Sex, liebe Leserin, lieber Leser, glänzt in den Künsten oft durch Abwesenheit – und kann doch sichtbar gemacht werden. Etwa in den Arbeiten der 1963 geborenen Tracey Emin: Ihre Installation «My Bed» zeigt zerwühlte Laken, besudelte Unterwäsche und benutzte Kondome.
In der Literatur gilt für das Sujet ein mehr oder minder striktes Bilderverbot: Wer über Sex schreibt, gerät schnell unter Trivialitätsverdacht. Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt daher insbesondere die beträchtlichen Mühen, unter denen Schriftsteller versucht haben, dieser Falle zu entgehen. Das ist nicht immer gutgegangen. Nun aber hat es auch Tracey Emin getan: Sie hat ein Buch geschrieben – und steht mit ihren drastischen Schilderungen auch schmerzhafter Bettgeschichten nicht allein. An dem Bücherstapel, den Barbara Vinken sich für diese Ausgabe vorgenommen hat, fällt auf: All diese Romane und Sachbücher stammen von Autorinnen. Verlangt das Thema womöglich nach einer feministischen Perspektive? Was Sie schon immer über Sex lesen wollten, finden Sie ab S. 4.
Übrigens hat John Updike – der jüngst verstorbene Großmeister dieser Disziplin – mit seinem letzten Roman ein literarisches Testament hinterlassen: Er beweist, dass alles Nachdenken über den Akt dessen geglückter Beschreibung nicht im Weg stehen muss (S. 28).
Und jenseits von Sex? Bliebe die Liebe. Als «unordentliches Gefühl» beschreibt sie der Erfolgsautor Richard David Precht, auch weil sie vom Körperlichen kaum zu trennen ist (S. 22). Womöglich gibt es aber auch eine Liebe zwischen zwei Menschen, die aus der Passion für die Literatur erwächst – so wie bei Natascha Wodin und Wolfgang Hilbig (S. 50).Und ist es Liebe, wenn sich eine Autorin in Erzählungen ihren verstorbenen Freunden zuwendet? Auch darüber unterhalten sich Katja Lange-Müller und Judith Hermann in diesem Heft (S. 58).
Eine anregende Lektüre wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion