem Kleinkriminellen, der sich mit fragwürdigen Geschäften über Wasser hält; einmal verkauft er Waschpulver in kleinen Tütchen, als Wundermittel für weiße Zähne, und macht damit einen satten Gewinn. Er lebt aber auch vom Schreiben, denn seine Freunde bringen Texte, die er ihnen schickt, in Literaturzeitschriften unter. Es sind widersprüchliche Jahre in China, in denen Freiheit und Zensur, Überwachungsstaatlichkeit und individueller Bewegungsspielraum immer neu ausgelotet werden müssen. Ma Jian lernt Familien kennen, die Mao Zedong zerstört hat, und bei denen doch immer noch ein Bildnis Maos an der Wand hängt: «Denn sie alle wissen, dass die Geschichte Chinas sich so häufig wendet,wie der Gelbe Fluss über die Ufer tritt.»
«Mein Leben hat Grenzen»
Nicht ganz zufällig erkundet der Umherreisende vorzugsweise die Randbezirke Chinas. Grenzen ziehen ihn an – die äußeren, aber mehr noch die eigenen. Er will wissen, wie weit er gehen kann, bevor er vor Schwäche umfällt. «Ich bin zu einem Wanderautomaten geworden», stellt er schließlich fest, «doch je weiter ich wandere, desto weniger weiß ich, warum.» Um sich ein sprituelles Ziel zu geben, versucht er sich eine Zeit lang als Buddhist, doch seine Erfahrungen in Tibet mit Lamas, die nur noch Souvenirs an Touristen verkaufen und für jedes Foto zwanzig Yuan verlangen, bringen ihn wieder davon ab. Seine Religion ist die Straße, die «das Leben in Form von Entfernung misst».
Am Ende, nach dreijähriger Wanderschaft, stößt Ma Jian dann aber doch an seine Grenzen. Nachdem er in einem tibetischen Dorf ranzige Yakbutter gegessen hat, wird er von so heftigen Koliken gequält, dass er fürchtet, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. In diesen Stunden beschließt er, nach Beijing zurückzukehren: «Ich habe das Reisen satt. Ich muss mich an etwas Vertrautem festhalten können, und wenn es nur eine Tasse Tee ist. In der Wildnis kann ich nicht leben – die Natur ist grenzenlos, aber mein Leben hat Grenzen.»
Doch in Beijing wurde Ma Jian nicht mehr heimisch. 1986 ging er nach Hongkong, wo er einen Verlag gründete. 1997 zog er nach Deutschland, zwei Jahre später nach England. Heute lebt er in London und publiziert in englischer Sprache. «Red Dust» ist 2001 in Großbritannien erschienen. Ma Jians großer Roman «Peking Koma» aus dem Jahr 2008, der sich mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens befasst, wird im September bei Rowohlt in deutscher Übersetzung vorliegen.
MA JIAN Red Dust. Drei Jahre unterwegs in China Aus dem Englischen von Barbara Heller. SchirmerGraf, München 2009. 422 S., 24,80 ¤ |