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Ausgabe 06/09 - Literaturen - Literatur
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Inhalt
Titel 06/09 EDITORIAL

SCHWERPUNKT
WAS SIE SCHON IMMER ÜBER SEX LESEN WOLLTEN

«Sex sells» – das ist das eine. Was steht aber hinter dem Verkaufsphänomen? Über die Tücken des pornografischen Schreibens, die Tabubrüche junger Autorinnen, die Cyber-Ikone Lara Croft und das bunte Treiben der Primaten
Barbara Vinken Töchter für immer Autorinnen wie Tracey Emin oder Rebecca Martin schreiben als Frauen Pornografie. Ihre Ich-Figuren benehmen sich wie Kinder – oder Männer || «Alles, was glänzt» Darf man die Vulva zeigen? Verändert das Internet die Geschlechter? Ein LITERATUREN Gespräch mit den Sachbuch-Autorinnen Astrid Deuber-Mankowsky und Mithu M. Sanyal || Norbert Kron In der Peepshow der Literatur Du sollst keine Sexszenen schreiben! Über das letzte literarische Tabu – und wie man es erfolgreich bricht || Ronald Düker Von Romantik beim Bonobo keine Spur Richard David Precht verspricht eine Erforschung der Liebe, belässt aber das Wesentliche im Ungesagten. Stattdessen schreibt er viel über Sex

DAS KRIMINAL
Hey, mighty Brontosaurus

Von Stalingrad 1942 bis ins Stockholm der Gegenwart, vom Bankraub zum Ölkrieg – Arne Dahls neuer Roman entzückt Frauke Meyer-Gosau

BÜCHER DES MONATS
Hans-Ulrich Treichel
John Updike: Die Witwen von Eastwick
Jutta Person
Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen
Peer Trilcke
Hans Magnus Enzensberger: Rebus

Jens Balzer
Ben Katchor: Der Jude von New York

Ilma Rakusa
Olga Tokarczuk: Unrast
Bernd Greiner
Martin van Creveld: Die Gesichter des Krieges

ISLAM-DEBATTE
Hilal Sezgin Glaube, Liebe, Handeln
Der Koran enthält Vorschläge zum Zusammenleben, auch in Europa. Neues dazu von Navid Kermani, Tariq Ramadan und Kristiane Backer

DOPPELPORTRÄT
Jörg Magenau «Den, den ich finden wollte, habe ich nie gefunden»
In einem Roman erzählt Natascha Wodin von ihrer Liebe zu dem Dichter Wolfgang Hilbig und vom Sieg der Literatur über das Leben

DIE BEISEITE
Peter Licht Ein Vielfraß, leichter als Luft
Gibt es eine Moral oder gar eine Chemie der Lektüre? Wie fühlt man sich als Durchlauferhitzer? Typologien zur Literatur (2): Der «Leser»

WERKSTATTGESPRÄCH
Katja Lange-Müller und Judith Hermann
«Du bist eine Berliner Topfpflanze»
Zu Judith Hermanns neuem Erzählungsband «Alice»

DAS JOURNAL
Rezensionen neuer Bücher von Michael Kohtes || Wassili Grossman || Yussef Bazzi || Irene Dische || Gerhard Henschel, Walter Laqueur || Verena Roßbacher || Sarah Thornton || Willy Vlautin || Anna Katharina Hahn Bildbände von Bae, Bien-U || Dian Hanson, Eric Kroll || Gerrit Engel

KINDERBÜCHER
Britta Sebens Wieso hatte ich immer noch keinen Sex?
Vier Jugendromane nehmen das Thema Liebe aus unterschiedlichen Perspektiven unter die Lupe – immer im Mittelpunkt: Mädchen

JOSEPH ROTH Klaus Nüchtern Schwabyland ist abgebrannt
Joseph Roth sah den Untergang der Donaumonarchie nicht nur mit Wehmut. Porträt eines hellsichtigen Trinkers

KURZ & BÜNDIG
Bücher von Paul Veyne || Jonathan Coe || Susanne Beyer || Susanne Röckel || RainerMerkel || Jörg Nagler Bildbände von John R. Clarke || Astrid Nunn

DAS MAGAZIN
Mitten aus Athen || Kalender || Netzkarte || Literatur im Kino || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Was liest Kathrin Schmidt? || Leserbriefe

IMPRESSUM

VORSCHAU, REGISTER

Editorial
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Sex, liebe Leserin, lieber Leser,

glänzt in den Künsten oft durch Abwesenheit – und kann doch sichtbar gemacht werden. Etwa in den Arbeiten der 1963 geborenen Tracey Emin: Ihre Installation «My Bed» zeigt zerwühlte Laken, besudelte Unterwäsche und benutzte Kondome.

In der Literatur gilt für das Sujet ein mehr oder minder striktes Bilderverbot: Wer über Sex schreibt, gerät schnell unter Trivialitätsverdacht. Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt daher insbesondere die beträchtlichen Mühen, unter denen Schriftsteller versucht haben, dieser Falle zu entgehen. Das ist nicht immer gutgegangen. Nun aber hat es auch Tracey Emin getan: Sie hat ein Buch geschrieben – und steht mit ihren drastischen Schilderungen auch schmerzhafter Bettgeschichten nicht allein. An dem Bücherstapel, den Barbara Vinken sich für diese Ausgabe vorgenommen hat, fällt auf: All diese Romane und Sachbücher stammen von Autorinnen. Verlangt das Thema womöglich nach einer feministischen Perspektive? Was Sie schon immer über Sex lesen wollten, finden Sie ab S. 4.

Übrigens hat John Updike – der jüngst verstorbene Großmeister dieser Disziplin – mit seinem letzten Roman ein literarisches Testament hinterlassen: Er beweist, dass alles Nachdenken über den Akt dessen geglückter Beschreibung nicht im Weg stehen muss (S. 28).

Und jenseits von Sex? Bliebe die Liebe. Als «unordentliches Gefühl» beschreibt sie der Erfolgsautor Richard David Precht, auch weil sie vom Körperlichen kaum zu trennen ist (S. 22). Womöglich gibt es aber auch eine Liebe zwischen zwei Menschen, die aus der Passion für die Literatur erwächst – so wie bei Natascha Wodin und Wolfgang Hilbig (S. 50).Und ist es Liebe, wenn sich eine Autorin in Erzählungen ihren verstorbenen Freunden zuwendet? Auch darüber unterhalten sich Katja Lange-Müller und Judith Hermann in diesem Heft (S. 58).

Eine anregende Lektüre wünscht
Ihre LITERATUREN-Redaktion

Die Beiseite
Die Beiseite
Ein Vielfraß, leichter als Luft
Gibt es eine Moral oder gar eine Chemie der Lektüre? Und wie fühlt es sich an, zum Durchlauferhitzer zu werden? Typologien zur Literatur (2): Der «Leser»
VON PETERLICHT

Der Leser ist ein Tier. Er frisst, was er kriegen kann. Er haut sich das Zeug rein. Kaut sich durch. Allerdings. Allerdings nur dann, wenn er es mag. Wenn nicht, dann lässt er den ungenießbaren Kadaver in der Abendsonne liegen und schnüffelt weiter durch die unendliche Savanne, bis er was findet. Der Leser mag kein Gemüse. Egal, wie sehr es ihm sein Ernährungsberater auch anpries (den hat er sowieso gefressen). Der Leser fastet nie. Er ist kein Vernunftesser. Er will das fettige Zeug. Er will Fleisch. Geschmacksverstärker. Farbstoffe. Glutamate. Künstliche Aromen. Her damit. Es ist ihm egal. Hauptsache. Es rinnt ihm der Saft den Mundwinkel entlang. Die Hände triefen. Er hat Fasern zwischen den Zähnen. Speisebrei. Es ist keinschöner Anblick, wenn er liest. Mit seinen hin- und herspringenden Augen zersichelt er die Beute. Er treibt seinen Zahnschmelz in den Proteinklumpen. Es knackt, wenn der Knorpel zerspringt. Kleine Röhrenknöchelchen. Verglimmte Haare. Schwarten. Egal. Er schluckt es eben mit runter. Damit es schneller geht. Damit es im Fluss bleibt. Er holt sich den Bissen. Denn er mag es, wenn das Adrenalin des Fressens vom Rezeptor zum Bewusstsein springt. Und ihm verkündet: «Geilo!»
Der Leser ist unmoralisch. Er hat keine Manieren. Seine Höflichkeit besteht darin, bis zum anderen Ende des Horizonts hin unhöflich zu sein. Er ist nicht nett. Nie wurde ein Buch aus Höflichkeit dem fernen Autor oder dem Literaturbetrieb gegenüber heruntergekaut. Um Gottes willen. Damit ist gemeint: Der Leser ist nicht etwa in seiner Funktion als Mensch unnett oder in seiner Funktion als Bürger unmoralisch. Als Mitmensch mag er freundlich, gerecht, aufgeklärt, diplomatisch und warm sein. Nimmt er jedoch ein Buch zur Hand oder hängt sich in das endemische Geäst des Internet, dann morpht er in eine andere Gestalt. Dann brechen ihm Hörner aus der Stirn und mit dem Faustkeil, den er mit einem Male in Händen hält, schlägt er Speerspitzen und Feuersteine aus den Geröllbrocken, vor denen er kauert. Er ist ein anderes Wesen geworden. Er ist allein, wenn er liest, und stumm. Er gibt kein Pardon. Er springt nur auf das, worauf er Lust hat. Nur ihr ist er verpflichtet, und deshalb ist er ein ausschließlich sexuelles Wesen. Ein Bacchus, ein Faun. Aber. Leider. Nur ein Zeilenfaun. Ein Fäunchen. Ist das Prinzip des Bacchischen ja gerade darin begründet, es zu tun (und zwar selbst und wirklich), so tut es der Leser eben nicht. Er ist nur dabei, so wie der Autor nur so tut, als würde es getan. Deshalb ist der Leser per se ein unheldisches Wesen.
Helden lesen nicht. Helden handeln. Und ein heldisches Lesen gibt es nicht. (Wie sollte das aussehen? Rocky Bilboa auf dem Sofa stumm und apathisch, wie er die dreitausend Lesestunden für alle Bände Jakob und seine Brüder verbringt? Ich bitte Sie.) Der Leser lurcht sich hinein in anderer Leute Sümpfe. Er erlebt anderer Leute Abenteuer. Weltsichten. Rasereien. Amokiaden. Tristessen. Lieben. Sein Ziel ist es, nicht mehr existent zu sein. Er schaltet sich ab oder aus. Er betreibt eine hochentwickelte Kulturleistung, um in einen Zustand zu kommen, in dem er sowieso nach Eintritt seines Todes für immer sein wird: im Zustand der Nichtexistenz. (Aber okay, darüber weiß man nichts). Und er zahlt für seine Nichtexistenz mit abhandengekommener Lebenszeit, die er fürs Lesen aufbrachte. Ist also doppelt verkürzt in seinen Aussichten.
Der Leser möchte Durchlauferhitzer sein. Fremdes möge durch ihn hindurchgleiten. Alles möge durch ihn hindurchgleiten, nur eines nicht: er selber. Der ist ja schon da. Und ihn abzuschaffen ist ja gerade die Erhöhung, die er sucht. So vermehrt er sich. Und so lebt in ihm die ungezählte Variabilität des Alls und all seiner Geschichten, während er zu Hause im Sofa mummelt oder in der U-Bahn vor sich hin ruckt. Er lebt in der Erweiterung seines Seins. Wirft sich auf zur Fremdwolke, die sich stratosphärenhoch über ihm auftürmt und die er dann zugleich selbst ist. Er lässt die Worte durch sich hindurchgleiten. Er wärmt sie kurz an für den Moment, in dem sie sein Bewusstsein erfüllen. Die Buchstaben blinken auf wie flackernde Dioden. Fügen sich zu Worten. Sätzen. Bilden Räume. Geschichten. Personen. Empfindungen. Seismografisches. Überall flackert und blinkt es. Irgendetwas, irgendein Informationsträger springt von Zelle zu Zelle, von Atom zu Atom. Die schwirrenden Hüllen und Kerne. Von einem Nest in ein anderes. Innerhalb einer Mikrostruktur, von der man nicht weiß, ob es sie tatsächlich gibt oder ob sie nur eine am wenigsten falsche Schaltplanvorstellung ist. Und man fragt sich, welche Gestalt ein Wort oder ein Satz im Moment des Lesens tatsächlich annimmt: Ist es ein immaterielles Gebilde – oder verbinden sich Sätze und Worte gegenständlich mit den Atomen des Lesenden und machen ihn tatsächlich fein messbar schwerer? Und vielleicht – man weiß es nicht –, vielleicht erweckt der Lesende mit seinem Lebensstrahl die Worte tatsächlich zum Leben, wenn er da allein und schweigend in der Sofamutter sitzt. Vielleicht löst er sich in diesem Moment tatsächlich in Luft auf und verschwindet: Unsichtbar isser. Nur die Druckstelle im Kissen zeugt noch von seiner Existenz, von den 90 Kilo Leserfleisch und Biomasse. Wir wissen es nicht. Wir können ihn nicht mehr sehen. Er ist entschwunden. Irgendwo unterwegs mit Jakob und seinen Brüdern in Kanaan. Wir stehen woanders, machen den Abwasch und weichen die fettigen Pfannen ein.

Mitten aus...
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Mitten aus Athen
VON PETROS MARKARIS

In Griechenland ist die amerikanische Fernsehserie «Prison Break» sehr beliebt. Wir sind derzeit bei der dritten oder vierten Staffel, aber die Zuschauerquote hält sich nach wie vor auf hohem Niveau. Ich frage mich, warum. Denn bei uns kann man «Prison Break» live sehen, in griechischer Regie, mit griechischen Schauspielern, mit Piräus als Hintergrund, und das alles sogar in zwei Versionen: als Original und als Sequel.
Am 22. Februar 2009 um 15.30 Uhr landete ein Hubschrauber auf dem Dach der Haftanstalt Korydallos in Piräus. In jedem anderen EU-Land hätten die Passanten vermutet, dass es sich um einen Hubschrauber der Polizei oder des Justizministeriums handeln müsse. Nicht so die Einwohner von Korydallos, eines Stadtteils von Piräus. Die blickten sich gegenseitig an, und einer sagte zweifelnd: «Meinst du?» Und der andere sagte: «Achwas! Zum zweiten Mal? Das gibt’s doch nicht!»
Aus dem Hubschrauber wurde eine Strickleiter heruntergelassen, die sich entlang der Mauer entrollte. Man sah, wie zwei Häftlinge aus dem Gefängnishof daran emporkletterten. «Doch, es passiert zum zweiten Mal!», schrie eine Zuschauerin. Dasselbe muss auch die Kamerafrau auf einem der Haftanstalt gegenüberliegenden Balkon gefolgert haben, worauf sie ihre Digitalkamera holte und zu filmen begann, wie die beiden Häftlinge das Gefängnisdach erklommen und in den Hubschrauber stiegen. Als der abhob und sich über die Dächer von Korydallos entfernte, ertönte aus dem Gefängnishof Applaus.
Was die Frau auf dem Balkon gefilmt hatte, war die Flucht des berüchtigten Verbrechers Vassilis Paleokostasmit seinem Komplizen, dem Albaner Resai, aus der Haftanstalt Korydallos, dem angeblich sichersten Gefängnis Griechenlands. Sie filmte allerdings nicht das Original, sondern bereits die Wiederholung. Das Original nämlich hatte sich drei Jahre früher abgespielt, am gleichen Tag, einem Sonntag, und um genau dieselbe Uhrzeit wie bei der zweiten Flucht.
Noch am selben Abend saß ganz Griechenland vor dem Fernseher und sah sich diesmal nicht «Prison Break» an, sondern dessen griechische Variante, welche die Kamerafrau gefilmt hatte und die viel spannender war als die amerikanische Serie: In «Prison Break» gibt es meines Wissens keinen Fluchtversuch mit einem Hubschrauber. So etwas kann nur in Griechenland passieren. Die amerikanischen Produzenten hätten einen Fluchtversuch dieser Art als allzu realitätsfern empfunden und daher sicher abgelehnt.
Wer nun glaubt, die Griechen wären entsetzt gewesen, dass dem derzeit meistgefürchteten Verbrecher Griechenlands zum zweiten Mal die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis gelungen ist, der irrt. Die meisten Griechen bewundern Paleokostas und dies wohl nicht ganz zu Unrecht. Zwei Monate vor seiner jüngsten Flucht waren in den meisten griechischen Städten Unruhen und Demonstrationen ausgebrochen, die in Krawallen endeten. Schaufenster wurden zerbrochen, Geschäfte in Brand gesetzt, Buchhandlungen zerstört. All dies lief unter dem Etikett «Aufstand» und wurde von einigen linken Intellektuellen bejubelt. Nach dem Ende der Krawalle waren die Stadtzentren von Athen und Thessaloniki zum Teil verwüstet – und zwei Monate später läuft der Verbrecher Paleokostas, ohne irgendjemandem ein Leid zu tun, unbehelligt davon. Und das sogar schon zum zweiten Mal. Wie sollte man diesen Mann nicht bewundern? Seit zwei Jahren treibt der Staat Griechenland plan und ziellos dahin wie ein Schiff ohne Kompass auf hoher See. Und plötzlich erscheint ein Krimineller, der locker beweist, dass er exakt planen kann und strategisch denkt. Da lachen die Griechen und sagen: «Warum nimmt man Paleokostas nicht in die Regierung auf? Einen solchen Planer könnte man doch gut gebrauchen!»
Nikos, der ältere Bruder von Vassilis Paleokostas, sitzt in der Haftanstalt von Patras. Vassilis Paleokostas selbst ist inzwischen um die vierzig. Die Brüder wurden zum ersten Mal vor zwanzig Jahren wegen eines Banküberfalls festgenommen. Sie hatten allerdings ihre Laufbahn nicht als Räuber, sondern als Links-Extremisten begonnen. Schon bald wollten sie aber auch mit Banküberfällen nichts mehr zu tun haben, sie spezialisierten sich auf die Entführung reicher Industrieller und Reeder. Bislang haben sie zwei Industrielle in Thessaloniki und einen Reeder in Athen in ihre Gewalt gebracht und von allen dreien reichlich Lösegeld kassiert. In ihrer Heimatstadt Trikala in Thessalien gelten die Paleokostas-Brüder als Geistesverwandte Robin Hoods. Sie verteilen einen Teil der Lösegelder an die Bauern, freilich nicht nur aus wohltätigen Gründen: Sie sichern sich auf diese Weise verschiedene Zufluchtsorte. Die Polizei behauptet, sie hätten auch ihre Kontakte zur außerparlamentarischen Linken nie abgebrochen, was ihnen weitere Unterstützung einbringt – bis jetzt haben sie keinen einzigen Mord auf dem Gewissen.
Die Grenzen zwischen Schein und Sein sind in Griechenland mittlerweile völlig verwischt. Die Griechen verfolgen auf der Mattscheibe sowohl «Prison Break» als auch die reale Flucht von Paleokostas, sowohl die planlosen Manöver der Regierung als auch den minutiös und erfolgreich planenden Verbrecher. Wer könnte angesichts dessen noch sagen, was Wirklichkeit ist undwas Fiktion?

PETROS MARKARIS wurde 1937 in Istanbul geboren. Er hat Theaterstücke und eine Fernsehserie geschrieben, ist Co-Autor des Filmemachers Theo Angelopoulos und hat unter anderem Dramen von Bertolt Brecht und Johann Wolfgang von Goethe ins Griechische übersetzt. Als Autor der Kriminalromane um den Athener Kommissar Kostas Charitos gelang ihm ein Welterfolg. Gerade erschien der fünfte Charitos-Roman, «Die Kinderfrau»

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