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Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur
Mitten aus...
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Mitten aus Athen
VON PETROS MARKARIS

In Griechenland ist die amerikanische Fernsehserie «Prison Break» sehr beliebt. Wir sind derzeit bei der dritten oder vierten Staffel, aber die Zuschauerquote hält sich nach wie vor auf hohem Niveau. Ich frage mich, warum. Denn bei uns kann man «Prison Break» live sehen, in griechischer Regie, mit griechischen Schauspielern, mit Piräus als Hintergrund, und das alles sogar in zwei Versionen: als Original und als Sequel.
Am 22. Februar 2009 um 15.30 Uhr landete ein Hubschrauber auf dem Dach der Haftanstalt Korydallos in Piräus. In jedem anderen EU-Land hätten die Passanten vermutet, dass es sich um einen Hubschrauber der Polizei oder des Justizministeriums handeln müsse. Nicht so die Einwohner von Korydallos, eines Stadtteils von Piräus. Die blickten sich gegenseitig an, und einer sagte zweifelnd: «Meinst du?» Und der andere sagte: «Achwas! Zum zweiten Mal? Das gibt’s doch nicht!»
Aus dem Hubschrauber wurde eine Strickleiter heruntergelassen, die sich entlang der Mauer entrollte. Man sah, wie zwei Häftlinge aus dem Gefängnishof daran emporkletterten. «Doch, es passiert zum zweiten Mal!», schrie eine Zuschauerin. Dasselbe muss auch die Kamerafrau auf einem der Haftanstalt gegenüberliegenden Balkon gefolgert haben, worauf sie ihre Digitalkamera holte und zu filmen begann, wie die beiden Häftlinge das Gefängnisdach erklommen und in den Hubschrauber stiegen. Als der abhob und sich über die Dächer von Korydallos entfernte, ertönte aus dem Gefängnishof Applaus.
Was die Frau auf dem Balkon gefilmt hatte, war die Flucht des berüchtigten Verbrechers Vassilis Paleokostasmit seinem Komplizen, dem Albaner Resai, aus der Haftanstalt Korydallos, dem angeblich sichersten Gefängnis Griechenlands. Sie filmte allerdings nicht das Original, sondern bereits die Wiederholung. Das Original nämlich hatte sich drei Jahre früher abgespielt, am gleichen Tag, einem Sonntag, und um genau dieselbe Uhrzeit wie bei der zweiten Flucht.
Noch am selben Abend saß ganz Griechenland vor dem Fernseher und sah sich diesmal nicht «Prison Break» an, sondern dessen griechische Variante, welche die Kamerafrau gefilmt hatte und die viel spannender war als die amerikanische Serie: In «Prison Break» gibt es meines Wissens keinen Fluchtversuch mit einem Hubschrauber. So etwas kann nur in Griechenland passieren. Die amerikanischen Produzenten hätten einen Fluchtversuch dieser Art als allzu realitätsfern empfunden und daher sicher abgelehnt.
Wer nun glaubt, die Griechen wären entsetzt gewesen, dass dem derzeit meistgefürchteten Verbrecher Griechenlands zum zweiten Mal die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis gelungen ist, der irrt. Die meisten Griechen bewundern Paleokostas und dies wohl nicht ganz zu Unrecht. Zwei Monate vor seiner jüngsten Flucht waren in den meisten griechischen Städten Unruhen und Demonstrationen ausgebrochen, die in Krawallen endeten. Schaufenster wurden zerbrochen, Geschäfte in Brand gesetzt, Buchhandlungen zerstört. All dies lief unter dem Etikett «Aufstand» und wurde von einigen linken Intellektuellen bejubelt. Nach dem Ende der Krawalle waren die Stadtzentren von Athen und Thessaloniki zum Teil verwüstet – und zwei Monate später läuft der Verbrecher Paleokostas, ohne irgendjemandem ein Leid zu tun, unbehelligt davon. Und das sogar schon zum zweiten Mal. Wie sollte man diesen Mann nicht bewundern? Seit zwei Jahren treibt der Staat Griechenland plan und ziellos dahin wie ein Schiff ohne Kompass auf hoher See. Und plötzlich erscheint ein Krimineller, der locker beweist, dass er exakt planen kann und strategisch denkt. Da lachen die Griechen und sagen: «Warum nimmt man Paleokostas nicht in die Regierung auf? Einen solchen Planer könnte man doch gut gebrauchen!»
Nikos, der ältere Bruder von Vassilis Paleokostas, sitzt in der Haftanstalt von Patras. Vassilis Paleokostas selbst ist inzwischen um die vierzig. Die Brüder wurden zum ersten Mal vor zwanzig Jahren wegen eines Banküberfalls festgenommen. Sie hatten allerdings ihre Laufbahn nicht als Räuber, sondern als Links-Extremisten begonnen. Schon bald wollten sie aber auch mit Banküberfällen nichts mehr zu tun haben, sie spezialisierten sich auf die Entführung reicher Industrieller und Reeder. Bislang haben sie zwei Industrielle in Thessaloniki und einen Reeder in Athen in ihre Gewalt gebracht und von allen dreien reichlich Lösegeld kassiert. In ihrer Heimatstadt Trikala in Thessalien gelten die Paleokostas-Brüder als Geistesverwandte Robin Hoods. Sie verteilen einen Teil der Lösegelder an die Bauern, freilich nicht nur aus wohltätigen Gründen: Sie sichern sich auf diese Weise verschiedene Zufluchtsorte. Die Polizei behauptet, sie hätten auch ihre Kontakte zur außerparlamentarischen Linken nie abgebrochen, was ihnen weitere Unterstützung einbringt – bis jetzt haben sie keinen einzigen Mord auf dem Gewissen.
Die Grenzen zwischen Schein und Sein sind in Griechenland mittlerweile völlig verwischt. Die Griechen verfolgen auf der Mattscheibe sowohl «Prison Break» als auch die reale Flucht von Paleokostas, sowohl die planlosen Manöver der Regierung als auch den minutiös und erfolgreich planenden Verbrecher. Wer könnte angesichts dessen noch sagen, was Wirklichkeit ist undwas Fiktion?

PETROS MARKARIS wurde 1937 in Istanbul geboren. Er hat Theaterstücke und eine Fernsehserie geschrieben, ist Co-Autor des Filmemachers Theo Angelopoulos und hat unter anderem Dramen von Bertolt Brecht und Johann Wolfgang von Goethe ins Griechische übersetzt. Als Autor der Kriminalromane um den Athener Kommissar Kostas Charitos gelang ihm ein Welterfolg. Gerade erschien der fünfte Charitos-Roman, «Die Kinderfrau»




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