Ein Hometrainer im Wohnzimmer, ein altes Rad VOR DEM HAUS IN KARLSRUHE: in Wahrheit übt PETER SLOTERDIJK am liebsten auf dem Mountainbike «Die glauben, demnächst können sie fliegen» Auf der Suche nach der Hotline zum Unmöglichen – Peter Sloterdijk über die Abschaffung der Religion und den Aufstieg von «Übungssystemen», über das Leben als Trainingslager, die Aufbruchstimmung in den USA und über sein neues Buch «Du mußt dein Leben ändern»
LITERATUREN Herr Sloterdijk, was erfahren wir von Ihnen über unseren Zeitgeist?
PETER SLOTERDIJK Mein Buch bewegt sich mit dem Zeitgeist streckenweise in Phasengleichheit, aber auch in entschiedener Phasenversetztheit. Letztere besteht darin, dass es ein großes Gedächtnis aufmacht: Ich erzähle die 2500-jährige Geschichte der «ethischen Differenz», oder, mit einem spirituellen Begriff gesagt: der Weltflucht. Ethik war immer das große Weggehen aus dem Gewöhnlichen, das fundamentale Nichteinverständnis mit dem, was der Fall ist. Daher könnte man auch sagen, das Buch erzählt die Urgeschichte der Kritik. Denn was wir Modernen Kritik nennen, ist nur das verbal verengte Nachspiel zur Ethik. Und weil wir heute in einer Zeit leben, die weder über eine nennenswerte Kritik noch über eine nennenswerte Ethik verfügt – im Sinne des Versuchs, es ganz anders zu machen –, ist das Buch mit demZ eitgeist nicht ganz synchron.
LITERATUREN Und inwiefern greift es den Zeitgeist auf?
SLOTERDIJK Es artikuliert die allgemeine Grundstimmung, dass es so nicht weiter geht: nicht mit uns, nicht mit den Gesellschaften, nicht mit der Welt.Die Menschen spüren, dass der aktuelle Modus vivendi nicht zukunftsfähig ist.
LITERATUREN Heißt das, Ihre Leser sollten die Aufforderung im Titel buchstäblich verstehen: «Du mußt dein Leben ändern»? Sie entnehmen die Zeile Rilkes Gedicht «Archaischer Torso Apollos», und Ihre Interpretation mündet in eine Reihe von Imperativen: «Gib deine Anhänglichkeit an bequeme Lebensweisen auf (…)! Misstraue dem Philister in dir, der meint, du seist,wie du bist, schon ziemlich in Ordnung! (…) Ergreife die Gelegenheit,mit einem Gott zu trainieren!»
SLOTERDIJK Jeder Leser kann den Titel in fast erschreckender Unmittelbarkeit auf sich selbst beziehen. Im Übrigen ist die Aufforderung, sein Leben zu ändern, in den letzten 3000 Jahren in unterschiedlichen Einkleidungen aufgetreten.Heute kommt dieser Imperativ besonders scharf auf uns zu – nicht mehr unter religiösen Vorzeichen, auch nicht unter philosophischen oder artistisch- dionysischen wie bei Rilke. Der Zeitgeist konfrontiert uns jetzt mit einer noch nie dagewesenen Version dieses absoluten Imperativs. Jeder Einzelne ist herausgefordert, zu der Frage Stellung zu nehmen: Was trägst du dazu bei, dass die ökologische Selbstzerstörung aufgeschoben,aufgehoben oder umgekehrt wird?
LITERATUREN Beim Appell, sich selbst und die Verhältnisse umzustülpen, denkt man doch eher an den Zeitgeist um 1968. Haben wir es heute, was Veränderungen angeht, nicht eher mit allgemeiner Erschöpfung zu tun?
SLOTERDIJK Mag sein, dass in der west- und mitteleuropäischen Großwetterlage eine generalisierte Semi-Depression herrscht. In den USA sieht es anders aus. Seit dem Beginn von Barack Obamas Wahlkampf ist dort das Wort «Change» ins Zentrum der politischen Semantik gerückt.
LITERATUREN Und diese Aufbruchstimmung, meinen Sie, schwappt irgendwann über den Atlantik?
SLOTERDIJK Jedenfalls sind die Amerikaner von einer starken antigraven Energie ergriffen: Sie glauben im Ernst daran, dass sie demnächst fliegen können. Im Moment haben sie die bessere Hotline zum Unmöglichen. Und genau hierum geht es in meinem Buch.
LITERATUREN Auch Sie wollen etwas ganz anders machen: Alle reden von der Rückkehr der Religion – Sie sagen hingegen,man solle den Begriff der Religion fallenlassen, um über die gemeinten Inhalte angemessener zu reden.Was versprechen Sie sich von dem Perspektivwechsel?
SLOTERDIJK Er befreit uns von der Notwendigkeit, zu den herkömmlichen Konfessionen Stellung zu nehmen. Religionen waren in der westlichen Welt bis vor kurzem nur ein mehr oder weniger kurioser Zusatz zum Alltag. So wie die Menschen in der Gastronomie die Freiheit haben nachzuwürzen – deswegen findet man ja auf jedem Wirtshaustisch Salz und Pfeffer –, so durfte man dem alltäglichen Leben noch die Konfession hinzufügen; man konnte sich aus dem katholischen Salzstreuer oder dem protestantischen Pfefferstreuer bedienen.
LITERATUREN Ob in diesem Bild der Protestantismus tatsächlichmit Pfeffer zu assoziieren wäre?
SLOTERDIJK Historisch war es zunächst so, dass die Protestanten den Katholiken Pfeffer gaben. Mit der Zeit jedoch ließ sich nicht mehr so klar sagen, wer Salz und wer Pfeffer ist… Jedenfalls kommenn wir mit der vorgeschlagenen Blickwendung aus der Religionsfalle heraus: Wo man bisher von «Religion »benommen war, sehen wir jetzt klarer, und was wir sehen, ist das übende Leben.
LITERATUREN Ihr Buch «Gottes Eifer» von 2007 vergleicht Judentum, Christentum und Islam und ist im Verlag derWeltreligionen erschienen. Dem Verlag liegt die Idee zugrunde, dass Religionen in der Gesellschaft wiederkehren. Jetzt wollen Sie den Religionsbegriff abschaffen. Ist das nicht ein Widerspruch?
SLOTERDIJK Hinter der Grundidee zum Verlag der Weltreligionen stehe ich voll und ganz, da sind verdienstvolle Quelleneditionen entstanden, und die Essay-Reihe bietet ein schönes Diskussionsforum. Mein eigentlicher Beitrag zu diesem Verlag erscheint diskreterweise im Suhrkamp-Haupthaus, und das ist gut so, weil ich ja den Begriff Religion in Schranken weisen will. Ich zeige, dass man der Sache keinen Gefallen tut, wenn man ihn unter diesem irreführenden Begriff diskutiert. Man kann die Dinge kompakter fassen, wenn man sie unter immunologischen Begriffen neu darstellt.
LITERATUREN Was verstehen Sie außerhalb der Biologie unter «Immunsystem»?
SLOTERDIJK Der Mensch ist ein Wesen, das wegen seiner Beziehung zum Offenen, das man auch Transzendenz nennt, ein hohes Maß anS icherheiten braucht,auch im Symbolischen. Weil wir, anders als Tiere, durch unsere Sorgen in die Zukunft transzendieren und weil wir als Sterbliche in den eigenen Tod «vorlaufen»,müssen wir entsprechende symbolische Immunsysteme aufbauen. Der Kern meines Arguments lautet: Die sogenannte Religion ist eine Art und Weise,wie bei Kulturwesender symbolische Immunapparat funktionieren kann.Darum entwickelt dieses Buch den Vorschlag, eine Kulturtheorie auf der Basis einer allgemeinen Immunologie aufzubauen.
LITERATUREN Der andere zentrale Begriff Ihrer Analysen ist der der Übung.
SLOTERDIJK Übung und Glauben konvergieren. Ich gehe davon aus, dass Zugehörigkeiten zu Glaubensgemeinschaften sich weniger über Bekenntnisse, sondern über das reale Verhalten ermitteln lassen, und alles reale Verhalten ist übendes Verhalten. Wenn ich Sie viermal in der Woche im Fitnesscenter sehe, weiß ich, dass Sie ein Praktizierender sind. Wenn ich Sie nur einmal im Monat dort sehe, weiß ich, Sie sind von schwachem Glauben.
LITERATUREN Wir üben immer, man kann «nicht nicht üben»: So lautet einer Ihrer Grundgedanken.«Als Übung definiere ich», schreiben Sie, «jede Operation, durch welche die Qualifikation des Handelnden zur nächsten Ausführung der gleichen Operation erhalten oder verbessert wird.»
SLOTERDIJK Man könnte auch sagen:Es gibt keine unschuldige Wiederholung. Die meisten Handlungen, die wir beherrschen, haben ihren Platz in langen Wiederholungsserien. Wenn wir etwas können, dann deswegen, weil wir es oft genug wiederholen, damit es nicht allmählich verschwindet. Denken Sie an eine Fremdsprache, die Sie lange nicht benutzt haben: Es dauert eine Weile, bis man an das Ausübungsniveau der letzten Stufe wieder anschließen kann.
LITERATUREN Das Beispiel leuchtet ein, aber wieso sollte es allgemeine Aussagekraft haben?
SLOTERDIJK Der philosophische Zugangspunkt zum Problem des übenden Lebens besteht für mich in der These, dass in der Antike ein tiefer ethischer Einschnitt stattgefunden hat. Damals sind die ersten asketischen Akteure, Philosophen, Mönche zu dem Schluss gelangt, dass man das Leben von Grund auf reformieren muss. Askese bedeutet im Buddhismus oder im Stoizismus: das gesamte Feld des Denkens, Fühlens und Benehmens de-automatisieren. Sämtliche Automatismen müssen suspendiert werden – alles muss im Licht des Bewusstseins neu geformt werden, alles muss den Filter der Aufmerksamkeit passieren. Diese große Analyse – gleichsam unter dem Auge Gottes – war in der Regel nur durch einen Rückzug zu erreichen: aus der Stadt in den Ashram, ins Kloster, in die Wüste, in die Therapiegruppe oder in die Partei.
LITERATUREN Apropos Ashram: Sie beschreiben im Buch den Typus des Guru, aber auch den des buddhistischen Meisters. Zehren diese Abschnitte von Ihrem eigenen Aufenthalt in Indien bei Bhagwan Shree Rajneesh Ende der siebziger Jahre?
SLOTERDIJK Keine Zeile davon hätte ich so schreiben können,wenn ich nicht selber eine Zeitlang erlebt hätte,wie sich das Klima einer spirituell hochangespannten Kultur von innen her anfühlt. Indien war für mich die erste Berührung mit einer starken Übungskultur.
LITERATUREN Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat jüngst ebenfalls Praktiken und Übungen ins Zentrume ines Entwurfs über den Menschen gestellt. Was verdanken Sie seinem Buch «Handwerk»?
SLOTERDIJK Sennett ist für mich ein Kronzeuge für meine These vom Vorrang der Übung vor der Arbeit. Er hat wiederentdeckt – in heftigem Widerspruch zur dominierenden Job-Ideologie –, dass hinter allem schöpferischen Arbeiten ein Übungsprozess steht, der den«Werktätigen» erst auf die Höhe seiner Fähigkeiten bringt. Natürlich hat Sennett den Zeitgeist gegen sich, wenn er daran erinnert: Um ein passabler Handwerker zu werden oder ein akzeptabler Musiker, sind in der Regel nicht weniger als 10.000 Übungsstunden nötig. Das will begreiflicherweise niemand hören. Man meint heute eher, man habe ein Recht darauf, binnen weniger Minuten zu lernen, wie alle wesentlichen Tasten funktionieren. Dabei bleibt der Gedanke an die Verkörperung des Könnens auf der Strecke.
LITERATUREN Sennett porträtiert den Menschen als das Wesen, das die Fertigkeit hat, Dinge herzustellen. Sie gehen weiter: Der Mensch ist das Wesen, das sich und seinesgleichen herstellt.
SLOTERDIJK Menschen können gar nicht anders, als sich selber herzustellen.Das ist es,was der Begriff «Anthropotechnik» besagt. Menschen leben in Tätigkeitsfeldern, aus denen sie selbst hervorgehen. Insofern steht die Anthropotechnik ganz in der Tradition des philosophischen Pragmatismus: Alles, was am Menschen bemerkenswert ist, liegt letztlich im Bereich des praktischen und symbolischen Handelns, und ohne übendes Handeln geschieht bei uns gar nichts. Wir sind zur Selbstformung verdammt.
LITERATUREN Ihr Begriff «Anthropotechnik» hat vor zehn Jahren für Empörung gesorgt: Einige Kritiker wollten Ihre damalige Elmauer Rede «Regeln für den Menschenpark» so verstehen, als hätten Sie für gentechnische Optimierung des Menschen plädiert.
SLOTERDIJK Die Gentechnik ist nur eine Variation des Grundverhältnisses, wonach Menschen immer schon selbstformende Wesen sind. Sie bringen sich seit jeher in Eigentätigkeit hervor. Die erste anthropotechnische Tatsache ist die Sprache, die wir von Kindestagen an weiterbilden. Das haben die griechischen Sophisten zuerst begriffen: Schon für sie ist das ganze Leben ein einziges Trainingslager, in dem die Menschen als Redewesen sich selber formen. Wir sind zunächst allesamt von den Trainingsprogrammen unserer jeweiligen Milieus besessen.
LITERATUREN Wenn man das Panorama menschlicher Technikender Selbstformung so weit anlegt wie Sie in Ihrem Buch – wo wäre da die Genetik zu verorten?
SLOTERDIJK Anthropotechnik ist ein Sammelbegriff für die Verfahren und Übungssysteme, mit deren Hilfe Menschen auf sich selber einwirken. Die sind zum Teil hoch formalisiertwie etwa das indische Yoga oder die stoische und christliche Askese. Im Begriff Technik ist aber auch schon die Tendenz zur Veräußerlichung angelegt, wie ich sie im dritten Teil des Buchs darstelle. Die Modernen neigen dazu, den Satz «Du musst dein Leben ändern» zu übersetzen in: «Du kaufst Dir am besten externe Lebenssteigerungsmittel dazu.» Man übt nicht mehr, sondern meint, sich gewisse Verbesserungen einfach passiv aneignen zu können. Das populärste Symptom dessen ist heute die Schönheitschirurgie.
LITERATUREN Und wie bewerten Sie das?
SLOTERDIJK Ich gehe zunächst davon aus, dass Schönheitschirurgie völlig legitim ist. Andererseits birgt sie auch das Risiko, kontraproduktiv zuwirken. Ich habe neulich Ornella Muti getroffen, die sogar die gute Ideehatte, ihren Schönheitschirurgen zu heiraten (auch wenn sie inzwischen nicht mehr zusammensind). Bei dieser vormals bewundernswert schönen Frausieht man, dass Schönheitschirurgie ohne Intelligenz ein Debakel sein kann. Nichtsdestoweniger scheint e smir richtig, dass derMensch seiner Determination durch den genetischen Zufall eine eigene Stellungnahme hinzufügt. Sowie die Menschen seit alter Zeit darüber entscheiden, dass sie sich die Fingernägel schneiden oder wie sie ihre Haartracht zurechtlegen, so kann man heute einen erweiterten Modebegriff zugrunde legen und den Menschen das Recht zusprechen, nach naturverursachten Entstellungen oder Unfällen die Dienste der plastischen Chirurgie in Anspruch zu nehmen. Dergleichen ist heute weitgehend selbstverständlich. Wenn Zähne schiefwachsen, sind Zahnspangen normal.Und wenn Frauen sich mit ihrer Brust nicht wohlfühlen, dann lassen sie halt etwas Entsprechendes machen. Die Frage ist bloß, wo man die Grenze zieht. Es wäre abwegig, wollte man eines Tages Eltern die Freiheit geben, extremblonde oder hyperintelligente oder superbrave Kinder nach einem genetischen Menüplan zu erstellen.
LITERATUREN Kreist nicht die gesellschaftliche Debatte genau um die Frage, wo diese Grenzen verlaufen sollten?
SLOTERDIJK Die Debatte hat sich inzwischen beruhigt. Es stellt sich heraus,dass die Dinge unendlich viel komplizierter sind, als vor einigen Jahren geglaubt. Weder die Genetik noch die Ethik lassen eine gezielte Merkmalsherstellung zu. Die damalige Debatte war nicht mehr als ein hysterisches Nachspiel zu jener Zeit, als der kommunistische Utopismus tatsächlich den Neuen Menschen im Labor konstruieren wollte.
LITERATUREN In diesenZusammenhang gehören aber auch Beobachtungen wie etwa die, dass die Fortschritte in der vorgeburtlichen Diagnostik dazu führen, dass heute weniger Ungeborene mit Downsyndrom ausgetragen werden als noch vor einigen Jahren.
SLOTERDIJK Weil die Eltern inzwischen die Chance bekommenhaben, sich im Rahmen ihres Mitbestimmungsrechts gegen ein behindertes Kind zu entscheiden. Wer wollte darüber rechten? Aber mein Buch hat mit solchen Dingen überhaupt nichts zu tun. Es handelt davon, was geschieht, wenn Menschen erkennen, dass sie nicht gut genug sind für den eigenen Anspruch an sich selber. Unzählige haben in den letzten Jahrtausenden versucht, aus der Grundhaltung des Rückzugs von der Welt ein alternatives Leben zu entwerfen. Mein Buch ist nichts anderes als eine längere Meditation über die Möglichkeiten eines von Grund auf anderen Lebens.
LITERATUREN Eines der Felder,auf denen Sie das übende Leben vorführen, ist der Sport. Wie kam es zu der überbordend wichtigen Rolle, die der Sport seit etwa 1900 in den westlichen Gesellschaften spielt?
SLOTERDIJK Hier muss man zwei unterschiedliche Geschichten erzählen. In den Quellenkulturen Europas, bei den Griechen und Römern, war der Sport schon ein mal eine große Sache gewesen. Bei den Griechen entstand der klassische Athletismus, wobei die Spiele stets der Verherrlichung des Einzelkämpfers dienten, Mannschaftssportarten kannten die Griechen nicht. Die Römer hingegen besaßen ein besonderes Talent für die Amalgamierung von Sport und Hinrichtung – sie erfanden das Theater der Grausamkeit. Beide Kulturen, die des Stadions wie die der Arena, fanden an der ausgeprägten Theater- und Sportfeindschaft des Christentums ihr Ende.
LITERATUREN Und die andere Geschichte?
SLOTERDIJK Handelt vom Auftritt der Virtuosen zu Beginn 54 der Neuzeit. Man muss begreifen: Das Bündnis mit dem Unmöglichen rief im christlichen Jahrtausend ein Volk von Religionsartisten und von sakralen Selbstquälern ins Leben, die vom Volk als Heilige verehrt wurden.Die Moderne beginnt damit, dass die Virtuosen aus dem Schatten der Heiligen treten. Anders gesagt: Die Moderne setzt ein, wenn das Wunderbare dem Wunder den Rang abläuft. In der Literatur emanzipiert sich die Novelle, die vom Wunderbaren handelt, von der Legende, die vom Wunder berichtete. Das säkulare Evangelium der Novelle und des Romans verkündet: Es gibt Menschen, die keine Heiligen sind, und von denen dennoch höchst Bemerkenswertes zu erzählen ist.
LITERATUREN Sie verknüpfendie beiden Stränge – über die antiken Spiele und den Auftritt der Figur des Virtuosen – am Beispiel der Geschichte der Olympischen Spiele.
SLOTERDIJK Auf der Linie der ersten Erzählung erkennt man, dass die sogenannte Renaissance in Europa unvollendet geblieben war. Seit dem 15. Jahrhundert wurden Elemente einer vorchristlichen Kultur re-legitimiert: Der Rhetor kehrte wieder, als Humanist verkleidet; der Künstler kehrte wieder, als eine Art zweiter Gott. Doch jeder, der die Antiken äher kannte, musste spüren, dass diese rein hochkulturelle Renaissance etwas Wesentliches verdrängt hatte: die antike Massenkultur, den Wettkampfsport, mithin das eigentliche Integrationselement der antiken Kultur. Um 1900 brechen die Dämme: Zuletzt musste auch der Athlet wiederkehren. Erst damit war die Wiedergeburt der Antike auf dem Boden der Moderne vollendet. Die Figur des Athleten wird wiederum mit dem Virtuosen verknüpft: Die moderne Virtuosenkultur lebt von der Behauptung, das Wunderbare sei machbar. Denken Sie an Thomas Manns «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull »:Als Krull die Trapezkünstlerin Andromache in den Lüften fliegen sieht, weiß er unmittelbar, dass er und sie Kollegen sind – denn beide leben von der Fähigkeit, Eindruck zu machen. Artisten sind Menschen, die dafür leben, das Nicht-zu-Vollbringende eben doch zu vollbringen. Das gilt in gewisser Weise auch für den Leistungssport. Dort setzend ie Athleten den Fuß in einen Bereich jenseits des Menschenmöglichen. Auch sie nehmen am modernen Feldzug gegen den Begriff «Unmöglich» teil.
LITERATUREN Im Leistungssport helfen bei diesem Feldzug, mehr oder weniger sichtbar, chemische Mittel. Ist Doping eine Anthropotechnik?
SLOTERDIJK Selbstverständlich. Doping unterstützt die Artisten, die versuchen, die Grenze des Möglichen weiter hinauszurücken – insofern ist es Geist vom Geist der Moderne. Wir haben vom 15. Jahrhundert anbeschlossen, das Wunder durch das underbare zu ersetzen, daher kann uns nichts fremdsein, was dem Unmöglichen ein Stück seines Territoriums entreißt. Allerdings verfolgen wir gleichzeitig, um der kulturellen Hygiene willen, ein zweites Projekt, das des Fairplay. Wir wollen den Unterschied zwischen Sportler und Künstler aufrechterhalten, in dem wir dem Sportler verbieten, Bohemien zu werden.
LITERATUREN Keine Macht den Drogen…
SLOTERDIJK Der Bohemien ist der Drogenbenutzer par excellence unter den Künstlern. Aber wir wollen keine sportliche Boheme, weil wir den Sport als Transmissionsriemen für die Jugend benutzen, die in die Leistungswelt eingeführt werden soll.
LITERATUREN Unter den Denkern, von denen Sie sich anregen lassen – Heidegger, Wittgenstein, Foucault, Bourdieu und viele mehr – ragt einer heraus: Ihr Buch lässt sich wie ein großer Nietzsche-Kommentar lesen.
SLOTERDIJK «Du mußt dein Leben ändern» ist, wenn Sie so wollen, mein «Zarathustra» – weil es in meinen Augen den ersten Versuch darstellt, die Gattungsbezeichnung von Nietzsches «Zarathustra», «Ein Buch für Alle und Keinen», nicht nur zu wiederholen, sondern auch explizit zu machen – in einer anderen historischen Konstellation. Ich will erklären, warum alle höhere Ethik aus dem Eros des Unmöglichen fließt. Eine solche Ethik wendet sich an alle und keinen: weil das Unmögliche nicht in Besitz zu nehmen ist. Gegenüber demU nmöglichen sind alle gleich hilflos – aber auch gleich herausgefordert. Insofern handelt es sich umeine erhabene Ethik.
LITERATUREN «Erhaben» ist doch ein Begriff, der eher aus der Ästhetik geläufig ist?
SLOTERDIJK In den letzten zweihundert Jahren hat die ästhetische Kultur geglaubt, sie besitze das Monopol auf das Erhabene. Sie nahm es in Besitz, um es ganz für eine Ästhetik des Schreckens zu verwenden. In der modernen Massenkultur wird die Reduktion des Erhabenen auf den Horror auf die Spitze getrieben.Wo sie schön ist, liefert sie Kitsch, wo sie erhaben ist, liefert sie Schrecken.
LITERATUREN Kitsch, das leuchtet ein. Aber wo produziert die Massenkultur Erhabenes?
SLOTERDIJK Überall,wo die Katastrophe ästhetisch ausgebeutet wird. Denken Sie an den Film «Titanic», in dem das kitschig Schöne und das erschreckend Erhabene in einer fast klassischen Synthese vereinigt sind. Allgemein gesagt: Wo auch immer Action, Verfolgungen, Drama dominieren und wo die Explosion als Archetypus des Ereignisses zelebriert wird, ist das Erhabene vollkommen von der massenkulturellen Ästhetik aufgesaugtworden. Mein Buch macht dagegen den Versuch, das Erhabene in die Ethik zurückzuversetzen. Deshalb muss auch die Religion dran glauben: Wer sich auf die Ethik der absoluten Überforderung einlässt, braucht den Vorwand «Religion» nicht mehr.
LITERATUREN Vielen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte René Aguigah