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| Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur |
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Literatur im Kino |
Denen man nicht vergibt Eine Literaturverfilmung ohne viele Worte: «Boy A», ein Roman des jungen Autors Jonathan Trigell, im Kino Die Qualität von Literaturverfilmungen hat nicht immer etwas mit Sprache zu tun. Alfred Hitchcock sagte einmal, ein guter Film müsse auch dann noch überzeugen, wenn man seinen Ton ausstellt. Wer den britischen Film «Boy A» im Original sieht und in den Dialekten Nordenglands nicht unbedingt zu Hause ist, gewinnt einen guten Eindruck davon, was Hitchcock damit meinte: Ich war erleichtert zu hören, dass selbst der bekannte amerikanische Filmkritiker Roger Ebert kaum ein Wort von Peter Mullans Darbietung als Bewährungshelfer verstehen konnte. Man möge, empfahl er, der Sprache des großen schottischen Charakterdarstellers doch einfach lauschen wie Musik. Es ist ein trauriges Musikstück, aber kein Streichorchester tritt auf, um uns daran zu erinnern. «Boy A» handelt vom Versuch der Resozialisierung eines 24-Jährigen, der als etwa Neunjähriger für einen Mord verurteilt worden war und nun das Gefängnis als freier Mann verlässt. Das ist in England, wo immer wieder Kinder unbefristet eingesperrt werden, durchaus möglich. Das meistgefürchtete Strafmaß trägt den Namen «nach dem Ermessen Ihrer Majestät» und dauert nicht selten lebenslang. Dennoch lässt sich der Konflikt durchaus auf Deutschland übertragen, denn auch hierzulande tut sich die Gesellschaft zunehmend schwer damit, verurteilten Straftätern nach verbüßter Strafe zu vergeben. Wie in Jonathan Trigells Roman «Boy A» spiegelt sich dies in der stumpfen Gnadenlosigkeit der Boulevardpresse. Doch auch im Innern des jungen Mannes brodelt ein Kampf um Vergebung. Jack, «Junge A», der unter dem Einfluss seines Freundes, von den Medien «Junge B» genannt, das Verbrechen begangen hat, ist traumatisiert – von der Erinnerung an die Tat und den Folgen des Strafvollzugs. Doch die Möglichkeit, in Gesprächen an dieses Trauma zu rühren, ist ihm verwehrt. Eine neue Identität soll vor Belästigungen und Lynchjustiz schützen. Die Bedingung ist, dass er nicht über seine Vergangenheit spricht. Wie der Roman handelt der Film also von den Folgen der Sprachlosigkeit. Als der introvertierte, auf seine scheue Art attraktive junge Mann eine Freundin findet, möchte er sich ihr erklären. Dennoch leistet er seinem überfürsorglichen Bewährungshelfer Folge und schweigt sich aus. Als sie aus der Presse von seiner Geschichte erfährt, verlässt sie ihn. Es ist also ein Werk über das Schweigen, und so fällt es leicht, Hitchcock Recht zu geben: Ja, der Film erschließt sich auch ohne das gesprochene Wort, so ungewöhnlich man das für eine Literaturverfilmung finden kann. Doch auch Trigells Roman lebt von dem, was er sich versagt. Streng organisiert in 26 Kapitel nach den Buchstaben des Alphabets, wechseln Gegenwarts- und Vergangenheitsmotive in überraschender Folge. Gemeinsam ist ihnen eine fast überwirkliche Schärfe, die die Fehlstellen umso intensiver erleben lässt. John Crowleys Verfilmung findet ein Äquivalent für diese Präzision in klar komponierten Bildern. Obwohl sich das Geschehen mit der Genauigkeit eines Dokumentarfilms entfaltet, ist es doch zugleich eingefasst in ein System bemerkenswert stilisierter Bilder. Dank der fotografischen Qualitäten treten Nähe und Distanz stets gemeinsam auf – und exakt diesen Eindruck vermittelte auch schon der Roman. Eine besondere Entdeckung ist der Hauptdarsteller Andrew Garfield, der den ungeschützt in die Welt Entlassenen spielt, wie es der junge Anthony Perkins getan hätte: Ebenso hilflos wie selbstversunken irrt er durch eine ebenso schöne wie feindselige englische Provinz. Der 1974 geborene Jonathan Trigell erhielt für seinen Roman gleich mehrere britische Literaturpreise, darunter den kuriosen «talking point award» für das meist diskutierte Buch. Umstritten war dabei nicht die Form, sondern lediglich der Inhalt – das Plädoyer für die gesellschaftliche Vergebung juristisch verbüßter Schuld. Dass man darüber überhaupt streitet, zeigt einen grundlegenden Wandel in der Rechtsauffassung: Das Ideal einer pädagogischen Strafe wird zusehends dem Sicherheitsdenken geopfert, dem Wahn des Wegsperrens. Wie Trigells Roman erzählt auch der Film von einer Wiedergeburt, die jedoch nicht zu einem zweiten Leben führt, sondern lediglich in ein Schattenreich. Und während Jack den letzten Boden unter den Füßen verliert, bleibt Crowleys Film auf surreale Weise realistisch: Er endet im Seebad Brighton – außerhalb der Saison ein besonders unwirklicher Ort. DANIEL KOTHENSCHULTE Boy A Großbritannien 2007, 100 Min. Regie: John Crowley Mit Andrew Garfield, Peter Mullan, Alfie Owen u.a. JONATHAN TRIGELL Boy A Serpent’s Tail, London 2004. 248 S., 9,90 ¤ |
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