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Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur
Netzkarte
Netzkarte
Beichte in 140 Zeichen
Wie das weltweite Netz das Zwitschern lernt: Die letzten Geheimnisse stehen an der elektronischen Pinnwand

Twitterst du denn? Diese erwartungsvoll gestellte Frage könnte übersetzt werden in: Bist du überhaupt angeschlossen an die Welt da draußen? Ganz kurz für digitale Amateure und Phobiker des Neuen: Twitter ist ein sogenannter Mikro-Blogging-Dienst, dessen Nutzer knappe Textnachrichten (nicht länger als 140 Zeichen, also kürzer als eine SMS auf dem Handy) senden können, die dann als «Tweets» bei www.twitter.com gelesen und empfangen werden können. Die naturalistische Namensgebung – Twittern wie Zwitschern – signalisiert, dass es sich hier um eine organische und unmittelbare Art des Weltzugangs handelt.
Doch anders als kulturpessimistische Betrachter denken mögen, ist das Twittern keineswegs eine Technik, die allein Vernetzung, Kontakte machen, Sichtbarkeit und soziale Performance bezweckt. Bei SecretTweet.com (http://secrettweet.com) kann jeder User anonymseine Geheimnisse veröffentlichen. Die Twitterer geben peinliche, lustige oder deprimierende Botschaften ein: «I only date him for his car», «The internet is my only friend» – so lauten typische Messages, die hier anonym mit der ganzen Welt geteilt werden. Der Großteil der veröffentlichten Geheimnisse handelt von banalen Liebes- und Sexaffären; aber auch schmerzvolle Tragödien, Abtreibungen und Selbstmordgedanken werden mitgeteilt. Darauf gibt es dann aufmunternde Antworten anderer User. SecretTweet.com ist sozusagen der größte Beichtstuhl derWelt. Der Bedarf scheint groß zu sein, denn wenn man selbst etwas eingibt, landet das Geständnis zunächst in einer Warteschleife: «There are currently 352 tweets ahead of yours waiting to be approved (we read themas fast as we can!).» Allerdings schafft es nicht jedes Geheimnis gleichberechtigt an die Tweet-Wand. Je einzigartiger, schockierender oder überraschender, desto größer die Publikationschance, heißt es im Leitfaden. Gemessen daran, geht es dann doch recht monothematisch zu: Liebe und Sex.
Eine künstlerisch wertvolle Variante des Geheimnisse-Zwitscherns ist das Projekt PostSecret (http://postsecret.blogspot.com), das es auch auf Deutsch gibt (http://postsecretdeutsch.blogspot.com). Bei diesem «gemeinschaftlichen Kunstprojekt» kann jeder «sein Geheimnis anonym auf einer selbstgemachten Postkarte preisgeben». Die Spielregel lautet: «Du kannst alles preisgeben – solange eswahr ist und Du es noch niemandem zuvor erzählt hast.» Passend zum aktuellen Revival des Handwerklichen handelt es sich bei diesen Postkarten um zu Hause gebastelte Objekte, die auf der Seite gezeigt und kommentiert werden. Das ist visuell ansprechender als SecretTweet: Ablehnungsschreiben von Unis werden zu Collagen verarbeitet, und auf ein Foto mit mehreren Fitness-Laufbändern hat jemand geschrieben: «I feel superior when my machine is set at a faster pace», ich fühle mich überlegen, wenn meine Maschine schneller läuft. Der Eifer des Gestehens ist so grenzenlos wie das weltweite Netz.
ARAM LINTZEL




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