Suche 
 
 
Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur
Das Kriminal
Das Kriminal
Hey, mighty Brontosaurus
VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Er ist der Meister: Arne Dahl. Und wenn der Meister sich vornimmt, in seinem siebten Kriminalroman einen Stoff auszubreiten, der sich von der Schlacht um Stalingrad im Jahr 1942 bis ins (jedenfalls äußerlich) sonnige Stockholm der Gegenwart erstreckt, dann funktioniert das auch. Trotz aller Hindernisse, die er sich selbst in den Weg legt; der Meister Dahl springt von Buch zu Buch gern immer noch etwas höher und weiter. Seit seinem Roman «Misterioso», der 2003 auf Deutsch erschien, setzt er dabei auf die (von ihm erfundene) «A-Gruppe», eine Sondereinheit der schwedischen Kriminalpolizei zur Aufklärung von Verbrechen mit internationalem Hintergrund. Von Anfang an hatte er den Rahmen damit weiter gesteckt als die großen Vorbilder Maj Sjöwall und Per Wahlöö, deren Mordgeschichten um Kommissar Beck allenfalls bis Dänemark reichten – und die dennoch das Genre für ganz Europa revolutionierten.
In ihrer Tradition steht nach wie vor auch Arne Dahls Romanserie um die «A-Gruppe». Hier allerdings kommt nun ganz Europa in den Blick, mit vereinzelten Schlenkern bis in die USA. Auch die kriminalistische Elitetruppe wurde mit den Jahren erweitert, umbesetzt und mit zeitgemäßen sozialen Kennzeichen versehen. So dass es jetzt einen chilenisch-stämmigen Schweden neben einem Schwulen und einer alleinlebenden Frau mit Unterschichts-Appeal gibt, einen getrenntlebenden Vater zweier fast erwachsener Kinder, einen aus Finnland gebürtigen Intellektuellen und Träumer mit riesiger weißblonder Kinderschar und den Chef der Internen Polizei-Ermittlung mit seiner farbigen Familie. Das Haupt des Teams ist eine alleinerziehende Mutter, daneben finden sich ein spät verehelichter Prolo und ein ehemaliges Testosteronmonster, das im Kirchenchor singt und mit einer aus Russland eingewanderten Universitätsdozentin zusammenlebt. Ein Rentner ist natürlich auch mit von der Partie: der ehemalige Chef der A-Gruppe, der bei Bedarf als Berater reaktiviert wird.
So geschieht es auch im neuen BandvonArne Dahl, der Totenmesse (aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Piper, München 2009. 403 S., 19,95 ¤). Allzu mysteriös nämlich erscheint den Polizei-Oberen die Geiselnahme in einer norwegischen Bank im Zentrum Stockholms, in die auch Cilla, die frühere Frau des internen Ermittlers Paul Hjelm, hineingerät. Offensichtlich handelt es sich bei den Geiselnehmern um zwei Russen, die am helllichten Tag schwarz maskiert in die Bank stürmten, sie in Windeseile mit Sprengstoff auskleideten, Kunden und Angestellte festsetzten und nun in elaboriertem Englisch, alle schwedischen Namen nahezu akzentfrei artikulierend, ihre Forderungen stellen: 20 Millionen Euro, und die Polizei selbst soll einen Plan entwickeln, wie die Räuber unbeschadet mit ihrer Beute aus der Bank wieder herauskommen. Die Geisel Cilla Hjelm schickt ihrem Ex-Ehemann derweil übers Handy Nachrichten und Fotos ins gegenüberliegende Präsidium– alles «ein bisschen ungewöhnlich», wie ein Mitglied des Krisenstabs zutreffend bemerkt. Es ist der erste Tag des jüngsten Irakkriegs, und ums Öl geht es letztlich auch bei dem Banküberfall, genauer: um die zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe der Erde.
Das alles ist überaus komplex angelegt, zumal es zu den Eigenheiten Arne Dahls gehört, dass er Geschichte – noch nicht lange vergangene wie fast schon vergessene – in seine Fälle mit einbezieht. Und wie immer spielt auch die Musik eine tragende Rolle, hier Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem. Der Totengesang schallt durch das Büro von Paul Hjelm, als das Geiseldrama beginnt, sie tönt durch die Urlaubsszenerie auf der Insel Chios (auch sie Ort eines vergangenen Massakers), hinweg über die Tagebuch-Aufzeichnungen eines jungendeutschen Wissenschaftlers, der sich als Scharfschütze der Nazi-Armee im beginnenden Winter von Stalingrad wiederfindet. Das Requiem klingt durch die Biografie eines DDR-Spitzels und überzieht auch Venedig, wo der Spezialpolizist Nylander in einem nächtlichen Showdown auf den US-Superkiller aus Arne Dahls Roman «Böses Blut» trifft.
Blut fließt hier in Strömen, nicht nur in einem sogenannten Stillen Haus der CIA in Schweden oder im Schlafzimmer von Cilla Hjelm, und Schritt um Schritt ersteht Vergangenheit wieder auf –bevor die Gegenwart mit der Kriegsrealität im Irak, unter der Ägide der Erdöl-Krösusse George W. Bush und Dick Cheney, mit vorläufiger Endgültigkeit die Szene übernimmt. Was erlösend hätte wirken können, scheint unwiederbringlich ausgelöscht, und wenn noch die disparatesten Teile sich am Ende zu einem sinnreichen Geschehen gefügt haben, steht dem Leser eine Welt im permanenten Krieg vor Augen: ein Menschheits-Schlachtengemälde, aus demes kein Entrinnen, immer nur befristete Rettung gibt. Was ein globaler Kriminalroman ist und kann, in der «Totenmesse» sieht man es beispielhaft. Und muss bei allem Grauen und allen Tragödien um das Grundprinzip der Humanität dennoch nicht fürchten. Denn darin liegt Dahls größtes Kunststück: Er beschönigt nichts und gibt dabei das Humanum dennoch nicht auf – angesichts der weltumspannenden Profitgier nun gerade nicht. «Hey, mighty Brontosaurus», schießt es dem Musiker und Polizisten Jorge Chavez einmal durch den Kopf, der im vorigen Roman wegen seiner Liebe zur Musik der Band «Police» fast umgekommen wäre: «You thought your rule would always last / There were no lessons in your past.» Arne Dahl stemmt sich gegen die Dinosaurier-Sicht der Geschichte. Er ruft Vergangenes in Erinnerung und verlängert dessen Linien bis in die Gegenwart hinein: realistisch und phantastisch zugleich. Meisterlich eben.




Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Beethoven

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.