Von Romantik beim Bonobo keine Spur Richard David Precht verspricht eine Erforschung der Liebe und sieht dann ein, dass das Wesentliche ungesagt bleiben muss. Also spricht er viel über Sex
VON RONALD DÜKER Den besten aller möglichen Schwiegersöhne gibt es schon: Er heißt Richard David Precht. Das dämmerte mir neulich nicht ohne Bestürzung, schließlich war es die Mutter meiner Freundin, die da aus dem Schwärmen nicht mehr herauskam. Sie hatte den Philosophen bei «Beckmann» im Fernsehen gesehen, wo er sehr klug und schön über die Liebe gesprochen hatte. Der jungenhaft wirkende Mittvierziger war, wie sie fand, auch wegen seiner längeren Haare, ein durchaus attraktiver Mann. Neben Precht am Tisch hatte seine Frau gesessen, eine luxemburgische Fernsehmoderatorin. Dass die beiden vor laufender Kamera freimütig bekannten, trotz Trauschein nur phasenweise unter einem gemeinsamen Dach zu leben, dass jeder sein eigenes Leben führe, man sich aber trotzdem liebe und respektiere – das hatte die Mutter meiner Freundin beeindruckt. Nun spielt sie mit dem Gedanken, Prechts neues Buch zu kaufen: «Liebe. Ein unordentliches Gefühl». Ebenfalls in Beckmanns Gesprächsrunde saß Karl-Theodor zu Guttenberg, der Wirtschaftsminister mit CSU-Parteibuch. Befeuert durch den offenherzigen Charakter des Tischgesprächs entblößte auch er Privates. Nicht etwa beim Oktoberfest, sondern während einer Love Parade sei er seiner heutigen Ehefrau erstmals nähergekommen. Ein erstaunlicher Vorgang: Die vormals lebhafte Abneigung, die er ihr gegenüber bis dahin empfunden habe, sei dort durch längere Gespräche (wohl abseits lautstarker Boxen) ins Gegenteil umgeschlagen.
Wer über Liebe spricht, darf von der eigenen Erfahrung nicht schweigen – dieser Diskurs geht mit dem Leben auf Tuchfühlung. Deshalb rücken dem Erfolgsautor die Kameras auf den Pelz,deshalb sollen die Zuschauer wissen,wie seine Frau aussieht,deshalb darf ungeschützt drauflos geredet werden: Wer dieses unordentliche Gefühl mit dem Bügeleisen des Verstandes zu glätten versuchte, stünde als hartherziger Spielverderber da. Kleine Verlegenheiten und zartes Erröten sind dabei ein gutes Marketing für das Buch: So ist das mit der Liebe im Zeitalter des Kapitalismus. Gegenwartsdiagnostisch spricht Precht von den Wahrheitsspielen der Liebe, die dem romantischen Ideal des frühen 19. Jahrhunderts auch dort noch folgen, wo sie längst bewusst gemacht wurden und nur noch gebrochen erscheinen – so steht es im letzten, dem soziologisch-historischen Teil seines Buches. Wo es um Romantik geht, bleibt aber einiges im Ungefähren. Und so beschwört der Autor, am Ende selbst Romantiker, das Numinose: «Worüber man nicht reden kann in der Liebe», so heißt es da frei nach Wittgenstein, «darüber muss man schweigen.»
Menschen in Frontstellung
Dass dieses Buch von mehr als 400 Seiten nicht allzu verschwiegen geraten ist, liegt daran,dass sich Precht ans Sagbare hält. Er vertraut dabei dem einmal bewährten Erfolgsrezept. Der Vorgänger «Wer bin ich – und wenn ja,wie viele? »war eine leicht konsumierbare Geschichte philosophischer und naturwissenschaftlicher Theoriebildung. Zwei Jahre steht dieser Titel nun weit vorn auf der Sachbuch- Bestsellerliste, und das nicht ohne Grund: Das Interesse an allgemein verständlichen Überblickswerken, die ein kanonisches Oberflächenwissen für Normalverbraucher versprechen, ernährt den Sachbuchmarkt schon seit Jahren. Auch Prechts neues Buch ist ein Kompendium aus Theoriereferaten, die überall dort, wo Langeweile droht, mit Anekdoten aus Forscherbiografien nachgewürzt sind. Oft aber haben auch die Gedankenspiele und Versuchsanordnungen, die Precht insbesondere dem Arsenal der Evolutionsbiologie entnimmt, einen hohen, beinahe literarischen Unterhaltungswert. Wo die menschliche Sexualität aus der genetischen Nähe zu unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, abgeleitet wurde, kam, so Precht, zuweilen regelrechter «paläolithischer Surrealismus» heraus.
Warum, so fragte sich zum Beispiel der Biologe Desmond Morris, sind Menschen so viel monogamer als die haarigeren Dschungelbewohner? Und warum haben Menschenfrauen im Vergleich zu ihren tierischen Geschlechtsgenossinnen so auffallend große Brüste? Antwort: Brüste und Lippen der Frau sind frontal platzierte Sexualsignale. Ein Affenweibchen hingegen zeigt seine Schokoladenseite rückwärtig: «Fleischig halbkugelige Hinterbacken und ein Paar hochroter Schamlippen» – da sitzt das Männchen gern von hinten auf. Während aber der Mensch den aufrechten Gang erlernte,wanderten die sexuellen Reize nach vorn. Frauen hatten nun «Duplikate von Hinterbacken und Schamlippen in Form von Brüsten und Mund», und während man einander bei frontaler Begattung plötzlich in die Augen schaute, regte sich der seelische Impuls. Mann und Frau merkten, dass «Paarbildung» nicht bloß als Momentaufnahme der Kopulation von Wert war und entschieden sich für die monogame Lebensform – bis dass der Tod sie schied.
Die Erhebung der Kultur aus dem Sumpf der Biologie: Diese Theorie ist so schlicht, dass sie auch als Drehbuch eines Zeichentrickfilms für Vierjährige taugen würde. Und Precht macht triftige Einwände geltend. Ist nicht, zoologisch argumentiert, allein das Sexualverhalten verschiedener Menschenaffen-Arten zu differenzieren? Schon Schimpansen verhalten sich ganz anders als Bonobos, die der Autor aufgrund ihrer überaus promisken sexuellen Aktivität bei gleichzeitiger Friedfertigkeit zu «Hippie-Affen» erklärt. Bezeichnend ist, dass Desmond Morris seine Thesen im Jahr 1968 vorbrachte, also auf dem Kulminationspunkt jener Bewegung, die auch die Verhältnisse zwischen Mann und Frau neu regeln wollte und darauf bestand, dass Anatomie kein Schicksal sei. Das Geschlecht möge doch bitte eher als soziale denn als biologische Kategorie zu begreifen sein. «Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht », hieß es schon 1949 in Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht»; und sechs Jahre später setzte der Sexualwissenschaftler John Money den für diese Unterscheidung prägenden Begriff in die Welt: Das Wort Gender findet sich heute im Titel regulärer Universitätsstudiengänge.
Affenliebe ist keine Liebe
Stets entscheidet sich das Denken über Liebe – und stärker noch das Denken über Sex – an dieser einen Frage: Folgt der Mensch (und bleibt dabei ganz Tier) den Gesetzen der Natur, oder hat er als Kulturwesen die genetische Zwangsjacke abgestreift? Precht signalisiert interdisziplinäre Beschlagenheit: Als Eckpfeiler der relevanten Theoriebildungen macht er die Biologie, die Psychologie und Soziologie aus. So ist sein Buch vor alle meine populärwissenschaftliche Wissenschaftsgeschichte. Man muss diesem Autor zugute halten, dass er sich von vielen populärwissenschaftlichen Kollegen durch einen dezidiert skeptischen Gestus unterscheidet. Bei fast allen Denkmodellen,die er vorstellt, findet er das Haar in der Suppe. Zudem verzichtet er auf allzu griffige Thesen. Wer wissen will, «warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken», oder auf bündige Erklärungen von «Brainsex» oder des «weiblichen Gehirns» wartet, kommt nicht auf seine Kosten.
Stattdessen führt Precht ausführlich vor, bei welchen Wissenschaftlern sich Bestseller dieser Machart munitionieren: Die Anthropologin Helen Fisher, der Evolutionspsychologe David Buss oder der Biologe Richard Dawkins kommen nicht ungeschoren davon. Und wenn die Erzählungen vom Gladiatorenfrosch, Seepferdchen, Komodo-Waran und von der Prärie und Bergwühlmaus noch so anschaulich sind – der Leser darf sich bestätigt fühlen, wenn auch er dem populären Wissenschaftsjournalismus schon lange misstraute: Titelgeschichten über den steinzeitlichen Urgrund unseres Gefühls- und Geschlechtslebens mögen das Sommerloch von Illustrierten und Nachrichtenmagazinen füllen, nicht aber unsere Wissenslücken.
Wenn auch nicht originell, so doch plausibel: Precht beharrt auf den historischen Umständen, unter denen der Mensch zu sich gekommen ist. Weil er gelernt hat, Ich und Du zu sagen, macht er in Liebesdingen schon lang nicht mehr den Affen. Unsere Emotionen, sagt der Autor, mögen «stammesgeschichtlich sehr alt sein, unsere Vorstellungen sind es eher nicht. Um die Liebe tatsächlich zu begreifen, dürfen wir sie nicht allein als einen körperlichen Erregungszustand verstehen, sondern noch als etwas ganz anderes: als eine Anspruchshaltung an den anderen und an uns selbst. Denn da wir – im Unterschied vielleicht zu Schimpansen –wissen, dass wir lieben, benehmen wir uns auch wissentlich wie Liebende.» Dass die Gene auf Fortpflanzung drängen und die Lust auf Erfüllung zielt, ist also nicht einmal die halbe Wahrheit: Durch Vorstellungen und Erwartungen und durch das ganze Spektrum verwirrender Sprachspiele ist der Mensch aus strikter Naturnotwendigkeit herausgetreten. Liebe und Libido, vermutet Precht, stammen kaum aus der Steinzeit.
Es dreht sich ja auch unsere Welt immer schneller. Wer heute durch SMS und E-Mail in Simultangeschwindigkeit kommuniziert, wer in Autos oder Flugzeugen verreist, der wird in Fragen der sozialen Bindung nicht unbedingt so standhaft sein wie ein Neandertaler. Und auch den Code der romantischen Liebe vielleicht nur noch gebrochen verwenden. Wo aber Precht den Zeitgeist gegen den Geist ausspielt, erweist er sich als Philosophmit der Lizenz zum Kalauer: «Der junge Goethe, der vor dem Straßburger Münster in Tränen der Bewunderung ausbrach, ist den Kaugummi kauenden Schulklassen von heute ein verirrter Spinner. Und den Philosophen Walter Benjamin, den die Berliner S-Bahn-Züge der 1920er Jahre bei Tempo 40 so sehr in einen Geschwindigkeitsrausch versetzten, dass er um seinen Verstand fürchtete, möchte man sich nicht auf einem heutigen Kirmes-Booster vorstellen.» Nein, das möchte man nicht. Es ist aber auch die Frage, ob man Kultur- und Geistesgeschichte derart kirmesmäßig aufbereitet lesen möchte.
Jenseits der Brutpflege
Precht untermauert naheliegende Erkenntnissemit plausiblen Erklärungen. Und überzeichnet darüber die Vignetten gerade solcher Denker zu Karikaturen,denen sein Reflexionsstand die Grundlagen verdankt. Sigmund Freud, so lehrt der Autor, habe «fälschlicherweise» angenommen, «die Liebe entsprängeder Sexualität», und überhaupt habe er die psychoanalytische Unsitte in die Welt gesetzt, die «Sehnsucht zu pathologisieren». Judith Butler steht schon aufgrund ihrer privaten sexuellen Präferenzen unter Verdacht: «Für die gleichgeschlechtlich orientierte Kulturphilosophin», klagt Precht, «ist bereits die heterosexuelle Romantik ein schwer verzeihliches Übel.» Und über Michel Foucault ist (außer dass er «ein schlanker, glatzköpfiger Dandy im weißen Rollkragenpullover» war) noch dieses anzumerken: «Wenn Sartre der Faust der französischen Philosophie im20. Jahrhundert ist, so ist Foucault ihr Mephisto – der Geist, der stets verneint, was andere für sicher halten.»
Wo über Liebe schon kaum gesprochen werden kann, lernt der Leser in diesem Buch namens «Liebe» so manches über Sex. Über den Sex der Affen und Frühmenschen, über hormonelle Konstellationen und zerebrale Feuerwerke – und davon, warum sich der Mensch von alldem durch Kultur emanzipiert hat. Dass Sex nicht bloß die Vorstufe zur Brutpflege ist und daher auch das biologistische Reden darüber ein Rückfall in die Steinzeit – das belegt Precht plausibel.Wie sich aber die Praxis einer von jedem Naturzwang befreiten Sexualität gestalten könnte, das ist möglicherweise kein Thema für den perfekten Schwiegersohn.
P.S.: Das ZDF gibt bekannt, dass Richard David Precht eine eigene Fernsehsendung erhalten soll. Dieses neue Format werde das von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski moderierte «Philosophische Quartett» ergänzen.
RICHARD DAVID PRECHT Liebe. Ein unordentliches Gefühl Goldmann, München 2009. 400 S., 19,95 ¤ |