Ein Vielfraß, leichter als Luft Gibt es eine Moral oder gar eine Chemie der Lektüre? Und wie fühlt es sich an, zum Durchlauferhitzer zu werden? Typologien zur Literatur (2): Der «Leser»
VON PETERLICHT Der Leser ist ein Tier. Er frisst, was er kriegen kann. Er haut sich das Zeug rein. Kaut sich durch. Allerdings. Allerdings nur dann, wenn er es mag. Wenn nicht, dann lässt er den ungenießbaren Kadaver in der Abendsonne liegen und schnüffelt weiter durch die unendliche Savanne, bis er was findet. Der Leser mag kein Gemüse. Egal, wie sehr es ihm sein Ernährungsberater auch anpries (den hat er sowieso gefressen). Der Leser fastet nie. Er ist kein Vernunftesser. Er will das fettige Zeug. Er will Fleisch. Geschmacksverstärker. Farbstoffe. Glutamate. Künstliche Aromen. Her damit. Es ist ihm egal. Hauptsache. Es rinnt ihm der Saft den Mundwinkel entlang. Die Hände triefen. Er hat Fasern zwischen den Zähnen. Speisebrei. Es ist keinschöner Anblick, wenn er liest. Mit seinen hin- und herspringenden Augen zersichelt er die Beute. Er treibt seinen Zahnschmelz in den Proteinklumpen. Es knackt, wenn der Knorpel zerspringt. Kleine Röhrenknöchelchen. Verglimmte Haare. Schwarten. Egal. Er schluckt es eben mit runter. Damit es schneller geht. Damit es im Fluss bleibt. Er holt sich den Bissen. Denn er mag es, wenn das Adrenalin des Fressens vom Rezeptor zum Bewusstsein springt. Und ihm verkündet: «Geilo!»
Der Leser ist unmoralisch. Er hat keine Manieren. Seine Höflichkeit besteht darin, bis zum anderen Ende des Horizonts hin unhöflich zu sein. Er ist nicht nett. Nie wurde ein Buch aus Höflichkeit dem fernen Autor oder dem Literaturbetrieb gegenüber heruntergekaut. Um Gottes willen. Damit ist gemeint: Der Leser ist nicht etwa in seiner Funktion als Mensch unnett oder in seiner Funktion als Bürger unmoralisch. Als Mitmensch mag er freundlich, gerecht, aufgeklärt, diplomatisch und warm sein. Nimmt er jedoch ein Buch zur Hand oder hängt sich in das endemische Geäst des Internet, dann morpht er in eine andere Gestalt. Dann brechen ihm Hörner aus der Stirn und mit dem Faustkeil, den er mit einem Male in Händen hält, schlägt er Speerspitzen und Feuersteine aus den Geröllbrocken, vor denen er kauert. Er ist ein anderes Wesen geworden. Er ist allein, wenn er liest, und stumm. Er gibt kein Pardon. Er springt nur auf das, worauf er Lust hat. Nur ihr ist er verpflichtet, und deshalb ist er ein ausschließlich sexuelles Wesen. Ein Bacchus, ein Faun. Aber. Leider. Nur ein Zeilenfaun. Ein Fäunchen. Ist das Prinzip des Bacchischen ja gerade darin begründet, es zu tun (und zwar selbst und wirklich), so tut es der Leser eben nicht. Er ist nur dabei, so wie der Autor nur so tut, als würde es getan. Deshalb ist der Leser per se ein unheldisches Wesen.
Helden lesen nicht. Helden handeln. Und ein heldisches Lesen gibt es nicht. (Wie sollte das aussehen? Rocky Bilboa auf dem Sofa stumm und apathisch, wie er die dreitausend Lesestunden für alle Bände Jakob und seine Brüder verbringt? Ich bitte Sie.) Der Leser lurcht sich hinein in anderer Leute Sümpfe. Er erlebt anderer Leute Abenteuer. Weltsichten. Rasereien. Amokiaden. Tristessen. Lieben. Sein Ziel ist es, nicht mehr existent zu sein. Er schaltet sich ab oder aus. Er betreibt eine hochentwickelte Kulturleistung, um in einen Zustand zu kommen, in dem er sowieso nach Eintritt seines Todes für immer sein wird: im Zustand der Nichtexistenz. (Aber okay, darüber weiß man nichts). Und er zahlt für seine Nichtexistenz mit abhandengekommener Lebenszeit, die er fürs Lesen aufbrachte. Ist also doppelt verkürzt in seinen Aussichten.
Der Leser möchte Durchlauferhitzer sein. Fremdes möge durch ihn hindurchgleiten. Alles möge durch ihn hindurchgleiten, nur eines nicht: er selber. Der ist ja schon da. Und ihn abzuschaffen ist ja gerade die Erhöhung, die er sucht. So vermehrt er sich. Und so lebt in ihm die ungezählte Variabilität des Alls und all seiner Geschichten, während er zu Hause im Sofa mummelt oder in der U-Bahn vor sich hin ruckt. Er lebt in der Erweiterung seines Seins. Wirft sich auf zur Fremdwolke, die sich stratosphärenhoch über ihm auftürmt und die er dann zugleich selbst ist. Er lässt die Worte durch sich hindurchgleiten. Er wärmt sie kurz an für den Moment, in dem sie sein Bewusstsein erfüllen. Die Buchstaben blinken auf wie flackernde Dioden. Fügen sich zu Worten. Sätzen. Bilden Räume. Geschichten. Personen. Empfindungen. Seismografisches. Überall flackert und blinkt es. Irgendetwas, irgendein Informationsträger springt von Zelle zu Zelle, von Atom zu Atom. Die schwirrenden Hüllen und Kerne. Von einem Nest in ein anderes. Innerhalb einer Mikrostruktur, von der man nicht weiß, ob es sie tatsächlich gibt oder ob sie nur eine am wenigsten falsche Schaltplanvorstellung ist. Und man fragt sich, welche Gestalt ein Wort oder ein Satz im Moment des Lesens tatsächlich annimmt: Ist es ein immaterielles Gebilde – oder verbinden sich Sätze und Worte gegenständlich mit den Atomen des Lesenden und machen ihn tatsächlich fein messbar schwerer? Und vielleicht – man weiß es nicht –, vielleicht erweckt der Lesende mit seinem Lebensstrahl die Worte tatsächlich zum Leben, wenn er da allein und schweigend in der Sofamutter sitzt. Vielleicht löst er sich in diesem Moment tatsächlich in Luft auf und verschwindet: Unsichtbar isser. Nur die Druckstelle im Kissen zeugt noch von seiner Existenz, von den 90 Kilo Leserfleisch und Biomasse. Wir wissen es nicht. Wir können ihn nicht mehr sehen. Er ist entschwunden. Irgendwo unterwegs mit Jakob und seinen Brüdern in Kanaan. Wir stehen woanders, machen den Abwasch und weichen die fettigen Pfannen ein.