Kathrin Schmidt Kathrin Schmidt, 1958 in Gotha geboren, studierte Psychologie und absolvierte das Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Für ihre Gedichte und Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet, im April dieses Jahres erschien ihr Roman «Du stirbst nicht». Kathrin Schmidt lebt in Berlin
Ich hattemal wieder Geburtstag. Leidiges Fest inzwischen. Verwandte und Freunde waren ausgeladen. Trotzdem begab ich mich zum Nachmittag auf einen Spaziergang, für den Fall, dass ich jemanden vergessen hatte. Streuselte irgendwie über die Äcker der Umgebung, kreuzte die S-Bahn-Schienen und saute mir nicht nur die Schuhe ein. Stimmung perdu. Bei der späten Rückkehr hing am Türknauf ein Päckchen. Jemand hatte ein Buch zum Geschenk hinterlassen. Ich warf es achtlos auf die Kommode im Flur und zog mir erst einmal frische Sachen an. Später brühte ich Tee und nahm altgewordene Pfefferkuchen aus dem Süßigkeitenfach, in dem die Schokolade regelmäßig verkarstet, holte das Buch von der Kommode, ruckelte mich im Sessel zurecht und trank in kleinen, genießerischen Schlucken. Kurban Said, las ich, «Ali und Nino». Das klang nach ziemlichem Turkmenenkitsch, aber ich war geschafft vom Laufen und nicht mehr in der Lage, mir irgendwas anderes zu holen. Also begann ich zu lesen.
Kurz vor Mitternacht hatte ich die 270 Seiten geschafft. Und war baff. Zunächst wusste ich gar nicht, wann das Buch geschrieben worden sein könnte. Sprachlich wirkte es ausgesprochen heutig, aber was es verhandelte, lag 90 Jahre zurück: Eine Liebe in Baku zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Erschienen erstmals 1937 bei Ullstein. Der Muslim Ali Khan Schirwanschir geht zu Beginn des Romans noch zur Schule und liebt Nino Kipiani aus dem Lyzeum der Hl. Tamar, eine georgische Christin, mit aller ihm zu Gebote stehenden, naiven Selbstverständlichkeit. Baku ist russisch, die meisten Lehrer sind es auch. Die Schüler sind Azeris, Armenier, Georgier, Russen, Juden, sie bolzen sich und begegnen einander mit weniger Distanz, als sie ihren Vätern noch selbstverständlich war. Modern mutet es an, wenn Kurban Said über die ethnischen Verwerfungen jener Zeit schreibt, die sich in Baku als asiatischer Stadt mit – nicht zuletzt durch das gefundene Öl – starkem europäischem Einschlag offenbaren. Er geht mit Nino in die russische Oper und vergleicht sie arglos mit den Gesängen persischer Musikanten. Bei Kriegsausbruch möchte er dem Ruf des Zaren nicht gehorchen und geht nicht zum Militär. Der Vater missbilligt das.
Einen Monat später erklären die Türken den Ungläubigen aus Russland und England den Krieg. Ali ist auf der Stelle ein Held, der für seine Weitsicht gerühmt wird, nun nicht auf russischer Seite gegen seine muslimischen Brüder kämpfen zu müssen. Der Erzählton ist beinahe beiläufig, staunend, auch ungläubig, frei von jedem Fanatismus, und das selbst dann noch, als Ali einen Armenier umbringt, der seine Nino entführte, um sie vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Bakuin Sicherheit zubringen und für sich zugewinnen. Danach muss Ali in ein dagestanisches Bergdorf fliehen, um der Blutrache der Armenier zu entkommen. Dort heiratet ihn Nino und begibt sich selbstbewusst in die Rolle der dienenden Ehefrau, um sich und Ali das Leben unter teilnehmender Beobachtung so angenehm wie möglich zu machen. Später geht das Paar nach Persien, aber Nino wird angesichts der herrschenden Frauenverachtung unglücklich.
Also zurück nach Baku für die kurze Zeit der staatlichen Souveränität, wo Ali ein hohes Staatsamt bekleidet und mit seiner Frau zum Vorzeigepaar für englische oder französische Diplomaten und Industrielle wird. Sie wohnen in einem Haus, das Nino ganz nach europäischem Geschmack mit hellen Tapeten und Parkettfußböden hat einrichten lassen, und machen sich über ihre Rolle als Zivilisierte in einer Welt der vermeintlichen Wilden lustig. Als Nino Alis Chef heimlich veranlasst, ihn nach Paris abzukommandieren, wehrt sich Ali mit Händen und Füßen und meint, ebenso wenig europäisch werden zu können wie Nino asiatisch, es ginge ihm in Paris wie Nino in Persien, und so beschließen beide, in Baku, auf der Grenzlinie zu bleiben, die sich bald als Messers Schneide herausstellen wird.
Ich googelte. Das Ergebnis war ebenso überraschend wie der Roman selbst. Kurban Said alias Essad Bey alias Lev Abramowitsch Nussimbaum wurde 1905 in Baku als Sohn eines georgisch-jüdischen Ölindustriellen und einer russisch-jüdischen Kommunistin geboren. Nach dem Selbstmord der Mutter 1911 gabm an ihn in die Obhut einer deutschen Kinderfrau. Bis 1918 besuchte er das Bakuer Gymnasium. Mit Ausbruch der Oktoberrevolution und auch in Baku losgetretener ethnischer Konflikte entschloss sich der Vater zur Flucht übers Kaspische Meer in den Iran. Nach relativer Beruhigung der Lage ging es noch einmal zurück, aber 1920, nach der Machtübernahme der Bolschewiki, floh der 15-jährige Lev allein über Tiflis, Istanbul, Rom und Paris nach Berlin, wo er den Vater wiedertraf und 1921 sein Abitur am Russischen Gymnasium ablegte. Volljährig geworden, trat er 1922 zum Islam über und nannte sich fortan Essad Bey. Kunst- und literaturinteressiert, bekam er schnell Kontakt zur Berliner Szene, lernte Else Lasker-Schüler und Boris Pasternak kennen – und schrieb für Zeitungen, in denen er sich bald als Orientexperte einen Namen machte. Deutsch war die Sprache, in der er schrieb.
Seinen Romanerstling aus dem Jahre 1929, «Öl und Blut im Orient», legte der Verlag Maurer in Freiburg 2008 erneut auf. Da seine jüdische Herkunft in Deutschland unbekannt war, trat er nach der Machtergreifung der Nazis sogar der Reichsschrifttumskammer bei, was ihn aber letztlich nicht vor einem Publikationsverbot bewahren konnte. An dieser Stelle wurde Kurban Said geboren und von Österreich aus ins Spiel gebracht. Essad Bey reiste 1938 nach Italien und ließ sich in Positano nieder, wo er 1942 starb, mit 37 Jahren und unter nicht völlig geklärten Umständen – immerhin hat er auch eine Stalin-Biografie und ein Buch über den russischen Geheimdienst GPU geschrieben.
Ein Leben, das man nicht hätte erfinden können. Und wer hat mir das Buch geschenkt? Ein Freund, der Regisseur eines Films über Essad Bey.
Zum nächsten Geburtstag habe ich ihn eingeladen.
KURBAN SAID Ali und Nino List, München 2002. 271 S., 9,95 ¤ |