Alle Texte werden frei sein Der Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst. Und damit alle Kritik Typologien zur Literatur (3): Das «Papier»
VON PETERLICHT Das Papier ist ungeduldig. Es strebt seiner Auslöschung zu. Es zerfällt. Und mit ihm die Zeichen, die man darauf setzte. Sammeln sich die Jahre in den Blättern, wird die Sache zunehmend brüchig. Auf merkwürdige Weise verdickt sich das Papier. Es wird immer trockener. Man meint, man hielte Esspapier in den Händen. Man beißt probehalber in die Seiten und merkt, dass tatsächlich kein Saft mehr vorhanden ist. Vorbei die Zeit der schneeweißen Fläche. Einem alten Zahn gleich wechselt beim alten Buch die Farbe ins Gilbige. Dem dazugehörigen Mund gleich gibt das Buch beim Öffnen einen Eigengeruch frei, der einen im Papier stattfindenden, fast unmerklichen Gärprozess andeutet, wie man ihn sonst eher bei fastenden Veganern antrifft. Über die Jahrzehnte vernichtet sich das Papier gewissermaßen selbst mit seiner Säure. Blätter, Heftchen, Aktensammlungen, Bücher, Bibliotheken: Es zerfällt einem in den Händen. Der gesamte Literaturbetrieb ist auf einem Material aufgebaut, das sich selbst zerfrisst. Das ist wunderschön. Denn darin spiegelt sich der große Vollmond der Harmonie, der immer dann aufscheint, wenn Formund Inhalt ihre ideale Entsprechung gefunden haben. Das Papier ist die weiße Fläche, auf die das kritische Zeitalter gesetzt ist. Ohne Papier keine Kritik. Worauf sollte man sein «Nein» denn setzen? Das Papier hat das allumfassende Phänomen der Kritik erst möglich gemacht. Überall ist Kritik drin. Überall ist Nein drin. Und im Papier ist Säure drin, die das Papier zerfrisst. In der Kritik ist Fraß drin, der die Kritik frisst. So zerfrisst am Ende der kritische Inhalt all der unzählbaren beschriebenen Blätter seinen eigenen Datenträger. Und schafft sich ab.
Doch. Doch wir verlassen das kritische Zeitalter. Die Kritik ist zu Ende. Das Papier ist zu Ende. Das Buch ist zu Ende. Der Bildschirm ist da. Das E-Book wird wie der apokalyptische Reiter durch den Literaturbetrieb reiten. Und der E-Book-Pest werden die Bewohner des Land of Literaturbetrieb zum Opfer fallen. Hallo liebe Verlags-Checker! Hallo liebe Autoren! Hallo liebe Buchhändler! Hallo liebe Druckereien! Eure Leiber werden absterben! Denn das Papier ist unrein. Es verschmoddert. In den Furchen und Riefen seiner unregelmäßigen Oberfläche sammelt sich der Schmier seines Befassers. Sein Fingerfett. Seine bakteriologische Wurfpost. Sein DNA-Kostüm. Das Papiermüffelt nach Wohnungsauflösung und alt gewordenen Träumen. Es verseucht uns mit seinen Miasmen. Nie verlässt die Aura eines Vorbesitzers die Physis eines Buches. Krabbeltierchen wohnen in ihm. Nie verlässt der Staub die Blätter, die die Feuerwehr aus den Ruinen des Kölner Stadtarchivs klaubte. Die Akten und Zettel, die Manuskripte, die Briefe, die Kladden. Nie verlässt der Staub das Papier. Das Papier selbst ist der Staub. Nie verlässt der Schmutz das Papier. Das Papier ist unrein. Geronnen aus Baumbrei. Igitt.
Der Bildschirm ist rein. Das E-Book ist rein. Der Bildschirm versiegelt die Schrift. Er trennt sie von uns Schmierwesen. Von uns DNA-Schleudern. Die Schrift findet jenseits von uns statt hinter der Bildschirmhaut. Wir können sie nicht fassen. Die Schrift ist jetzt unantastbar. Wir können sie nicht abschaben mit einem kleinen Messerchen. Oder überschwärzen, wenn was nicht mehr stimmt. Oder eine anmaßende Anmerkung reinfuddeln in den Buchkörper. Das E-Book ist der Day SPA für die ausgestempelten Buchstaben. Es macht Wellness mit ihnen. Es gibt keine beschmutzten Zeichen. Es gibt keine beschmutzten Dateien. Die Beschmutzung in der Reinheit des Computers heißt: Es gibt allenfalls verschwundene Dateien. Gelöschte. Gestorbene. Nicht mehr auffindbare. Und das ist ein Unterschied. Der Schmutz ist nicht mehr da. Der Computer ist rein. Die Texte erstrahlen auf den leuchtenden Bildschirmen in ihrer vollständigen Reinheit. Ganz rein wird die Kunst, sie wird rein von Geld. Texte werden leicht werden. Unbeschwert von Geld.
Die E-Books werden Schmeichler sein. (Sowie das hübscheste Handy, das man sich denken mag.) Sie werden so nice sein, dass wir sie permanent in unsere Hände schmiegen wollen. Die E-Books werden immer 37° warm sein. Keinen anderen Körper werden wir so dauerhaft mit unserer Körperwärme versorgen wie dieses nice Gerät. Und alle Texte werden im Netz unterwegs sein. Und alle Texte werden frei sein. Frei von Honorar. Nur auf Mittelaltermärkten werden noch Bücher verkauft werden. Ledergebundene Sonderlinge. Die Buchhändler werden sich Lederwämse überwerfen und Schalmeien anschlagen. Ihr Geschäftwird Folklore sein. Alle werden sich Alles für Umme im Netz runterladen. Der Literaturbetrieb wird frei sein. Frei von Geld. Die Verlage werden ihre Bücher verschenken. Die Smarten unter den Verlags-Checkern werden ihre Verlage in Werbeplattformen umgestalten, in die sich irgendwelche langweiligen Industrien einkaufen können, um Content für ihren Unnütz zu kriegen. Das Buch wird ein kostenloses Give away zum Live-Autor, der im Literaturhaus seine Live Show verkauft. Und irgendwo in Amerika sitzt der E-Book-Mann und verkauft seine E-Books in die ganze Welt. Er hat alle Rechte. Ihm gehört das ganze Geschäft. Er ist der letzte freie Künstler des Planeten. Er hat den Text von seinem Urheber befreit. Und das freigewordene Geld schlaucht er ab in sein märchenhaftes Königreich. Er verschenkt sogar Geld an arme Leute. Er hat ein neues Verständnis von Freiheit und Demokratie. Demokratie ist asi.