Den Dichter stört das Brummen nicht Zum sechzigsten Jahrestag der Bundesrepublik: Hörbilder eines Romantikers – Wolfgang Koeppen. Akustische Auffälligkeiten bei familiären Lesungen – Thomas Mann. Sowie eine Wiederauferstehung
Am Anfang steht ein Geräusch. Der Lärm von Motoren, amerikanische Militärmaschinen, die über die Stadt fliegen. Wolfgang Koeppens «Treibhaus» beginnt mit dem Beben einer Stadt, die noch unter den Folgen des Krieges leidet, Erinnerung und unheilverkündende Drohung zugleich. Geräusche spielen in den drei Nachkriegsromanen Koeppens eine wesentliche Rolle: Die Figuren sind umgeben von Radiotönen, von Musik, dem Lärmen der Stadt. Sensible Helden, die ins Mikrofon sprechen und zugleich erschrecken vor dem, was da mit ihrer Stimme geschieht. Hinhörer und Verletzte, die sich dem Ansturm der akustisch verbreiteten Propaganda verweigern.
Für die Vertonung der Koeppen-Trilogiewird geworben, indem man sie in den Rahmen des sechzigsten Gründungs-Jubiläums der Bundesrepublik stellt. Eine repräsentative Edition also? Zum Glück nicht, wenn man unter «repräsentativ» die noch einmal gültig ins Bild gefasste Zeit versteht – repräsentativ für den Schriftsteller wie für seine von deutscher Tradition und moderner Erzähltechnik bestimmte Schreibhaltung aber sehr wohl. Wolfgang Koeppens Helden scheitern, weil sie ihre für eine hochkomplexe Welt geschärften Sinne nicht in Einklang bringen können mit der Sehnsucht nach machtferner Unmittelbarkeit, nach einem Paradies im Schatten der Macht. Im Lärm, den sie mit allen Sinnen wahrnehmen, verstummen sie selbst. Leonhard Koppelmann und Walter Adler als Regisseure und Bearbeiter nehmen diese besondere ästhetische Qualität der Koeppen-Romane wahr und geben eine eigene Antwort darauf. Koppelmann verweigert sich jedem akustischen Illusionismus, zu dem die «Tauben im Gras» eingeladen hätten, ein akustischer Film wird uns hier also nicht geliefert. Stattdessen bekommen die vielen Figuren und deren Perspektiven ihre jeweils eigenen Erzählerstimmen, die von einer meditativen Saxophonmusik begleitet werden.
Sehnsucht nach Erkenntnis
Der Text verliert darüber sein assoziatives Futter und seinen manchmal fast rhapsodischen Erzählton. Übrig bleiben einzelne Figuren, typisch deutsche Nachkriegsgestalten, merkwürdig isoliert voneinander und fast ein wenig klischeehaft. So zeigt das Hörspiel die figürlich-szenische Außenseite des Romans. Was fehlt, ist die Dichte der Reflexion, das gebrochene Verständnis von Wirklichkeit, das besonders die Figur des Schriftstellers Phillip auszeichnet. Koeppens Roman «Das Treibhaus» ist da einfacher zu handhaben, er ist konzentrierter erzählt als die «Tauben im Gras». Die Erzählerposition wird von Walter Adler in zwei Figuren aufgeteilt: Die eine wacht über die Bewegungen und Emotionen des Romanhelden, des SPD Abgeordneten Keetenheuve, der mit seinem Pazifismus am linken Rand der Partei steht und am Ende in den Rhein springt; die andere Figur spricht den inneren Monolog des Helden. Mit Axel Milberg und Rüdiger Vogler hat Adler diese beiden Erzählhaltungen wunderbar genau besetzt, Konzept und Untiefen des Buches sind vom ersten Moment an präsent. Milberg verkörpert den scharfsinnigen Beobachter, der seine Desillusionierung immerhin noch in Erkenntnis verwandeln kann; seine Ironie entzündet sich an den Absurditäten des Alltags wie an der Restauration des alten Machtgefüges. Rüdiger Vogler dagegen spricht aus der weichen Innensicht des Helden, und wenn man bei dieser Besetzung an Voglers viele Filme denkt, in denen er Wenders- und Handke-Figuren darstellte, ist man auf der richtigen Spur. Etwas von der deutschen Romantik steckt in Wolfgang Koeppen, er erzählt von Menschen, die getrieben sind von der Sehnsucht, einen Momentwahrer Erkenntnis zu erfahren, und sich dabei selbst verlorengehen.
Der Aller repräsentativste und der Fastvergessene
Thomas Mann lebte noch, als Koeppen seine Romane schrieb. Die neueste Edition Mann’scher Hörfunkaufnahmen birgt eine Köstlichkeit dieses aller repräsentativsten Schriftstellers: seine Lesung aus dem «Erwählten» im heimischen Kreismit Katja und Erika Mann und einem leise brummenden, gerade erfundenen und erstandenen Tonbandgerät. Den Dichter stört das Brummen nicht – und das Vergnügen am allerhöchst subtilen Ton, an Beschreibungslust und Posewerden noch einmal gesteigert, wenn man sich die kleinräumig familiäre Kulisse vorstellt, vor der das alles geschieht.
Sechzig Jahre Bundesrepublik! Sollten wir solche Jubiläen nicht wenigstens zu Wiederauferstehungen nutzen? Zum Beispiel zu derjenigen des am allerwenigsten repräsentativen Radiokünstlers und Parodiepoeten Heino Jaeger aus den siebziger Jahren? In dessen in puren Unsinn gekippten Interviews und Reportagen ist der Radioton der frühen Bundesrepublik aufbewahrt wie die berühmte Fliege im Bernstein, mit der pompösen Gestik des Expertengesprächs, indem das Bedeutende am Ende im Banalen verpufft, mit dem literarischen Nachtgespräch, dessen Tiefendimension man nur betrunken erahnen konnte. Am Ende dieses Textes erstehe er jedenfalls wieder auf: Heino Jaeger!
BERNHARD GLEIM
| WOLFGANG KOEPPEN Tauben im Gras. Das Treibhaus. Der Tod in Rom Hörspiele. Bearbeitung und Regie: Leonhard Koppelmann und Walter Adler. Mit Ulrich Noethen, Axel Milberg, Rüdiger Vogler u.a. Der Hörverlag, München 2009. 6 CDs, 240 Min., 29,95 ¤ |
| Thomas Mann liest aus Joseph und seine Brüder und weiteren Romanen Der Hörverlag, München 2009. |
| HEINO JAEGER Wie sieht’s bei Euch aus? Auswahl Eckard Henscheid. Kein und Aber Records, Zürich 2008. 1 CD, 71 Min., 16,90 ¤ |