«Harrrumphhh!» Fragmente einer Sprache des Niedlichen: Die User auf cuteoverload.com wissen, was wirklich «süß» ist
In einer seiner «Titanic»-Kolumnen machte Max Goldt eine hübsche Beobachtung: Unter den hundert einflussreichsten Frauen der Bundesrepublik habe sicher keine eine Puppe, Tigerente oder einen Teddybären an ihrer Tasche befestigt. Infantile Accessoires wie diese kennzeichneten ein bestimmtes Milieu, das sich mit unbewusster Selbststigmatisierung – so lässt sich Goldts Stilkritik verstehen – um alle Aufstiegschancen bringe. Denn: «Kein Personalchef wird einem Menschen einen verantwortungsvollen Posten überlassen, der mit einem Teddybären zum Bewerbungsgespräch kommt.»
Nun sollte in diesem Zusammenhang nachdenklich stimmen, dass im Netz neben Musik, Spielfilmen, Nacktfotos und privaten Profilen jede Menge putzige Tierbildchen untereinander geteilt und getauscht werden. Nicht nur Mitglieder von «Facebook» kennen den Hang zur Infantilität, dort jedenfalls bekommt man von Freunden am laufenden Meter digitale Bärchen, Frösche oder «Baby und Mama Pinguin» geschenkt. Folgt man Goldts These, wonach derartige Vorlieben zu sozialem Ausschluss führen, dann dürfte auch die beliebte Seite http://cuteoverload.com für Karrierefrauen eine No-Go-Area sein. Der Titel ist Programm, man wird überhäuft mit niedlich dreinblickenden Geschöpfen: Hunde, Häschen, Rehleins, Hamster, Kätzchen, Koalabären werden in herzerwärmenden Posen gezeigt. Viele Kommentatoren veranlasst das zu Begeisterungsschreien: «Awww, how cute!», «Eeeeep!», «Harrrumphhh!»
Doch die Tierliebhaber verharren nicht im Zustand der Überwältigung. Vielmehr behandeln sie das Possierliche auch ganz systematisch, quasi wissenschaftlich. Jedenfalls nennen sie sich «Cuteologists »und haben einen Kriterienkatalog, die «Rules of Cuteness», entwickelt, mit dem sich seriös beurteilen lässt, unter welchen Umständen ein Tierchen objektiv cute ist. Niedlichkeitsfaktoren sind etwa: Augenbrauen, die in der Mitte nach oben zeigen, ein zur Seite geneigter Kopf, eine ausgestellte verletzliche Stelle. Auch Trends und Hypes werden im virtuellen Tierreich ausgemacht: «Hamsters are huge online right now!» Aus der ambitionierten Verfeinerungsarbeit ist außerdem ein Glossar entstanden, das Fragmente einer Sprache des Niedlichen sammelt. Ausrufe der Hingerissenheit («Anh!», «Ehn!») werden semantisch präzise erläutert. Oder der «Beady Eye Factor» wird erklärt – wobei umstritten ist, ob Knopfaugen auch wirklich süß sind.
Bei all dem aber sind die Fans der Seite letztlich gegen Max Goldts pessimistische Diagnose in Schutz zu nehmen. Ihr Tier-Fanatismus klingt oft so überdreht, dass man den Cuteologists durchaus Selbstironie unterstellen darf. Um einen ungebrochenen Rückfall in kindliche Verhaltensmuster handelt es sich jedenfalls nicht, eher um eine Übung in uneigentlichem Sprechen. Sozialer Ausschluss droht also keineswegs, im Gegenteil: Die Fähigkeit zu ironischer Doppelbödigkeit ist heutzutage schließlich eine Grundvoraussetzung für Gesellschaftsfähigkeit.
ARAM LINTZEL