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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
Was liest ...
2009-0708-09_wasliest
Antje Rávic Strubel
Antje Rávic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, studierte nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin in Potsdam und New York Literaturwissenschaft, Psychologie und Amerikanistik. Für ihre Prosa wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman «Kältere Schichten der Luft» (2007) und die «Gebrauchsanweisung für Schweden» (2008). Sie lebt als freie Autorin in Potsdam.

Manche Gespräche beginnen tatsächlich noch so. Am Kreuzberger Ufer, als die Admiralsbrücke in der letzten Sonne lag, saß ich in einer beliebten Pizzeria, wartete auf meine Pizza «Gustaio» und wurde gefragt: «Mal wieder was Gutes gelesen? »Mir fiel auf, dass einem die schlechten Beispiele zuerst einfallen. Es sei denn, man steckt mitten in einem phantastischen Buch. Leider fängt man dann meistens dort, wo man steckt, auch an zu erzählen, und es dauert eine Weile, ehe man sich herausgearbeitet hat ins Verstehbare und im Gesicht des Gegenübers ein Erkennen aufblitzt. An diesem Abend schlug ich mich tapfer durch den europäischen Wald der letzten zweitausend Jahre, denn davon erzählt die schwedische Autorin Kerstin Ekman in ihrer großen essayistischen Beschwörung des Waldes. Sie zeigt den Wald als komplexes Ökosystem, aber auch als literatur- und kulturgeschichtliches Phänomen, beginnend mit dem gefährlichen Zedernwald im Gilgamesch-Epos, über den unheimlichen Wald in Goethes «Erlkönig» bis zum gefährdeten Wald in Tschechows «Onkel Wanja». Sie beschreibt den Wald als Spiegel menschlicher Ängste und Sehnsüchte, als Quelle der Phantasie oder als das Unfassbare, an dessen Grenze sich die Menschen ihrer selbst bewusst werden oder den Verstand verlieren. Ekman schildert Thoreaus Naturromantik, folgt dem Naturforscher Carl von Linné in die vom Menschen geordnete Landschaft, sieht mit Rousseau den von der Zivilisation verdorbenen Wald, taucht in Freuds dunkel lockenden Wald des Unbewussten, aber auch in den schwedischen Wald hinter ihrem Haus ab, und zwar in einem grandios leichten und zugleich melancholischen Stil, bewundernswert übersetzt von Hedwig Binder. «Dring hier ein, wenn du deinen Eimer mit Sanddorn aus dem letzten Schutzkranz gefüllt hast, und hör der Drossel Schattenlied zum Abschied des Sommers, der einen ebenso wunderlichen Namen trägt wie der Wald. Allein in diesem Sommer gab es zwanzig oder mehr Sommer, und einer davon war sehr entfernt und schummrig und roch nach Baldrian und dem Rauch einer Zigarette, die im Moos ausgedrückt wurde.»
Vielleicht war die Zigarette der Anlass, während wir auf die Pizza warteten, auf den Geschmack zu sprechen zu kommen, der auch erlesen sein will, und auf ein Buch, das einer großen Kochkünstlerin des beginnenden 20. Jahrhunderts huldigt, der inzwischen fast vergessenen Schriftstellerin und Salonnière Julie Elias. Sie gehörte mit ihrem Mann Julius, einem Nordisten, der Ibsen und Munch für das deutsche Publikum entdeckte, zu den engsten Freunden Max Liebermanns und vertrat die Auffassung, Kochen bilde als «ein Akt der Kultur den Ausgangspunkt reflektierter, erlernbarer Sinnlichkeits- und Geschmackserlebnisse». In einem leinengebundenen, auf edlem Papier gedruckten Buch des für seinen gestalterischen Geschmack bekannten Potsdamer vacat- Verlags hat Ursula Hudson- Wiedenmann Rezepte von Speisen versammelt, die Julie Elias im engsten Freundeskreis auftischte: Labskaus oder «Äpfel mit spanischem Wind». Ich las darin auch wegen der sprachlichen Verlockungen – «hachierte» Eier, «vier Lot Kaffee» oder «Trittmadam» sind die besten Schreibanreger –, und um es anfassen und an seinem würzigen Westminsterpapier riechen zu können. Auch hier brauchte ich eine Weile, um mich, ohne rot zu werden, verständlich zu machen.
Aber mir gefallen auch jene Taschenbücher aus den sechziger Jahren, die nicht nur gestalterische Katastrophen sind, sondern schon jede Leserfreundlichkeit für einen Verrat am Text halten. Meine Ausgabe von James Baldwins Roman «Giovannis Zimmer» ist ein solches, auf mittlerweile vergilbtes, störrisches Papier in kleiner, enger Schrift gedrucktes Buch. Für mein eigenes aktuelles Schreibvorhaben interessierte mich Baldwins literarische Technik, mit der er das Kunstfertige dieses poetischen Klassikers so in den Hintergrund treten lässt, dass die sexuelle Selbstfindung des Helden nicht nur den Intellekt, sondern auch den Instinkt anspricht und eine körperlich spürbare Spannung erzeugt.
Von Baldwins Paris zurück an der Berliner Admiralsbrücke fiel mir auf, dass man bei Gesprächen wie diesen, sind sie intensiv genug, manchmal Passagen und Sätze auswendig weiß, ohne sie je gelernt zu haben. Und an diesem Abend wusste ich eines der Gedichte von Alexander Gumz auswendig, die ich nachts gerade am liebsten las, und nachdem die Pizza gebracht und gegessen war und ein neuer Weißwein bestellt, fand ich mich tatsächlich rezitierend:

KURZ VOR KÜSTENSCHLUSS
bricht sich der regen auf dem pflaster: zirkuswagen / im verdreckten licht: ganz easy bei einer anderen / physik geklaut. Sammlungen, die zu hause lässt,wer auf übergroße / touren geht. auch die freunde bemühen sich, / für ein paar tage niemanden zu verraten:
landkarten werden gefälscht bevor die arme / der reihenhäuser nach ihnen greifen. von der luft aus / gut erkennbar: achterbahnen mit eigens für sie aufgestellten winden. eine verschwörung / aus kapital und angst: dünne wurzeln unterm fuß. / die wärme leerer fenster beim nach hause gehen. ist das schimmern der holzpferde / von hier aus noch zu sehen? das meer klatscht / am ende der promenade in die hände.
manche sagen, sie könnten nur so trauern: vergessen / was geblieben ist. möwen? nein: affenschreie / überm strand.

JAMES BALDWIN
Giovannis Zimmer. Roman
rororo 1967
(antiquarisch erhältlich)


KERSTIN EKMAN
Der Wald. Ein literarischer
Spaziergang

Piper, München 2009.
527 S., 24,90 ¤


ALEXANDER GUMZ
Ausrücken mit Modellen.
Gedichte
(unveröffentlicht)


URSULA HUDSON-WIEDENMANN
Meisterwerke für uns’ren
Gaumen. Max Liebermanns
Geselligkeit und feine Küche

vacat, Potsdam 2009.
143 S., 26 ¤



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