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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
Schwerpunkt
2009-0708-09_schwerpunkt
Ein Anarchist in der Goethe Street
Chicago, Stadt der Hoffnungen und der Desaster – Stadt der Einwanderer bis heute. In seinem Roman «Lazarus» erzählt Aleksandar Hemon, wie das Leben hier seit einem Jahrhundert immer wieder neu anfing – auch seine eigene Geschichte gehört dazu. Literarische Reise in eine Kapitale der ewigen Zukunft
VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Warum eigentlich hat einem nie jemand gesagt, dass Chicago zu den schönsten Städten der Welt gehört? Wer sich an einem windigen, sonnigen Morgen mit dem Fahrrad zum früheren Wohnviertel von Präsident Barack Obama aufmacht, sieht zu seiner Rechten eine unregelmäßige Kulisse aus alten und funkelnagelneuen Hochhäusern schimmern, zur Linken erstreckt sich die enorme Fläche des Michigan Lake – ganz Irland könnte darin Platz finden, sagt Philip, der Fahrrad-Guide –, und vor uns breitet sich das satte Grün des Millenium Park aus. Kein Wunder, dass man sich hier wie auf einem Zeitstrahl zwischen Vergangenheit und Zukunft hin und her reisen fühlt, denn schon tauchen zur Rechten ehrwürdige Gebäude auf, die bereits die Weltausstellung von 1893 schmückten und der Stadt, die im Volksmund aus naheliegenden Gründen The Windy City genannt wird, den Ehrentitel White City eintrugen. Dass auch der Wolkenkratzer eine Erfindung hiesiger Ingenieure ist – «Skyscrapers sind das, was gerade in Chicago gebaut wird», definierte im Jahr 1900, noch ein wenig ratlos, ein amerikanisches Wörterbuch –, erscheint danach gerade natürlich.
Dabei ist der westeuropäische Kopf ja eigentlich von ganz anderen Vorstellungen besetzt: mit Bildern von Verbrechen und bluttriefenden Schlachthöfen, wie sie die Filme über Al «Scarface» Capone, die Romane Upton Sinclairs oder Nelson Algrens und nicht zuletzt Bertolt Brechts «Heilige Johanna der Schlachthöfe» geprägt haben. Inmitten von Dreck, Geld und Gewalt regierte dort ein Fleischerkönig namens Pierpont Mauler mit einem zur Güte finster entschlossenen Kind, das am Ende in den Ruf ausbrach: «Darum, wer unten sagt, dass es einen Gott gibt (…) / Den soll man mit dem Kopf auf das Pflaster schlagen / Bis er verreckt ist» – eine Erfahrung, die man am eigenen Leibe nicht unbedingt nachvollziehen möchte.

Ermordete Hoffnungen Auch im «Lazarus»-Roman des jungen bosnisch-amerikanischen Autors Aleksandar Hemon scheint alles sich auf den ersten Blick so zu verhalten, wie es im Buche steht. Wenn die Geschichte am 2. März 1908 beginnt, ist gleich die Polizei im Spiel, Schüsse fallen, und binnen Kurzem liegen zwei blutüberströmte Leichen auf dem Boden. Ein weiterer Mann ist verletzt, und der Polizeichef mobilisiert einen Vertreter der örtlichen Presse, um anstelle des realen Tathergangs seine eigene Lügen-Version zu etablieren – er selbst nämlich war der Todesschütze, die Tat geschah in seinem eigenen Haus.
Mord und Korruption, die Presse als Lügengenerator, eine heillose Verquickung von Macht und Geld und dort mitten hineingeraten ein junger Einwanderer, gerade einmal siebzehn Jahre alt: Lazarus Averbuch, den man nach seiner Erschießung für den Polizeifotografen auf einem Stuhl befestigte, damit es schien, als lebe er noch. Zum Haus des Polizeipräsidenten Shippy am noblen nördlichen Ende der Stadt war Averbuch in aller Herrgottsfrühe aus dem südlich gelegenen jüdischen Ghetto mit der Straßenbahn gekommen. Er stammte aus Kisinau – heute Chisinow, die Hauptstadt Moldawiens –, hatte dort das blutigste Pogromdes ausgehenden 19. Jahrhunderts überlebt, sich danach zu einem Flüchtlingslager im ukrainischen Czernowitz durchgeschlagen und war im Oktober 1907 mit seiner älteren Schwester Olga in die prosperierende Stadt am Michigan See gelangt–nachdem Zarenreich und der Habsburger Monarchie war die amerikanische Demokratie das dritte politische System, mit dem er Bekanntschaft machte; er überlebte sie nicht.

Ein Echo aus der jüngsten Gegenwart Der Fall ist verbürgt, Aleksandar Hemon hat ihn im Stadtarchiv von Chicago recherchiert. Die Gründe des jungen Mannes für die Fahrt zum Haus des Polizeipräsidenten wie auch der Inhalt des Briefes, den er ihm hatte übergeben wollen, sind unbekannt, ebenso Shippys Motiv, den Einwanderer zu erschießen (und mit ihm, wohl in Panik, auch seinen eigenen Sohn). Im Zentrum der folgenden Vertuschungsaktion stand der Chefreporter der Chicago Tribune, ein William P. Miller, der unter seinen Lesern mit Vorliebe die Furcht vor Anarchismus und Terrorismus schürte, insbesondere in Gestalt der aus Osteuropa zugewanderten Fremden, namentlich der Juden.
Für den Leser des «Lazarus»-Romans läuft da jenseits der alten Geschichte alsbald eine zweite Tonspur mit: Was ein im Kern kriminelles Bürgertum hier gegen einen Zugewanderten unternimmt, erinnert an die Aufrufe zum «Krieg gegen den Terror», deren innerstaatliche Feinderklärungen die journalistische Propagandamaschinerie willfährig verstärkte. Kein Wort fällt im Buch über dieses Echo aus der jüngst vergangenen Gegenwart, doch springt die Erinnerung wie ein Pop-up im Kurzzeitgedächtnis auf –wachgerufen durch die suggestive Kunst eines Autors, der eben nicht nur aus der Vergangenheit erzählt. Parallel zur Rekonstruktion des Falles Averbuch nämlich erzählt Aleksandar Hemon die Geschichte dessen, der die Sachverhalte recherchiert: ein Neu-Einwanderer aus dem dritten Jahrtausend. Und aus dem heutigen Chicago geht die Reisemit diesem Suchenden zurück ins Bosnien des Jahres 1992, wiederum in einen Krieg also. Schon scheinen die Zeiten einander zu überlagern, ist die Gewalt allgegenwärtig.

Der Autor und sein Held
Denn der literarische Held Vladimir Brik, der bei der Suche nach einem Romanstoff auf die Geschichte des Lazarus aus Kisinau stößt, stammt aus Sarajevo; wie für Lazarus bedeutete auch für ihn Chicago die Rettung. Doch wie anders sind nun Briks Bedingungen: Human, ja, emsig zugewandt zeigt sich die legendär grundböse Stadt, deren Bewohner in ihrem Verlangen nach Verständnis nach gerade von Begriffsstutzigkeit befallen sind. Dem Einwanderer Brik jedenfalls helfen die betuchten Chicagoans gern und schieben ihm von ihrem Geldkuchen großzügige Stücke zu – sei es die tüchtige Gehirnchirurgin Mary, die den notorisch schreibunfähigen Autor als Ehefrau versorgt, sei es Suzy, Gattin eines von jeglichem Bildungsballast befreiten Förderers der schönen Künste, die ihm ein Stipendium verschafft. Finanziell wohl versehen, kann der Immigrant nun dorthin reisen, woher er vor nicht allzu langer Zeit gekommen ist: nach Osteuropa.
So oder mindestens so ähnlich geschah es auch dem Autor Aleksandar Hemon. 1974 in Sarajevo geboren, war er 1992 mit einem Stipendium nach Chicago gelangt – kurz darauf brach in Bosnien der Krieg aus, Hemon entschied sich zu bleiben. Zwar ist seine Ehefrau keine Gehirnchirurgin, auch stammte sein Stipendiumnicht von einer Suzy, sondern von der Guggenheim Foundation, und doch erscheinen der reale Autor und seine Romanfigur wie nahe Verwandte. Wie Vladimir Brik recherchierte Hemon die Averbuch-Geschichte, wie sein Held unternahm auch er mit einem Fotografen-Freund aus Sarajevo eine lange Reise durch Osteuropa, um den Lebensspuren des Lazarus Averbuch nachzugehen. Rora, der Fotograf des Buches, ist ein Schnurrenerzähler von Graden und ein gewitzter Lügner dazu; während des Krieges steckte er mit dem Killer «Rambo» und einem hier wohl nicht zufällig wiederum «Miller» geheißenen Lohnschreiber zusammen – Roras Verbindungen sind dunkel, seine Erzählungen Possen, die den Wahnwitz des Krieges grell aufleuchten lassen.

Ein Stoiker und ein Jammerlappen
Die Roman-Reise, die den stoischen Komiker Rora und Brik, einen Jammerlappen und Slapstick Comedian wider Willen, von Lembergüber Czernowitz und Chisinow nach Bukarest und von dort schließlich in ihre gemeinsame Geburtsstadt führt, entwickelt sich dabei nicht nur zu einem immer furioser überdrehten Schelmenstück. Die Schilderung ihrer Suche nach Zeugnissen vergangenen jüdischen Lebens versetzt ganz nebenbei auch dem Kult um die authentische Heimat, wie ihn Jonathan Safran Foer so erfolgreich inszenierte (siehe LITERATUREN 6/2003), einen eleganten Hieb: Dort, wo einmal Averbuchs Schtetl gewesen sein soll, findet sich nur noch ein verwilderter Friedhof, auch das Museum hat dem Spurensucher nichts zu sagen,was er nicht vorher schon gewusst hätte – die Vergangenheit ist eingeebnet, überwuchert, überbaut.Wie es einmal war, kann einer sich allenfalls noch ausdenken.
Was allerdings nicht mehr wegzudenken ist aus Hemons Osteuropa, ist die Allgegenwart kriegerischer Gewalt. Mögen die Formen sich verändert haben, der Grund- Impuls geht immer noch auf dasselbe aus: den Wehrlosen auszuplündern. Schließlich wird auch der Fotograf Rora im offiziell befriedeten Sarajevo sein Leben lassen.
Aleksandar Hemon zeigt Entwurzelungen und zertrümmerte Hoffnungen. Doch erzählt er ebenso von den großen Erwartungen, im Falle seines klageseligen Schriftstellers werden sie nach gerade übererfüllt. Brik wird am Ende in die neue Welt zurückkehren und unter Marys bergenden Fittichen sein Buch schreiben – nach all dem Hin und Her zwischen Zeiten und Kontinenten also doch noch ein Happy End? Danach kann man nur den Autor selbst fragen, und fragen muss man ihn auch, ob er selbst hier, in Chicago, in der Welt angekommen ist, von der er sich einmal ein Traumbild gemacht hat: Ist Aleksandar Hemons Gegenwart das,was er vor anderthalb Jahrzehnten als seine Zukunft sah?

Die freundlichen Einwohner der Stadt Chicago
Der kräftige jüngere Mann mit Wetterjacke und Rucksack, der sich an diesem Sonntagmorgen die Sonnenbrille in die Stirn schiebt und leicht gehetzt sagt: «Erstmal einen Kaffee, dann sehen wir weiter», ist weder Rora, der bosnische Schnurrenerzähler und Lügenmeister, noch gleicht er Brik, dem vorm Schreiben zurückschreckenden Schriftsteller – Aleksandar Hemon wirkt weder zaghaft, noch sprudelt er über von vertrackten oder grausamen Geschichten. Vielmehr scheint ihn ein tiefsitzender Ingrimm anzutreiben, welcher mithilfe einiger Wohlerzogenheit niedergehalten wird.
Perfekt passt es da in die Stimmung, dass plötzlich zwei junge Männer sich mitten auf der mehrspurigen Straße zu prügeln beginnen. Wütendes Hupen der Taxis, die von den Kämpfenden blockiert werden, und hinter denen sich in Windeseile eine dicht gedrängte Schlange von Fahrzeugen aufbaut; einige Passanten schauen unbewegt zu. Doch schon springen die Raufbolde, als habe einer den Gong zum Ende der letzten Runde geschlagen, vom Pflaster wieder auf. Klopfen ihre Jacken ab, schütteln noch einmal theatralisch die Fäuste und springen dann in die hupenden Taxis, einer rechts, einer links. «Hab ich ja gesagt», vermerkt Aleksandar Hemon befriedigt. «Die freundlichen Chicagoans ! Wenn sie mal unfreundlich werden, geht’s richtig zur Sache.» Kurzzeitig scheint sich seine Laune zu heben.
Vielleicht ist es ja der Mother’s Day, der ihm die Stimmung verhagelt hat. «Happy Mother’s Day!», ruft es schon morgens um halb acht quietschvergnügt aus dem Fahrstuhl, Frauen beglückwünschen einander, die Männer heften ihre Blicke stumm an die Fahrstuhldecke.
Möglicherweise ist es ja ein Sakrileg, dass Hemons Frau an ihrem Ehrentag ohne ihren Ehemann mit der kleinen Tochter zu ihrem Onkel fahren muss. «Deshalb hab ich heute das Auto nicht», brummt der Autor, «erst morgen wieder.»

Champagner ohne Diamanten
Und so wandern wir anderthalb Stunden lang immer weiter nach Norden, die Goethe- und die Schillerstraße überquerend, was Aleksandar Hemon zu einigen Bemerkungen über das «Viertel der Billionaires» veranlasst. Deutsche, die zu den frühen Einwanderern Chicagos gehörten und schnell reich wurden, haben den Straßen hier die Namen gegeben – «die Armen aus Osteuropa kamen später und wohnten in den südlichen Elendsquartieren, wie Lazarus Averbuch.» An diesem Maitag des Jahres 2009 allerdings weisen vor zahlreichen Fassaden im Umkreis der deutschen Dichter-Straßen großflächige Schilder darauf hin, dass das Haus oder einzelne Apartments zum Verkauf stehen. Auswirkungen der Wirtschaftskrise?
«Alles reine Psychologie», konstatiert Hemon. «Die Milliardäre glauben ja schon, dass die Armut sie am Kragen hat, wenn sie am Grunde ihres Champagnerkelchs keinen Diamanten mehr finden, wie es in gewissen Bars in New York üblich war: ein Glas Champagner nicht unter zehntausend Dollar! Im Moment müssen sie ihren Champagner ohne Diamanten trinken, klar, dass sie sich da bedroht fühlen.» Ein Gedanke, der ihn sichtlich erheitert. «Ich bin Sozialist», setzt er erklärend hinzu. Und dann, lachend, noch eins drauf: «Anarchist!» Einer wie Lazarus Averbuch, dem freilich keine rechte Zeit im Leben blieb, sich für eine politische Richtung zu entscheiden? Rascher Seitenblick. Nein, nicht wie Averbuch.
Der Weg durch die besseren Suburbs führt vorüber an einem gigantischen Denkmal für Abraham Lincoln, den anderen rechtsgelehrten Präsidenten aus Illinois, der hier hoch über den Köpfen der Spaziergänger inmitten einer Blumenrabatte auf einem Lehnsessel thront. Dann geht es zum Zoo, der seine Besucher immer noch ohne Eintrittsgeld passieren lässt, worauf derAutor nicht ohne lokalpatriotischen Stolz verweist. Wie sich zeigt, hat er auch die historischen Fakten seiner zweiten Heimatstadt gut im Kopf. Vom verheerenden Feuer erzählt er nun, das im Oktober 1871 fast das gesamte Zentrum Chicagos vernichtete. 18.000 Holzhäuser brannten nieder, hunderte von Menschen starben, an die hunderttausend wurden obdachlos – ein Desaster, das zur Geburtsstunde des Skyscrapers wurde.

Architekturrevolution aus dem Feuer
Nach dem Brand nämlich durfte niemand mehr mit Holz bauen, zudem musste eine große Zahl von Menschen auf relativ engem Raum Platz finden. Also wuchsen die Gebäude in die Höhe –was wiederum nur möglich war, weil deren Skelette aus Hartmetall bestanden und auch der Fahrstuhl erfunden wurde – in einer Stadt, in der sich aufgrund des Eisenbahnbaus zahlreiche Ingenieure und im Umgang mit Eisen und Stahl erfahrene Bauleute aufhielten, kein unlösbares Problem. Schon 1885 ragte das erste fünfstöckige Hochhaus aus dem Stadtbild, die vor allem technisch orientierte Chicago School of Architecture begann die Weltarchitektur zu revolutionieren. «Chicago ist aus allen Krisen immer noch größer, mächtiger, auch schöner hervorgegangen. Auf jeden Zusammenbruch antworteten neue Erfindungen, die die Stadt weiter nach vorn brachten», sagt Aleksandar Hemon. Er gehört zu denen, die nachgeforscht haben, wer für diesen Fortschritt die Knochen hinhielt.
Einer wie Lazarus Averbuch, aus Europa geflohen, um im Land der Freien, Gleichen und Gerechten ein Leben nach eigenen Maßstäben führen zu können, strebsamer Arbeiter in einer Fabrik für Eierverpackung, einer, der fließend Hebräisch, Ukrainisch, Russisch und Deutsch sprach und gerade dabei war, Englisch zu lernen. Dessen Leben jäh in einem zweistöckigen Backsteinhaus in der Huston Street endete, an dessen Fassade heute eine Messingtafel mitteilt: «Hier kam Lazarus Averbuch, eingewandert 1908, ums Leben.10 » Abgesehen von dem Euphemismus, der die Bluttat des obersten Polizisten löscht – hier ist der Stadtverwaltung auch ein sachlicher Fehler unterlaufen. War Averbuch nicht 1907 eingewandert und starb 1908? Hemon, eben nochmit sarkastischer Befriedigung die vom Haus herabhängende amerikanische Flagge fixierend – «Americans love flags!» –, stutzt, fischt flugs einen Zettel aus seinem kleinen Rucksack und kritzelt eine Notiz. Für die zweite Auflage seines Buches, das ihn in Amerika mit einem Schlag so bekannt gemacht hat, wie es sich sein Vladimir Brik allenfalls erträumen konnte? Oder ein Hinweis für das Amt für Denkmalschutz? Wir steuern ein Tapas-Restaurant in dem trotz des Feiertags betriebsamen Stadtteil an; gleich soll über alles in Ruhe geredet werden.

Erfolgsstorys unter der Lärmwalze
Doch kann von Ruhe bei «Emilio’sTapas» keine Rede sein. Ausgehend von den Tafelrunden, die den Mother’s Day mit Menüs zu Ehren der jeweiligen Happy Mother begehen, rollt eine unfassbare Lärmwalze durch den Raum. Obendrein plärrt Musik, Kellner wieseln umher, immer neue Platten werden aus der Küche zum Büfett getragen, die leeren geräuschvoll entfernt. Der Autor nimmt’s mit Gelassenheit, bestellt einen Cranberry-Saft und Mandel-Pfannkuchen und erzählt seine eigene Migrationsgeschichte, die ihm in seiner Heimat den Krieg ersparte und ihren vorläufigen Ausgang in seinem Erfolg als amerikanischer Autor fand.
Erfolg, wieso? «Erfolg bei den Kritikern bedeutet noch keinen Erfolg an der Kasse!» Doch immerhin war «Lazarus» im Vorjahr unter den Finalisten für den National Book Award, die eben erschienene Taschenbuch-Ausgabe liegt ganz vorn auf dem Empfehlungstisch von Barnes & Noble, seine beiden vorhergehenden Bücher – ein Erzählungsband und ein Roman – sind immer noch lieferbar, was in Amerika keineswegs die Regel ist; und soeben ist ein neuer Band mit Erzählungen herausgekommen. Doch Aleksandar Hemon will lieber von einer «Lazarus»-Lesung in Kalifornien erzählen, zu der genau sechs Zuhörer erschienen: drei seiner Freunde, eine Holocaust-Forscherin von der Universität und zwei alte Damen, die eigentlich zur Präsentation eines Kochbuchs wollten, doch zu höflich waren, wieder aufzustehen.
«In Deutschland stellt dich ein renommierter Kritiker vor,du brauchst nur zu lesen und dessen Fragen zu beantworten – er steht mit seinem Namen für die Qualität des Buches, und die Leute kaufen es. In Amerika dagegen musst du alles allein machen: die Leute für dich und das Buch interessieren, nett und lustig sein und sie zum Kaufen animieren. – Die beiden Damen, die das Kochbuch kennenlernen wollten, haben ‹Lazarus› dann übrigens gekauft.» Also doch ein Erfolg? Hemon grinst und spießt ein Pfannkuchenstück auf.

Greenpeace, Sandwiches und die erste Matratze
Und berichtet dann, wie er hier ankam, im Jahr 1992. Als Nachwuchs-Journalist war er eingeladen worden, aber Journalist wollte er nicht werden: «Ich wollte immer nur Literatur schreiben.» Eine Erzählung von ihm war noch in einem Sammelband in Zagreb erschienen, bevor der Krieg ausbrach; das Buch ist verschollen, «zum Besten aller». Und seither gibt es literarische Texte und Kolumnen von Aleksandar Hemon original in seiner Zweitsprache Englisch. Dabei hat er nicht etwa, wie sein Romanheld Brik, daheim Englische Sprache und Literatur studiert, was ihm den Weg zum englischsprachigen Autor gewiss erleichtert hätte. Vielmehr studierte er Vergleichende Literaturwissenschaft und las ein Semester lang Dantes «Göttliche Komödie», in seiner Heimatsprache selbstredend.
Das Berufsleben in Chicago begann der künftige Autor als bezahlter Unterschriftensammler für «Greenpeace», an den Wochenenden arbeitete er in einer Sandwich- Bar – «bis ich meine erste Matratze zusammen hatte». Ein für Aleksandar Hemon signalkräftiges Datum. Nicht zuletzt, weil er auf dem Weg dorthin die Sprache möglichst schnell möglichst fließend und akzentfrei lernen musste; andernfalls hätte niemand Lust gehabt, mit ihm an der Haustür über «Greenpeace» zu reden, er hätte keine Unterschrift bekommen und, ganz einfach, keinen Cent verdient.
Und dann reihte sich nach schwierigem Anfang doch ein Glücksfall an den anderen. Der Debütant nahm an einem Geschichten-Wettbewerb teil und gewann den Preis. Manwurde auf ihn aufmerksam, eine Agentin nahm ihn unter Vertrag, die ersten Bücher erschienen, und für «Lazarus» erhielt er sogar zwei Stipendien. «Ich bin wohl der Mensch, der das wenigste Geld aller Zeiten von der Guggenheim Foundation bekommen hat», sagt Hemon mit grimmiger Genugtuung. «Ich hatte gedacht, alle kriegten dieselbe Summe, darum hatte ich nur die Flugkosten, nicht aber die weiteren Reise- und Aufenthaltskosten für mich und meinen Freund angegeben» – und die Reise führte, ganz wie im Roman, immerhin quer durch Osteuropa. Aber überhaupt war im Leben ja doch fast alles anders als im Buch. «Velibor ist nicht erschossen worden!», ruft der Autor durch den Lärm, so dass sich erstaunte Blicke auf uns heften. «Und er ist ein ganz Stiller, alles andere als ein homerischer Erzähler wie Rora – so wenig, wie der ewig jammernde Narziss Brik etwas mit mir gemeinsam hat. Geschichte, Erinnerung, Phantasie! Das sind die drei Elemente, die die Literatur ausmachen. Jedenfalls bei mir.»
Da hat er sich unversehens also doch noch in Feuer geredet. Und scheint plötzlich erschöpft. Jetzt muss er seine Frau anrufen, die ihn irgendwo abholen wird.Auf dem Papiertischtuch im «Emilio’sTapas» bleiben ein paar Striche zurück, die von langen Linien gekreuzt werden und stellenweise mit Buchstaben versehen sind: der Rückweg der Fußgängerin. HappyMother’s Day!

Yes, we can
Das Gelingen einer Migrationsgeschichte ist offenbar auch nicht immer leicht einzugestehen – als habe der Erfolgreiche eine Erfahrung versäumt oder schulde anderen etwas dafür. Dass der Weg bis zur ersten Matratze und auch noch hernach alles andere als ein Spaziergang war, dass Aleksandar Hemons Ursprungsfamilie heute zwischen England, Kanada und den USA verstreut lebt und er selbst immer wieder für lange Wochen nach Sarajevo zurückkehrt, all dies spricht selbst in seinem Glücksfall für sich. «Zuhause ist, wo jemand dich vermisst», heißt es wiederholt im «Lazarus»-Roman: Der Migrant bleibt heimatlos, selbst wenn er im neuen Leben reüssiert.
Und doch: Hier, in dieser Stadt, scheint alles möglich – es hat sich ja auch oft genug erwiesen, die Geschichte des Schriftstellers Hemon selbst ist der beste Beweis dafür. Am nächsten Tag im Stadtteil Hyde Park am Haus der Obamas vorüberradelnd, sieht man die wachhabenden Polizisten freundlich aus ihrem Fahrzeug grüßen, vier Gebetsstätten verschiedener Religionen liegen in Gehweite voneinander, und das einst bevorzugte Restaurant der jetzigen Präsidenten-Familie wirkt wie eine überdimensionale Bretterbude, in der gegessen wird,was auf den Tisch kommt. «Wir Chicagoans», sagt Philip, der junge Fahrrad-Guide, der aus Arizona stammt und im Hauptberuf Dramatiker ist, «haben die Zukunft nicht erfunden, aber hier wird sie gemacht, immer wieder neu.»
Für ein Facebook-Foto lehnen wir an einer Skulptur von Henry Moore, die an die erste kontrollierte atomare Kettenreaktion erinnern soll; im Jahr 1942 hatte sie an der University of Chicago stattgefunden. «In einem Stück von mir,das gerade in New York läuft, bändelt übrigens eine Frau mit einem Kaktus an–wie findest dudas?», fragt Philip und springt wieder auf sein Rad. Dass einem dergleichen hier nicht auf Anhieb abwegig erscheint, gehört zweifellos zu den schönsten Gründen für eine Reise nach Chicago.

ALEKSANDAR HEMON
Lazarus. Roman
Aus dem Amerikanischen
von Rudolf Hermstein.
Knaus, München 2009.
352 S., 19,95 ¤



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