Martin Geck Wenn der Buckelwal in die Oper geht
«Ohne in das leere zu fallen» Was der Buckelwal mit klassischer Musik zu schaffen hat, warum die «Sturm»-Sonate mit einem strampelnden Säugling zusammenhängt und wie man über Bach, Mozart, Beethoven für Kenner und Nichtkenner schreibt
VON RENÉ AGUIGAHManchmal wird der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, auch wenn beinahe 1200 Zuhörer darin sitzen, zum intimen Raum. Als der Pianist András Schiff kürzlich mit seinem Beethoven-Zyklus in Berlin gastierte zum Beispiel; als der dritte Satz der «Sturm»-Sonate anhob, als das Hadern des ersten Satzes überstanden und der meditative Gesang des Adagio verklungen war, als man hoffen durfte, nun würde die Düsternis weggewischt von den Wellendes Schlusssatzes, da war so ein Moment mit nichts als Musik,die berührt. Schiff verweigerte jeden Trost: keine Temperamentsausbrüche, keine Fingerübung, kein rasantes Räderwerk. Er spielte gedehnt, versonnen, zagend, ausweglos. Ohne Worte.
Dass das musikalische Erleben letztlich ohne Begriff sei, seufzen Musiker und Denker und Laien seit jeher. Wovon man nicht sprechen kann, davon muss man schweigen: Wittgenstein wollte seinen berühmtesten Satz nicht zuletzt als Hommage auf die Musik verstanden wissen. Während die Literatur bruchlos im Schreiben über Literatur verlängert wird, während Gespräche über Theater oder Filmdank der Handlung schnell in Gang kommen, herrscht nach dem Hören von Musik oft stummes Staunen. «Kein Kunstfreund würde zu äußern wagen, dass er zu Rembrandts Nachtwache nichts, aber auch gar nichts zu sagen wisse», meint Martin Geck. «In einer Konzert- oder Opernpause darf jedoch jeder fröhlich bekennen, dass man über das Stück an sich keine Meinung habe.» Auch wenn sich das nicht ohne weiteres ändern lässt, «schreibe ich unbeirrt dagegen an».Und dies seit mehr als vier Jahrzehnten.
Delfine sind feinsinnig
Martin Geck ist 73 Jahre alt, Musikwissenschaftler, Professor emeritus an der Universität Dortmund. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten schreibt er für ein außerakademisches Publikum: einen gediegenen Achthundertseiter über Bach etwa, eine umfassende, aber leichtfüßige Mozart-Biografie, originelle «rororo»-Monografien über Beethoven, Mendelssohn Bartholdy und die Bach-Söhne. Nicht wenige Gedanken und Figuren aus diesem Werk tauchen auch in seinem jüngsten Buchwieder auf. Doch nirgendwo hat Geck sein Wissen mit leichterer Hand zusammengesetzt als in «Wenn der Buckelwal in die Oper geht».Hier setzt nicht die Vita eines einzelnen Komponisten das Genre fest, sondern der Autor schwebt wie im Gleitflug von Phänomen zu Phänomen.
«Buckelwale singen», teilt Geck eingangs mit, sie singen so ungeschlacht wie Babys vor dem Spracherwerb oder Männer unter der Dusche. Delfine hingegen sind feinsinnig – zumindest jener Delfin, von dem Herodot erzählt, dass er dem legendären Arion von Lesbos, nachdem er dessen Gesang gehört hatte, das Leben rettete. In diesem «Spannungsverhältnis zwischen Buckelwal und Delfin», zwischen Natur und Kunst also, bewegt sich der musikalische Mensch. So exponiert Geck sein «Thema», auf das «33 Variationen über die Wunder klassischer Musik» folgen: kurze Essays von jeweils sechs, sieben Seiten. Wie bei Bachs «Goldberg Variationen» erkennt man das Thema in den einzelnen Stücken nicht immer ohne weiteres. Denn es grundiert das Werk eher, als dass es ständig in den Oberstimmen präsent wäre.
Zappelnde Babys
Was denn der «Schlüssel» zu seiner Klaviersonate op.31,2 sei, wurde Beethoven, zwanzig Jahre, nachdem er sie komponiert hatte, gefragt. «Lesen Sie nur Shakespeares ‹Sturm›», gab der Meister zurück – und hinterließ damit eher einen komplexen Code als einen Schlüssel. Jedenfalls versucht seitdem Generation um Generation, diesen Hinweis zu entziffern, obwohl Beethovens erster Biograf, der ihn überlieferte, der Jurist, Geiger und spätere Orchesterdirektor Anton Schindler, als notorisch unzuverlässig gilt.
Martin Geck assoziiert einen Satz von Shakespeares «Sturm»-Zauberer Prospero mit der Sonate: «Wir sind von dem Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben beginnt und endet als Schlaf.» Die beiden unvermittelt nebeneinander stehenden Einleitungsmotive des ersten Satzes – ein breiter gebrochener Akkord und eine hektische Bewegung in Achteln, beide ohne rechte Melodie – lassen Geck nämlich an einen Säugling denken, «der aus dem Traum erwacht, die Augen aufschlägt und im nächsten Moment kräftig losstrampelt». Nächste Assoziation: Hölderlins Hymne «Patmos». Deren Anfangsverse klammern ebenfalls einen inhaltsschweren Gegensatz auf engstem Raum zusammen: «Nah ist / und schwer zu fassen der Gott.» Kann es Zufall sein, dass Hymne und Sonate beinahe zur selben Zeit entstanden; dass Dichter und Komponist das Geburtsjahr 1770 teilen? «Beide wollen mit den Mitteln ihrer Kunst eine ‹neue Mythologie› stützen, die in verheißungsvoller Zeit … zur allgemeinen Sinnstiftung beitragen soll. »Arbeit am Mythos wiederum heißt nicht zuletzt, den Gegensatz von Natur und Kultur zu verarbeiten, fährt Geck fort. Und diese intuitiv nachvollziehbare mythologische Dimension ist es, die ein Musikstück wie die «Sturm»-Sonate mit Bedeutung auflädt.
Hymnen-Dichtung,elisabethanische Dramatik, zappelnde Babys: Das ergibt keine glatte Deutung, sondern weit mehr. Martin Geck hält unterschiedlichste, auch alltägliche Einfälle fest – und lädt so dazu ein, eigene Gedanken schweifen zu lassen. Wer dem Autor folgt, hat nicht nur einen neuen Blick auf ein vielstrapaziertes Stück geworfen, sondern vor allem gesehen, wie Literatur musikalische Erlebnisse zwar nicht erklären, aber doch bereichern kann.
Wenn die Sonate dem Leser ein paar Seiten später wieder begegnet, ist der Autor längst woanders. Da steht der «Sturm» neben rituellen Jagdgesängen eines afrikanischen Volksstammes, dem Fahrtenlied eines süddeutschen Volksstammes («Uff de schwäbsche Eisebahne»), Ritornellen im europäischen Barock, dem Finale von Mozarts «Jupiter»-Sinfonie und jenem Arnold Schönberg vor der Erfindung der Zwölftonmusik: als Beispiel, wie die Dialektik von Ordnung und Freiheit verhandelt wird. Am elegantesten haben diese Dialektik wohl Claude Debussy und Maurice Ravel um 1900 ins Werk gesetzt: «keine Musik, die vor Eifer schwitzt», schreibt Geck. Und apropos «Prélude à l’après-midi d’un faune»: «Wenn der Komponist die erotischen Fantasien eines in mediterraner Mittagshitze dösenden Fauns an uns vorüberziehen lässt, sollen wir nicht mit diesem Naturwesen fühlen oder gar fiebern, sondern uns an der Virtuosität freuen, mit welcher Debussy seine Impression von Natur in Kunst übersetzt hat.»
Martin Geck vollzieht nach, warum Weimarer Kirchgänger sich einst erschrocken haben mögen, als sie den dissonanten Beginn von Bachs Kantate «Widerstehe doch der Sünde» zu hören bekamen. Er erinnert in einem Nebensatz daran, dass Hauptvertreter der fortschrittlichen «Neudeutschen Schule» im 19. Jahrhundert, Hector Berlioz und Franz Liszt,weder deutsch geboren waren noch deutsch dachten. Erhat Schumanns «Kreisleriana» im Ohr und Roland Barthes’ Essays im Kopf, wenn er klarmacht, dass Musik reine Körpersprache sein kann: «was ich höre, sind Schläge». Oder er plaudert, um die Reprise in der klassischen Sonatenform zu illustrieren, über eine Begegnung im Café und das anschließende Nachsinnen darüber.
Angenehm in den Ohren
33 Variationen: Das erinnert, nicht unbescheiden, an die 33 «Veränderungen», die Beethoven an einem Walzer des Musikverlegers Anton Diabelli vornahm, sein letztes, monumentales Klavierwerk. Doch Martin Gecks Variationenbuch hat nichts Monumentales. Seine Textur hält es eher mit Mozart – mit jenem Mozart, der über seine Wiener Klavierkonzerte schrieb, sie seien «angenehm in den Ohren, natürlich ohne in das leere zu fallen»; komponiert,dass die «Kenner» genug «Satisfaktion» erhalten und «Nichtkenner» mit ihnen «zufrieden sein müssen, ohne zu wissen, warum». In diesem Geist führt Gecks Buch in kanonische Werke ein – und skizziert zugleich eine kleine Ästhetik: Biografisches, Politisches, Formenanalyse, all das hilft beim Verständnis, bei der Arbeit am Mythos Musik. Doch nicht ohne Rest. Gelegentlich bleibt eben nichts als stummes Staunen. Was will man mehr?
Nun, mehr Bücher wie diesen «Buckelwal»: Bücher, die die Grenzen überschreiten, die Martin Geck, als wären sie natürlich, noch einhält: Autoren, die mit Souveränität und Leichtigkeit auch außerhalb des Höhenkamms der europäischen «Opusmusik» zwischen 1700 und 1900 pirschen. Und Autoren, die endlich das Schisma zwischen der ach so ernsten und der ach so populären Musik zu überwinden beginnen. Das Spannungsverhältnis zwischen Mozart und Beethoven bleibt produktiv – die historische Spannung zwischen den Beatles und den Rolling Stones nicht weniger.
MARTIN GECK Wenn der Buckelwal in die Oper geht. 33 Variationen über die Wunder klassischer Musik Siedler, München 2009. 224 S., 19,95 ¤ |