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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
Kurz und Bündig
ERZÄHLUNGEN

BERND CAILLOUX
Der gelernte Berliner.
Sieben neue Lektionen

Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2008.
252 S., 10 ¤

Wenn Bernd Cailloux seinem 1991 vorgelegten Band «Der gelernte Berliner» jetzt sieben neue Lektionen folgen lässt, stellt sich vor allem eine Frage: Hat er, der typische Vertreter der einst aus Bundesdeutschland nach Westberlin zugewanderten Boheme, dazugelernt?
Ist er inzwischen vom halben zum ganzen Berliner geworden? Wer sich von ihm die geistige Landnahme der neuen und neuesten Bezirke der Stadt, Besichtigungen verfallender Betriebe und aufblühender Gewerbeparks in ihrem mageren Speckgürtel, Bade- und Kulturreisen in die nähere Umgebung erhofft, wird enttäuscht sein. Wer aber vom ersten Band gelernt hat, dass zum Berlinersein die Verwurzelung in seinem vom Möchtegernberliner sogenannten «Kiez», im vom Autor so genannten «persönlichen Bermudadreieck» gehört, muss gestehen: Ja, dieser Mann ist so sehr Berliner geworden, wie es einem Nichtpreußen nur möglich ist. Nun erntet er die Früchte seiner Sesshaftigkeit oder, wenn es um den Platz am Bartresen geht, seiner Standfestigkeit.
Cailloux ist ein «homme de lettres», dem die Welt als Buchstabenfolge ins Haus und in den Sinn kommt.
Sie tut es in Form gesprochener Wörter in «…und abends zur Lesung» und «Die Wirte meines Lebens» oder als Druckware wie im Bericht über den «Zeitungsnarren» und dem Kabinettstück «Werbezettels Traum». In Letzterem outet sich der Autor nicht nur als manischer Leser, der wie ein ABC-Schütze jedes Wort entziffern muss, sondern auch als manischer Sammler, wenn die Objekte nur abseitig genug und mit Schriftzeichen bedeckt sind. Auf diese Weise hat er ein Konvolut von 1800 Handzetteln, Werbeblättern und Wurfpostsendungen zusammengetragen. «Der gelernte Berliner» ist eine Fundgrube linguistischer Kostbarkeiten: Lesefrüchte des zitierfreudigen Autors (unzweifelhaft seiner altmodischen Sammelmanie zu verdanken und nicht dem Surfen durchs Internet), aber auch Resultate seiner Arbeit an der Sprache, die Gedanken und Empfindungen nicht einfach nur wiedergibt, sondern sie während des Formulierungsvorgangs erzeugt. Allein die Umschreibungen seiner partnerschaftlichen Beziehungen, von der «führenden Aushilfsgeliebten» bis zur «mandschurischen Besuch sehe» verdienten es, in ein diesbezüglich noch zu erstellen des Wörterbuch einzugehen. Doch Caillouxs «Lektionen» sind mehr als eine Aneinanderreihung von Bonmots. Es sind sorgsam gearbeitete Glanzstücke freien Erzählens, die zwischen dem Enthusiasmus des neugierigen Zugereisten und großstädtischer Skepsis changieren. Sollte es noch eine Literatur berlinischer Provenienz geben, wäre Cailloux einer ihrer glaubhaftesten Vertreter. Zumindest macht er dem Leser vor, wie in einer Stadt, «die sich schneller verändert als ein Menschenherz»,mehr als nur zu überleben möglich ist: durch äußere Beharrungsfähigkeit und innere Flexibilität. «In diesem einzigartigen Ausnahmefall zögen wir bereits dadurch um, indem wir einfach hier blieben.» BERND WAGNER




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