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| Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur |
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Literatur im Kino |
Zwei plus zwei macht zwei Marie Bäumer und Milan Peschel als Charlotte und Eduard: «Mitte Ende August» überträgt «Die Wahlverwandtschaften» in unsere Tage Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter… »: So beginnt Goethe seinen Roman «Die Wahlverwandtschaften», in dem es um die seltsame Macht der Gefühle und der Liebes-Arithmetik geht, um die bekannte Chemie, die sich zwischen den Menschen auf geheimnisvolle Weise entwickelt und sie leitet. In Sebastian Schippers Film «Mitte Ende August», der Goethes Geschichte variiert, sieht man ebenfalls als Erstes einen Mann im besten Mannesalter. Hier heißt er Thomas und wird gespielt von Milan Peschel. Wir sehen ihm zu, wie er aufsteht, wie er wach wird, Musik hört, auf den Balkon geht, ein paar gymnastische Übungenmacht, sich die Zähne putzt. Man hat dabei den vagen Eindruck, er führte sich ein wenig zu jugendlich auf für sein Alter, wenn er die Hüften kreisen lässt, die Musik zu laut stellt. Man kennt diesen Typus Mann heute nur zu gut: für immer jung. Dann sehen wir die Frau an seiner Seite, die schöne Marie Bäumer spielt Hanna. Sie wirkt viel erwachsener als er – nicht älter, eher reifer. Das Paar ist sich sehr zugetan; bei Goethe heißt es: Sie lieben einander recht herzlich. Im Film sieht man das an der Art, wie sie beieinander stehen, einander berühren, und dann sagt die Frau einen besonders zärtlichen Satz zu ihrem Mann, einen, der ganz und gar ungewöhnlich und direkt ist, sie sagt: «Ich mag deinen Schwanz so gerne.» Der Mann fragt nach, wie auch wir nicht sicher sind, ob wir richtig gehört haben: Allzu oft gibt eine Frau im Kino ihrer Liebe, ihrem Begehren auf diese Weise nicht Ausdruck. Das Paar ist Mitte dreißig und hat gerade ein Haus auf dem Land gekauft. Wie Eduard und Charlotte in den «Wahlverwandtschaften» wollen sie dort ihre Zeit verbringen, um– wie es im Roman heißt – «das Glück ungestört genießen» zu können. Die beiden im Film sind ein modernes Paar ohne Kinder, offenbar vielbeschäftigt. Auch deswegen gibt es die Sehnsucht nach der Ruhe auf dem Land. Wieder ist es die Frau, die sagt, was sie fühlt, dass sie nämlich schon lange nicht so glücklich war wie in dieser und mit dieser ungestörten Zweisamkeit. Wie bei Goethe bleibt es aber nicht bei der beschaulichen Ruhe,hier kommt erst sein – gerade von seiner Frau verlassener – Bruder, dann ihre hübsche Patentochter. Plötzlich ist aus der Zweier- eine Vierergruppe geworden. Jetzt geht es um neue Anziehung und ums Scheiden, um einen Mann, der in dem jungen Mädchen seine verlorene Jugend wiederzufinden meint, um eine Frau,die erkennt, dass der Geliebte ihr kein sicherer Fels sein will. Liebesarithmetik: Der Mann schläft mit dem jungen Mädchen, an deren Seite er all den heiteren Unsinn machen kann, der neben seiner erwachsenen Frau nur albern wirkt. Die Frau fühlt sich beim ernsten Schwager aufgehoben und verstanden. Und dann gibt es noch einen kurzen Geburtstagsbesuch ihres Vaters – ein hinreißender Auftritt von Gert Voss –, der nicht alt werden will und mit seiner viel zu jungen Freundin und seinen Reden über Polygamie ganz besonders alt und lächerlich wirkt. «Mitte Ende August» erzählt von zwei Frauen, zwei Männern, einem Sommer, einem Haus –und von der Liebe, die die Menschen schrecklich unvernünftige Sachen machen lässt, in deren Namen verletzt und zerstört wird. Anders als bei Goethe endet diese freie Kino-Adaption des Stoffs aber nicht dramatisch. Kein Kind stirbt, und am Ende steht kein jenseitiges Glücksversprechen. Stattdessen nimmt die Frau das Schicksal in die Hand. Sie liebt ihren Mann, obwohl er – wie so viele seiner Generation – nicht erwachsen werden, sondern ein jugendlicher Freibeuter bleiben möchte. Sie macht kein Drama aus den nächtlichen Verwirrungen und Verfehlungen. Sie spricht – wie am Anfang –mit zärtlicher Sicherheit davon, dass man sich irgendwann entscheiden muss, ob man bleiben oder gehen will, ob man angekommen ist oder lieber weitersucht. Sie plädiert dafür, dass man erwachsen werden muss, wenn man ein Paar sein will. Die beiden werden es schaffen, da ist man ganz zuversichtlich, wenn man das Kino verlässt. Und man staunt über die heitere Melancholie, die kluge Genauigkeit, mit der Regisseur und Darsteller die Liebesverwicklungen und Bindungsängste unserer Tage in der alten Geschichte gefunden haben. MANUELA REICHART Mitte Ende August Deutschland 2009, 92 Min. Regie: Sebastian Schipper Mit Marie Bäumer, Milan Peschel, Gert Voss u.a. JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Die Wahlverwandtschaften. Roman Insel, Frankfurt a.M. 2006. 332 S., 8,50 ¤ |
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