Mit dem Fahrrad, liebe Leserin, lieber Leser, durch die eigene Zukunft brausen – geht das? Was die amerikanische Metropole Chicago anlangt, lässt sich uneingeschränkt sagen: Ja, es geht! Zukunft ist in dieser Stadt nämlich auch in Gestalt luxuriös ausgebauter Fahrradwege gegenwärtig. Und vorausgesetzt, man bucht die entsprechende Bike-Tour, führen sie einen ohne größere Umstände zu den Obama-Sites, den Lebens-Schauplätzen der heutigen Präsidentenfamilie.
LITERATUREN hat sich für diese Sommerausgabe auf die Spuren der Zukunfts-Visionen geheftet, wie sie seit einem guten Jahrhundert aus Amerika zu uns kommen – und wo wären diese sinnlicher aufgehoben als in der Literatur? Der direkte Reiseweg führte nach Chicago. Hier wurde nicht nur der Wolkenkratzer erfunden, hierher kommt nicht nur der visionäre gegenwärtige Präsident. Hier wandelt man auch durch ein Living Museum der Architektur wie der Lebensformen, das täglich weiter in die Zukunft wächst. Und mittendrin lebt ein Autor, der es mit den Visionen der amerikanischen Gesellschaft aus persönlichen Gründen besonders genau nimmt: Aleksandar Hemon, der hierzulande gerade mit seinem «Lazarus»-Roman Furore macht – er kam erst 1992 aus Sarajevo nach Chicago. Frauke Meyer-Gosau erwanderte mit ihm die Kapitale der permanenten Zukunft. Und fühlte sich dabei an die poetischen Euphorien des Dichters Walt Whitman ebenso erinnert wie an die literarischen Prognosen von Richard Powers. Beide Autoren haben in diesem Heft ebenfalls das Wort.
Dass Entwürfe des Neuen andererseits immer mit bereits realisierten Träumen zusammenhängen, zeigt nichts deutlicher als die erste Mondlandung vor vierzig Jahren. Ronald Düker hat deren Geschichte wie die Eskapaden der Apollo-11-Besatzung verfolgt, bis hin zu den Mühen, ins beschwerte Erdenleben zurückzufinden.
Doch siedeln Visionen vom besseren Leben nicht nur auf fernen Trabanten oder Kontinenten. Sie nehmen ebenso in nächster Nähe Gestalt an: Julia Encke hat sich mit der Schriftstellerin Monika Maron auf den Weg nach Bitterfeld gemacht und im einstigen Chemiegebiet der DDR blühende Landschaften gefunden – und Menschen, die mithilfe von Vorstellungs- und Tatkraft nicht nur persönliche Träume wahr machen.
Und China, dieses Zukunfts-Territorium der dritten Art? Jörg Magenau hat eine bizarre Wander-Reportage aus den achtziger Jahren gelesen und führt uns damit schon sacht an das Buchmessen-Gastland des Herbstes heran. Doch das ist Zukunftsmusik.
Zuallererst beglückende Sommer und Lektüre-Aussichten wünscht Ihnen
Ihre Literaturen-Redaktion