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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
Das Kriminal
Das Kriminal
Die Mörderin ist ein Menetekel
VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Alles lässt sich regeln, man muss nur wollen! »Dies ist die Lebensregel von Adriani Charitou, der Gattin des Athener Kommissars, der sich im Beruf mit seinem selbstdarstellungsfreudigen, in der Sache dagegen weitgehend inkompetenten Vorgesetzten Gikas und daheim mit dem kampflustigen Energiebündel herumzuschlagen hat, das seine Ehefrau ist: Kostas Charitos hat es nicht leicht. Mit bäuerlichem Eigensinn und einem allzeit präsenten Sarkasmus gesegnet, hat er allerdings in den zurückliegenden vier Kriminalromanen von Petros Markaris jeweils das Bestedaraus gemacht, sehr zum Nachteil der griechischen Unterwelt mit ihren Verflechtungen bis hinein ins internationale Großkapital. Doch wenn der neue Markaris-Roman Die Kinderfrau beginnt (Diogenes,Zürich 2009. 316 S.,18,90 ¤), scheinen alle bisherigen Grundregeln im Leben von Kommissar Charitos außer Kraft gesetzt. Der Leser findet sich nicht in Athen, sondern in Istanbul wieder. Der Kommissar soll nicht arbeiten, sondern Urlaub machen. Adriani und er stehen einander nicht in unversöhnlichen Kampf-Fronten gegenüber, sondern müssen gemeinsam mit dem Schock fertig werden, den ihnen die schnöde standesamtliche Trauung ihrer Tochter versetzt hat. Und selbst Chefpolizist Gikas wird sich eher als hilfreich denn, wie gewöhnlich, als Nervensäge erweisen; dafür bekommt Charitos es mit den Kollegen von der türkischen Polizei zu tun. «Alles lässt sich regeln, man muss nur wollen»: Es gibt Situationen, in denen sogar Adriani zweifelt, ob ihre Lebensmaxime noch gilt.
Dabei ist hier alles so angelegt, dass Kostas Charitos sich, obzwar im Ausland unterwegs, immer noch wie auf heimischem Terrain bewegen kann. Gemeinsam mit seiner Ehefrau ist er Teil einer griechischen Reisegruppe, die sich von einer griechisch-türkischen Reiseleiterin die Sehenswürdigkeiten der Stadt am Bosporus erklären lässt – für einen Teil der Reiseteilnehmer heißt Istanbul, wie sich zeigt, immer noch Konstantinopel. «Irgendwann kommt der Tag, und Konstantinopel wird wieder unser sein», posaunt der pensionierte Brigadegeneral mit dem sprechenden Namen Despotopoulos, der sich als ehemaliges Mitglied der Streitkräfte dem Kommissar als einem Vertreter der Sicherheitskräfte besonders verbunden fühlt. Der allerdings hält von revanchistischen Aufwallungen nichts, von deren dröhnender Proklamation noch weniger. In welchem Ausmaß freilich die Stadt, ja, die gesamte Türkei für die Griechen historisch kontaminierter Boden ist, das erschließt sich ihm nach und nach: «Die Kinderfrau» erzählt eine Jahrhundert-Geschichte der Vertreibung, Verfolgung und Enteignung, und sein neuer Fall verschlägt den Urlauber Charitos mitten unter die in Istanbul lebenden Griechen, die vor Jahrzehnten noch nach Millionen zählten.
«Istanbul hat vielleicht siebzehn Millionen Einwohner, aber wir sind gerademal 2000 Seelen. Wenn einer sich auch nur die Nase kratzt, wissen es am nächsten Tag alle», erklärt ihm eine Alte. Genau diesen Sachverhalt muss der Kommissar sich zunutze machen, denn unter den noch verbliebenen griechischen Seelen geht eine um, die gesonnen ist, deren Zahl planmäßig weiter zu dezimieren – über neunzig Jahre alt und todkrank, ist sie mit einem Reisebus aus Thessaloniki eingereist, um alte Rechnungen zu begleichen. Ihre Mordwaffe ist ein traditionell weibliches und zugleich in bäuerlichen Kreisen gebräuchliches Instrument: selbstgebackene Käsepitta. Für die Bösen mit E 605 getränkt, für die Guten giftfrei, ist sie die Spezialität eines für seine Kochkünste berühmten früheren Hausmädchens. Daheim in Griechenland wurde bereits ihr sadistischer Halbbruder grässlich verrenkt neben dem halb verzehrten Gebäck aufgefunden, nun durchstreift sie Istanbul wie ein Rachegeist, um weiteren Übeltätern das Lebenslicht auszublasen; nicht nur Griechen, auch einen Türken hat sie auf ihrer Liste.
Durch Istanbul bewegt sich die Greisin mit traumwandlerischer Sicherheit, kein Wunder: Auch hier war sie einmal zu Hause, nachdem sie mit ihrer Familie aus einem kleinen Ort am Schwarzen Meer vertrieben worden war. Während Petros Markaris seinen Kommissar Charitos der mörderischen Spur des Phantoms durch die Istanbuler Stadtviertel der Griechen folgen lässt, zeichnet er das Schicksal dieser Minderheit im einstigen türkischen Vielvölkerstaat nach. Selbst 1937 in Istanbul in eine ursprünglich reiche, dann durch obrigkeitliche Verfügung enteignete griechische Familie hineingeboren, kennt Markaris dies alles aus eigener Erfahrung. Entsprechend facettenreich ist das Bild, das sich für Kostas Charitos allmählich zusammensetzt: Es reicht von den Armen und lebenslang Herumgestoßenen bis zu skrupellosen Profit-Haien auf griechischer wie türkischer Seite.
So schält sich in dieser an überraschenden Wendungen und bissig-ironischen Beobachtungen reichen Fall-Geschichte en passant auch noch eine Lehre für das menschliche Zusammenleben der Gegenwart heraus.«Keine Mehrheitsgesellschaft hat je eine Minderheit verstanden. Ich verstehe die in der Türkei lebenden Griechen besser als Sie», wirft der junge türkische Kommissar Charitos wütend an den Kopf. In Deutschland aufgewachsen und als Erwachsener in die Türkei zurückgekehrt, weiß Murat Saglam, wovon er spricht. Seine Erfahrung entspricht derjenigen der Istanbuler Griechen, und die Lebensgeschichte der Rächerin, die der Roman von Opfer zu Opfer entrollt, fasst sie alle zusammen – paradoxerweise ist es die Mörderin, die diesen Roman zu einem Plädoyer für gegenseitige Achtung macht. Ihren Richter dürfte sie daher wohl auch erst im Himmel finden, und der wird es mit seinem Urteil nicht leicht haben.




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