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Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur
Dutli: Grossman
Was die Tiere nicht erfunden haben
ERZÄHLUNGEN Der große Alltags-Schilderer Wassili Grossman zeigt in «Tiergarten» unbekannte Seiten

Der 1905 im ukrainischen Berditschew geborene Wassili Grossman gilt als Autor eines einzigen Jahrhundertbuches, das in gigantischer Kraftanstrengung die Demaskierung zweier totalitärer Systeme unternahm. Als «Leben und Schicksal» vor zwei Jahren erstmals vollständig auf Deutsch erschien, erregte es verdientermaßen Aufsehen (siehe LITERATUREN11/2007). Nun aber ist auch der beinah schon demonstrativ nicht-monumentale Erzähler Grossman in dem Band «Tiergarten» zu entdecken, hervorragend übersetzt von Katharina Narbutovic.
Grossmans Anliegen ist das «Menschliche am Menschen», die würdige Bewältigung von Alltag und Schicksalsschlägen. Dennoch kann sich auch hier der Kriegskorrespondent nicht verleugnen. Grossman, der als Erster die «Hölle von Treblinka» beschrieb und am «Sturmauf Berlin» als Augenzeuge teilnahm, verhehlt nicht, dass das Hauptereignis seiner Existenz der verabscheute Zweite Weltkrieg war. In der eindrücklichen Titelerzählung «Tiergarten» zeichnet er das Porträt des Berliner Zoowärters Ramm, der sich, kurz vor dem Einmarsch der Sowjettruppen, um die von Bomben, Panzerlärm und Ölgerüchen verstörten Tiere kümmert.
Keinerlei Hass auf die selbsternannten «Herrenmenschen» führt Grossman die Feder. Ramm wird als ein «Gerechter» geschildert, als ein «Deutscher, der nachdenkt», der vier Söhne und seine Frau verloren hat und sich nach und nach über das Ausmaß der Monstrosität des Hitlerregimes klar wird. Die Einfühlung in die von ihm betreuten Tiere, in ihr verschüttetes Bedürfnis nach Freiheit, macht ihn zu einem Verbündeten der Kreatur gegen die Mächte der Zerstörung: «Nicht die Tiere waren es, die den Nationalsozialismus ersonnen hatten.»Überhaupt liefern Tiere für Grossman das Maß der Menschlichkeit in diversen Erzählungen, seien es eine in den Weltraum geschossene Hündin, ein Maultier im Krieg, eine getötete Elchkuh.
In «Die Sixtinische Madonna» wird Raffaels aus Dresden geraubtes und vor seiner Rückführung in Moskau ausgestelltes Gemälde für einen Besucher zum Anlass, seine traumatischen Kriegserlebnisse zu bewältigen, die mit eigenen Augen gesehenen Gräuel mit der überwältigenden Menschlichkeit des Bildes zu konfrontieren – eine bewegende Sondierung der Möglichkeiten des Menschlichen. Der aufgewühlte Bildbetrachter glaubt sich mehrmals an das Madonnengesicht zu erinnern: «Sie war es, die mit ihren leichten, nackten Füßen von der Entladungsrampe des Transportzugs bis zur Gaskammer über die schwankende Erde von Treblinka lief.»

Vor dem Einsatz der «neuen Waffe» In «Abel (6. August)» wohnt der Leser zunächst irritierend lange dem Geplänkel von Luftwaffenpiloten während des Nichtstuns bei, der erschlagenden Banalität ihrer Gespräche. Dann erst erfährt man,dass sie bald zu einem Einsatz «mit der neuen Waffe» gerufen werden. Joseph geht für zehn Minutenschwimmen, genießt die Empfindung des Wassers und die Schönheit der Welt, eine «brüderliche, innige, zärtliche Verbundenheit mit allem,was auf Erden wie in den Tiefen des Meeres lebte». Schließlich erfolgt der Anflug auf Hiroshima und Nagasaki, das mit der «neuen Waffe» angerichtete Inferno. Die Mehrzahl der Piloten nimmt es routiniert ungerührt («Wir haben ihnen für Pearl Harbor ordentlich eins verpasst»), nachdem Einsatz findet ihr Gewitzel seine Fortsetzung. Einer jedoch, Joseph, der brüderliche Schwimmer, verliert den Verstand und wird in eine Klinik eingewiesen. Die Kollegen kommentieren es verständnislos: «Ich habe gleich gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Aber macht nichts. Wenn es nicht für immer ist, geht es in ein paar Tagen vorbei.»
Nicht immer sind Grossmans Akteure Soldaten, oft sind sie Funktionäre,Wissenschaftler und Angestellte, die leiden oder lieben, versagen oder aufblühen. Eine Runde von erfolgreichen Studienfreunden wird in «Phosphor» porträtiert. Der Außenseiter Krugljak scheitert immerzu, bleibt jedoch als Einziger fähig, wirkliche Solidarität zu zeigen, während die anderen oberflächlich, abgelenkt oder schlicht feige sind; eine feine kleine Studie über die Relativität des Erfolgs.
Grossman, der 1964 an Krebs starb, schildert den Alltag vortrefflich aus vielen Perspektiven, seine Einfühlungsfähigkeit und Menschenliebe bleiben unerschütterlich. Erinnert man sich an die verstörenden Kolyma-Erzählungen von Warlam Schalamow, die vor zwei Jahren gleichzeitig mit Grossmans Stalingrad-Epos Furore machten, springt der Kontrast ins Auge: Schalamows Schreiben wurzelt in der Heillosigkeit der Moderne, Grossman aber versucht in seinen Erzählungen, das humane Pathos der großen russischen Prosa in der Nachfolge Tolstois und Tschechows noch über die schlimmsten Katastrophen hinweg zu retten. Eine lohnende und lesenswerte Entdeckung sind seine Erzählungen allemal. RALPH DUTLI

WASSILI GROSSMAN
Tiergarten. Erzählungen
Aus dem Russischen von Katharina Narbutovic.
Mit einem Nachwort von Franziska
Thun-Hohenstein. Claassen, Berlin 2009.
320 S., 24,90 ¤



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