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Ausgabe 07-08/09 - Literaturen - Literatur
Mitten aus ...
2009-0708-09_mittenaus
Mitten aus Rom
VON SILKE SCHEUERMANN

Die fundamentale Erfahrung des Dichters ist Hilflosigkeit, schreibt die amerikanische Lyrikerin Louise Glück zu Beginn ihres einleitenden Essays im Band «Proofs & Theories». Bevor ich noch den Argumenten der Pulitzer-Preisträgerin folgen kann, klingelt es. Maria und Paola sind da, um mich abzuholen. In der Villa Massimo wird man immer gern abgeholt, alle Besucher, auch eingefleischte Römer, lieben es, durch die portineria, das Pförtnerhäuschen im massiven, geradezu burgähnlichen Eingangsportal einzutreten (auf Anfrage, keine Touristen), hinein in den gepflegten Park, wo sich links die Villa und rechts die Reihe der Künstlerstudios erstreckt, an milden Frühsommerabenden von einzelnen Lichtern und Kerzen angeleuchtet. Ein Garten Eden mitten in Rom; man kann hier arbeiten. Unser Sprachlehrer Alessandro Sandrino, der für seine Lektionen in die Villa kommt, sagt «eine Inselmitten in Rom. Aber ihr müsst auch mal runterkommen.»
Heute Abend verlasse ich die Insel, und da ich die fundamentale Erfahrung der Hilflosigkeit oft mache, indem ich mich verlaufe oder verfahre, bin ich froh, dass Maria und Paola dabei sind. Genau genommen war es ihre Idee, im Auditorium Parco della Musica die Veranstaltung «Caldo Desio» zu besuchen, eine Lesung aus dem Werk von Dichterinnen der Spätrenaissance. Zum Auditorium, das in Richtung des Sportstadions liegt, pendelt ab der Stazione Termini der M-Bus. Darin sitzen seltsam gekleidete Menschen: die eine Hälfte ist mit Fan-Artikeln geschmückt, die andere trägt Konzertkleidung. Nach «heißem Begehren» sieht keine der beiden Fraktionen aus. In Rom hält man entgegen allem Gerede vom Chic der Rezession ist noch etwas auf konservative, gute Garderobe.
Man kann sich das Geschehen im Hauptwerk von Moderata Fonte (1555–1592), «Der Wert der Frauen», vorstellen wie «Sex and the City», erklärt Maria während der Fahrt: Es ist die spielerische, witzige Unterhaltung, die auf einer Party beginnt. Zwei Teams mit jeweils drei Frauen debattieren zwei Tage lang über den Wert und Unwert der Heirat und über Männer im Allgemeinen. Die Charaktere, die in diesem dichterischen Disput auftauchen, seien ganz unterschiedlich: Sie reichten von der frisch und glücklich verheirateten jungen Schönheit bis zur Witwe oder zum Blaustrumpf. Obwohl die Anti-Heirats-Fraktion wesentlich eloquenter daherkomme, behauptet Maria, gehe Fonte dann doch nicht so weit, sie im Wettstreit gewinnen zu lassen. «Indirekt aber schon, finde ich», sagt sie, während der Bus gerade erhaben durch den hupenden Abendverkehr schaukelt: «Was die Symphathiewerte der Leser angeht jedenfalls.» Ich sage, wenn das Buch diese Tendenz habe, sei dies vermutlich aus dem fundamentalen Gefühl der Hilflosigkeit gespeist, aber niemand geht darauf ein.«Wann wurde das Buch veröffentlicht?», will Paola stattdessen wissen. «Im Jahr 1600, von ihrer Tochter», sagt Maria, «acht Jahre nach Fontes Tod.»
Wie ein Raumschiff, das unabhängig von der Leere ringsumher existiert, erstreckt sich das Konzertgebäude mit seinen Restaurants, dem großen Buch- und Musikgeschäft, dem Ausstellungsraum und den zahlreichen Veranstaltungshallen vor uns. Ich denke an Alessandro: Dies ist wieder eine Insel. «Übrigens», schließt Maria, «war das Buch Moderata Fontes literarisches Testament: Sie starb einen Tag, nachdem sie das Manuskript beendet hatte, siebenunddreißig Jahre alt. Im Kindbett.»Wir bekommen gerade noch Karten. Es beginnt erst um21 Uhr, nicht schon um acht, wie wir dachten. Also unternehmen wir etwas auf der Insel. Im Buchladen liegen fast zu viele Bücher von Ungaretti und Celan und einige von Ingeborg Bachmann, der «Caso Franza» in einem Buch-Umschlag, der entfernt an eine Todesanzeige erinnert.
Paola hat Hunger. Im Restaurant gibt es ein «Menü» für 20 Euro, aber das aufgedonnerte Etablissement mit Bellini schwingenden Römerinnen in Stola und Abendgarderobe missfällt uns, und dann sehen wir, dass das Menü aus einem kleinen Carpaccio und einer Kugel Eis besteht. Also gehen wir in die Sandwichbar. «Wenn ihr hier sieben Euro für einen Aperitif bezahlt,könnt ihr dazu die ganze Theke leer essen», teilt uns die Barkeeperin mit, nach dem sich Paola wortreich bei ihr beschwert hat. Sie deutet auf einen appetitlich aussehenden Stand, an dem zwei bildschöne Kellner Antipasti offerieren. Die einzige Enttäuschung an diesem Abend ist – die Veranstaltung. Es fängt schon damit an, dass Paola im Programmheft entdeckt, dass dort nicht Moderata «Fonte» steht, sondern Moderata «Forte». «Ausgerechnet», sagt Maria. «Das war ein Künstlername, mit Bedacht gewählt. ‹Moderata› für ‹gemäßigt› als zeittypisches Frauenideal, ‹Fonte› für ‹Jugendlichkeit, Frische›.»
Und es wird nicht besser. Ein Sprecher, der, wie das Progammheft süffig verspricht,mit rauem Timbre das «Universum der Frau durchstreift», rezitiert Gedichte Fontes, dazu einige von Lucrezia Marinelli (1571–1653) und Arcangela Tarabotti (1604–1652); es geht um Masken, um das begehrliche Schweigen im Augenblick der Begegnung. Während dessen werden auf einer bombastischen Leinwand per Videoprojektion Renaissance- Gesichter von Frauen gezeigt: Augen, Nase, Augen, Mund, alles in Großaufnahme – diese Bildsprache wirkt hilflos, ein optischer Overkill, vollkommen entgegengesetzt dem filigran erotischen, nach Berührung statt Vereinnahmung suchenden Inhalt der Gedichte. «Wie ein Bildschirmschoner», flüstert Paola. Und ich denke, dass jede Illustration die Illusion zerstört, die einen poetischen Satz schön macht und kraftvoll. Dann gibt es zur Abrundung des Abends noch ein wenig Dante und Boccaccio, und Mariamöchte gehen. «Maledizione!», sagt sie. «Da hätte man was draus machen können!» Ich nicke und erzähle, wie ich gestern in der Villa Massimo Otto Sander zugehört habe, der vor kleinstmöglichem Publikum, das sich um einen großen, runden Tisch herumgesetzt hatte,Balladen aus des «Knaben Wunderhorn» vortrug.
Als wir in den M-Bus steigen, ist auch die Sportveranstaltung zu Ende. Die müden Männer haben ihre Fahnen eingerollt; ihre Schals sind nun notwendig, sie werden um die wundgeschrienen Hälse geschlungen. Es ist recht kühl, während der Vorstellung hat es geregnet. Maria und Paola starren schweigend in die römische Nacht, und ich lese die Schluss-Terzette aus Dantes Gedicht über Amor: «Quandomi vide, mi chiamò per nome, / e diese…» – «Als er mich sah, rief er mich an, mit Namen / und sprach: ‹Ich komme von weit her, /wo sich auf mein Geheiß dein Herz befand; / ich bring’s zurück, damit es neu dir zu gefallen diene.› / Da wurde ich so gänzlich eins mit ihm, / dass er verschwand, ich merkte gar nicht, wie. »Eine Antwort auf die Hilflosigkeit, die mit dem Schreiben verbunden ist: Auf alles Schöne muss man warten.

SILKE SCHEUERMANN, geboren 1973 in Karlsruhe, studierte Theater und Literaturwissenschaft in Frankfurt a.M., Leipzig und Paris. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman «Die Stunde zwischen Hund und Wolf» (2006) und der Gedichtband «Über Nacht ist es Winter» (2007). Silke Scheuermann, die in Offenbach lebt, hält sich gegenwärtig als Stipendiatin der Villa Massimo in Rom auf




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