Auf Charlotte Roches «Feuchtgebiete» folgt eine Welle neuer Pornografie: Autorinnen wie Tracey Emin oder Rebecca Martin schreiben als Frauen über Sex. Ihre Ich-Figuren benehmen sich wie Kinder – oder Männer
VON BARBARA VINKEN Wir befinden uns in der Zeit nach der sexuellen Revolution, im Jahre 1976. Wir stehen unter dem diktatorischen Anspruch, unser Begehren endlich befreit gegen alle verbietenden Autoritäten auszuleben. Unsere Lüste in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit promisk gegen die spießigen Beschränkungen des Fünfziger-Jahre-Familienmuffs zu erfüllen. Revolutionär soll nach Wilhelm Reich jeder Orgasmus sein. Make love, not war. Viel bleibt noch zu tun, aber wir wissen uns euphorisch auf dem Wege ins Gelobte Land des so befreienden wie erfüllenden und alles Etablierte umstoßenden Genusses. Und dann der Satz von Michel Foucault, der sein Buch «Sexualität und Wahrheit» mit den denkwürdigen Worten «nous autres victoriens», «Wir Viktorianer», einleitet und die Blase sexueller Glückseligkeit, die emanzipatorisch sein soll, mit einem Schlag zerplatzen lässt.
Wir halten uns, schrieb Foucault damals, immer noch für Viktorianer, verklemmt, prüde, von hinterwäldlerischen sexuellenmores. Eswaren aber Viktorianer, die im 19. Jahrhundert eine Kultur geschaffen haben, in der unausgesetzt über Sex geredet und geschrieben wird. Eine witzige Parodie dieses nicht gestillten und nicht zu stillenden Wissenwollens über alles Sexuelle ist Mary Roachs Buch «Bonk. Alles über Sex – von der Wissenschaft erforscht». Als Autorin populärwissenschaftlicher Bücher geht Roach geduldig noch den absurdesten Hypothesen über das menschliche und tierische Sexualleben nach, denen in ihrer Darstellung nach gerade satirische Qualitäten zuwachsen. In Foucaults Blick ist Sex in unserer Kultur weder emanzipatorisch noch antiautoritär. Im Gegenteil ist die minutiöse Erforschung der Sexualität eine Machtstrategie, die durch den Anreiz, seine Lust zu erklären, an die Autorität gebunden bleibt. Und heute, könnte man hinzufügen, macht diese Strategie nicht nur den Volkskörper beherrschbar, sondern hält auch die Wirtschaft systemkonformam Laufen – durch Paare, die shoppen, statt sich dem Vorspiel hinzugeben.
Im Weichzeichner auf einer Schaukel
Zur Zeit trifft man auf eine massive Textproduktion von Autorinnen,die sexuelles Leben mit vielen Details auf den Markt werfen, neben Mary Roach etwa Rebecca Martin, Maria Sveland, die Künstlerin Tracey Emin oder im vergangenen Jahr Charlotte Roche, soeben von Sarah Kuttner schlecht nachgeahmt. Meistens in der Ich-Form schreibend, verleiten sie zum Kurzschluss, das Ich im Text sei die Autorin selbst. Dieser scheint es, auch wenn «Roman» auf dem Buchcover steht,nicht um Fiktion zu gehen. Lebensecht wird erzählt, wann sie es wo und wie mit wem macht. Der biografische Kurzschluss war schon im Fall von Charlotte Roches «Feuchtgebiete» überwältigend. Foucault hin oder her: Immer noch glauben diese Autorinnen, tabulos befreiend unterwegs zu sein. Doch unter dem Vorwand der endlich auch weiblichen sexuellen Emanzipation geschieht etwas ganz anderes: Sex ist Mittel zum Zweck geworden, und das nicht nur nach dem Motto Sex sells – eine Verkaufsstrategie, die den Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf dazu gebracht haben mag, jüngst eine Reihenamens «Anais» zu lancieren, in der junge Autorinnen «unverkrampft und explizit über Sex schreiben, ohne beim Porno zu landen». Doch darüber hinaus geht es in den interessanteren dieser neuen Bücher um die Zerstörung oder besser: um die Umkehrung all dessen,was eine Frau traditionellerweise, in bürgerlichen und noch in postbürgerlichen Zeiten, ausmacht. Paradoxerweise wird dabei jedoch die bürgerliche Errungenschaft schlechthin – die Liebesehe nämlich – aus der Perspektive der Tochter bedingungslos bestätigt.
Wenn Frauen einst pornografisch schrieben, galten sie als Huren und damit als das Gegenteil von anständigen Mädchen und späteren Ehefrauen und Müttern. Männer sind noch nie nach ihren sexuellen mores beurteilt und in «anständige» und «unanständige» Männer eingeteilt worden, in Männer, die man aus Gründen ihres sexuellen Verhaltens heiraten kann oder lieber nicht heiraten sollte. Wunderschön brachten das die italienischen Pornos der achtziger Jahre auf den Punkt: Da stößt sich der junge Mann in den wildesten Orgien, in denen harmlose Büroszenen plötzlich in caligula-artige Ausschweifungen kippen, die Hörner ab, um dann die Jungfrau und künftige Mutter seiner Kinder zu heiraten, die im Weichzeichner ganz in Weißauf einer Schaukel ins Bild schwebt. Kein Mensch weiß, wie sie sich ihre Jungfräulickeit erhalten hat, wo doch alle anderen Frauen im Film dem Mann massiv zu Leibe rückten und ganz ohne Weichzeichner immer nur das eine wollten.
Die Verdrehung dieses Porno-Szenarios aus den Achtzigern ist Rebecca Martins Buch «Frühling und so», der erste Band der «Anais»-Reihe. Die Heldin ist ein sehr junges Mädchen, das hauptsächlich in Berlin weilt, aber auch durch die Bundesrepublik reist – das soll wahrscheinlich einem größeren Publikum junger Frauen, die noch nicht alle in Berlin wohnen, zur Identifikation verhelfen. Sie füllt sich mit viel Wodka, Bier, Musik und Männern ab. Das alles macht sie zwar manchmal an, letzten Endes aber nicht glücklich, und so träumt sie bei allen mehr oder minder lustvollen, allen mehr oder minder geglückten Experimenten – meistens fällt es der Ich-Figur schwer, sich zu entspannen – eigentlich nur von der großen Liebe: von einem Das ein irgendwie als Hausfrau, zwischen Kindern und Fliederhecken. Tatsächlich schließt der Roman mit dem Wort «heiraten und so».
Wenn Sex und Liebe in eins fallen
Was die neue weibliche Pornografie zersetzen möchte – und doch ex negativo bestätigt – ist das,was das bürgerliche Zeitalter als Weiblichkeit und als Frau konstruiert hat. Die bürgerliche Revolution hat ihre ökonomischen Interessen im Namen der Geschlechtermoral durchgesetzt. Der unterstellten Promiskuität adeliger Männer und Frauen wurde vor allen Dingen eins entgegengesetzt: die Frau, die sich nicht von jedem ersten Besten verführen lässt oder – noch schlimmer – jeden verführen will, sondern ihre Reize auf den einen verwendet, um Ehefrau und Mutter zu sein. Thema des 18. Jahrhunderts war deshalb der außereheliche Verlust der Jungfräulichkeit, der oft eine Schwangerschaft nach sich zog (berühmtestes Beispiel ist das unselige Gretchen aus Goethes «Faust»). Thema des 19. Jahrhunderts war (von Flauberts «Madame Bovary» über Tolstois «Anna Karenina» und Fontanes «Effi Briest») der weibliche Ehebruch. Thema des 20. Jahrhunderts war die weibliche sexuelle Emanzipation, und das Thema des 21. Jahrhunderts scheint nun das Zersetzen des bürgerlichen Konstruktes «Weiblichkeit» zu werden. Kernstück dieses Konstruktes ist das Ineinanderfallen von Sex und Liebe bei der Frau – und die männliche Wertschätzung dieses Zusammenfallens, die durchaus ökonomische Momente annehmen, ja, durch sie gesteuert sein kann. Es brauchte als Gegenstück Frauen, die, nur für den sexuellen Konsum bestimmt, «Huren» sind. Und diese Entgegensetzung löst sich auf.
Man wird den Eindruck nicht los, dass Bücher wie Tracey Emins «Strangeland» und am eindeutigsten Charlotte Roches «Feuchtgebiete» Figuren entwerfen, die das Negativ all dessen sind, was die Bürgerlichkeit als Frau erfunden hat. Maria Svelands «Bitterfotze» hingegen bestätigt dieses weiblich-bürgerlich-romantische Konstrukt. Deswegen ist die Hauptfigur – im Gegensatz zu der Heldin von Erica Jongs «Angst vorm Fliegen» (1973) – nicht zu irgendwelchen Spontanficks unterwegs; am Ende liegt sie zum zweiten Mal schwanger, vom Mann in ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit unterstützt und bedingungslos geliebt, in der Badewanne.
«Schlampe, Schlampe, Schlampe»
«Strangeland», das Buch der Künstlerlin Tracey Emin, ist als Autobiografie annonciert. Die Ich-Figur ist zwischen den Klassen und den Kontinenten im wahrsten Sinne des Wortes a-sozial aufgewachsen, sie lebt jenseits von Gut und Böse. Der bürgerliche Moralkodex der Geschlechter, aber auch die bürgerliche Ökonomie sind ihr schlicht und einfach unbekannt. Bei Enim gibt es deshalb auch keine Frauenfigur, die Sex profitabel an den Mann bringen möchte, wie man es sowohl der Prostituierten als auch der Ehefrau nachsagt. Emin ist die romantischste der neuen Autorinnen, sie lässt ihre Heldin nach dem Modell der Verausgabung zwischen Ekstase und Absturz leben: Sex, drugs and rock’n’roll, die zur Selbstzerstörung eingesetzt werden. Diese Figur leidet nicht an den im Elend verlorenen Zähnen, an Vergewaltigung und Ausbeutung zu Zwecken kommerzieller Pornografie, sondern an ihrer unstillbaren Sehnsucht. Das Ideal bleibt die erhabene Liebe, die alle Grenzen der Ich-Erhaltung überschreitet und sich in völliger Selbstverausgabung hingibt. Wobei diese Liebe, abgesehen von ekstatischen Momenten, nicht mehr zwischen den Geschlechtern zu finden ist, sondern zwischen Mutter und Tochter. Als das Mädchen erwachsen wird, erkennt es, dass diese Männer, die mit ihm als 13-, 14-, 15-Jähriger geschlafen haben, keine richtigen Männer waren. Den bürgerlichen Moralkodex – Hure, anständige Frau – wissen diese Männer am Ende für sich zu mobilisieren. Sie bestrafen die kindlich-weibliche Selbstverausgabung der Ich-Erzählerin brutal – unfähig, sie als Geschenk, als ein Wegschenken anzunehmen: Die Ich-Erzählerin, die, von Sex auf Tanz umgestiegen, gerade dabei ist, einen Wettbewerb zu gewinnen, der sie aus ihrer Armseligkeit heraus nach London katapultieren würde, wird im Chor als «Schlampe, Schlampe, Schlampe» niedergebrüllt. Das Gebrüll, das die Musik und die Begeisterungsrufe des Publikums übertönt, hätte das Mädchen fast zerstört.
Hart im Nehmen: «Indianer weinen nicht»
Am klarsten,nahezu intellektualistisch abstrakt konstruiert, ist der Widerspruch zu aller bürgerlichen Weiblichkeit in der brillanten Groteske, die Charlotte Roches «Feuchtgebiete» sind. Hier ist kein Wort vom Herzen in die Feder geflossen. Wenn das Mädchen, das uns dort begegnet, so gut wie ausschließlich anal verkehrt, ist das weniger ein sexuelles Skandalon als ein Augenzwinkern an den Leser: Das verkehrte Verkehren macht sie zu einer buchstäblich invertierten Frau. Die Ich-Erzählerin Helen hat sich, kaum volljährig, als Erstes sterilisieren lassen. Mutter kann sie so schon mal nicht werden. Stattdessen tut sie, was Familienväter in genervten Momenten ihrer Familie vor Augen halten: Sie reißt sich den Arsch für ihre Liebsten auf.
Nach einer Operation am Anus, nötig geworden durch eine schiefgegangene Intimrasur, setzt sie sich frisch operiert im Krankenhaus auf die Bremse an den Rändern der Krankenhausbetten. Vergebens: Ihre «Elternverkupplungsidee» geht nicht auf, die Familie wird sich nicht um das Bett der fast verblutenden Tochter versammeln. Besteht das Konstrukt der bürgerlichen Frau idealerweise in der Einheit von Sex und Liebe, so tritt es in «Feuchtgebiete» krass auseinander. Sex wird ohne Rücksicht auf Gefühle– ganz so, wie man es Männern nachsagt – technisch beurteilt. Hart im Nehmen, sehr tapfer und wenig zimperlich, so scheint das Ganze eher nach dem beliebten Motto der Jungenerziehung «Indianerweinen nicht» abzugehen. Vom Code der Erotik–werben, den Hofmachen, verführen – keine Spur mehr. Auch der pornografische Körper, hergerichtet zur Lust, wird krass durchkreuzt. Wenn Helen Erbrochenes trinkt, um darin schwimmende Drogen nicht umkommen zu lassen, wenn sie alte, dreckige Tampons in sich hineinstopft (um nur die harmloseren Dinge zu nennen), reizt der Körper nicht zum Sex. Er wird als verworfener inszeniert.
Mein Herz gehört Papi
Die, die da die lange Reihe ihrer Sexgeschichten vor uns ausbreiten, sind weniger junge Mädchen als Kinder. Das unterscheidet die aktuelle Welle krass von den explizit erotischen französischen Romanen, die vor einigen Jahren für Aufmerksamkeit sorgten: Von Catherine Millet bis Catherine Breillat schrieben jene Autorinnen von den Triebschicksalen erwachsener Frauen. Bei all ihrer unglaublichen sexuellen Aktivität wollen die neuen kindlichen englischen und deutschen Heldinnen dagegen aus tiefstem Herzen nur eines: dass ihre Eltern, geschieden oder nicht verheiratet, wieder zusammenkommen. Männer spielen deswegen in diesen Szenarios eigentlich kaum eine Rolle. Sie gehen in ihrer beliebigen Austauschbarkeit spurlos vorüber, dazu verdammt, mehr oder weniger begabte sexuelle Erfüllungsgehilfen zu bleiben. Wer zählt, sind nur die Väter, welche die Männer,mit denen diese Kinder schlafen, per se nichtwerden können – nicht einmal mehr aus Zufall wie in den alten Zeiten. Und auch die Mütter dieser Mädchen haben eigentlich immer nur ihren Vater geliebt. Die sexuellen Ausschweifungen der Ich-Erzählerinnen, die Töchter für immer bleiben, verharren kindlich im Schatten des übermächtigen romantisch-bürgerlichen Ehe- und Elternideals.
«Feuchtgebiete», «Strangeland», «Bitterfotze», «Frühling und so», «Bonk»: Diese Bücher werden offensichtlich gekauft, weil wir jene Konstellation, die Foucault einst untersuchte – wir wollen alles über Sex wissen, vor allem über weiblichen –, noch immer nicht verlassen haben. Dabei führen die besseren Varianten des Genres die Idee tabuloser Emanzipation ad absurdum – und vor allem die Vorstellung von «weiblicher» Sexualität. Denn diese Mädchen benehmen sich eben nicht wie Huren, sondern – wie Männer. Sie erfüllen, sie übererfüllen mit donjuanesken Obertönen alle Klischees männlichen Draufgängertums. Am Ende sehnen sich diese Kinder danach, wider besseres Wissen und im Namen der (verratenen?) Liebe ihrer Mütter die zerstörte Familienidylle zu restaurieren. Was immer sie mit Männern – und hin und wieder auch mit Frauen – machen, so könnten sie doch am Ende mit Marilyn Monroe hauchen: «My heart belongs to Daddy.»
BARBARA VINKEN lehrt Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie veröffentlichte u.a. «Die nackte Wahrheit. Zur Pornographie und zur Rolle des Obszönen in der Gegenwart» und «Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos». Demnächst erscheint ihre Studie über Flaubert