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Ausgabe 05/09
Jörg Magenau: Mit der Green Card in ein neues Jahrhundert
Wenn Migration aus dem Hintergrund in den Vordergrund rückt: Die jüngere amerikanische Literatur hat die ganze Welt im Gepäck. Über Romane von Dinaw Mengestu, Junot Diaz, Ha Jin und Joseph O’Neill
VON JÖRG MAGENAU

Im Zeitalter der ortsfesten guten Gesinnungen erfreute sich der Spruch «Alle Menschen sind Ausländer, fast überall» großer Beliebtheit. Man konnte das auf den Kofferraumdeckel oder sonst wohin kleben, um damit die eigene weltoffene Grundhaltung zu dokumentieren. Doch der Spruch griff, wie manches Gutgemeinte, zu kurz und konnte mit der fortschreitenden Globalisierung nicht Schritt halten. Menschen, die weniger als Touristen, denn als Arbeitskräfte, Armuts-, Kriegs- oder Diktaturflüchtlinge die Länder wechseln, bleiben dauerhaft am neuen Ort und verwandeln sich dort irgendwann in In länder mit besonderer Geschichte. So entstand das Technokratenwort «Migrationshintergrund», das bei aller Scheußlichkeit doch immer hinder Tatsache Rechnung trägt, dass die Menschheit nicht mehr so leicht in In- und Ausländer zu unterscheiden ist.
Nirgendwo wird das deutlicher als in den USA, dem Einwanderungsland schlechthin, das sich dadurch definiert, dass es permanent, und schon seit Jahrhunderten, eine große Integrationsmaschine ist, die Ausländer in Inländer verwandelt. Der «Migrationshintergrund» ist dort so natürlich und selbstverständlich, dass es einen dem deutschen Wortungetüm entsprechenden Begriff garnicht erst gibt. Im Zweifelsfall muss man nur ein paar Generationen zurückgehen, dann finden sich in jeder Familie eingewanderte Vorfahren.
Die US-amerikanische Literatur hat stets davon profitiert, dass Migration im Vordergrund steht. Im Erzählen findet dort eine andauernde sprachliche und kulturelle Erneuerung statt; Herkunftsländer und Schicksale rücken in den Blick, die weit über den nationalen Horizont hinausreichen und dazu beitragen, die natürliche Selbstbezüglichkeit der Kultur aufzusplittern. In Deutschland ist das noch neu und ungewohnt und wird entsprechend bestaunt; die amerikanische Literatur ist ganz selbstverständlich eine Weltliteratur, die ihre Stoffe aus allen Erdteilen bezieht. Und es sind gerade die jüngeren Autoren, die mit ihren Büchern beweisen, dass Migration ein nicht abschließbarer Prozess ist. Damit erübrigt sich auch das Geschwätz von der «Welthaltigkeit», ein Begriff, mit dem hiesige Literaturbeamte die armen deutschen Schriftsteller traktieren, die ja nichts dafür können, wenn sie bloß aus Bielefeld oder aus Potsdam stammen.

Afrika vermissen oder Afrika hassen
Dinaw Mengestu, zum Beispiel, wurde 1978 in Äthiopien geboren; als Zweijähriger kam er mit den Eltern, auf der Flucht vor dem «Roten Terror» des sozialistischen Militärregimes, in die USA. Hier wuchs er auf, hat Literatur studiert und bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Bei seinem Debütroman «Zum Wiedersehen der Sterne» war sich die US-Kritik aber nicht ganz einig, ob sie ihn eher «amerikanisch» oder «afrikanisch» finden sollte. Dabei ist es ganz einfach: Mengestu schreibt in englischer Sprache und beherrscht sein Handwerk verblüffend perfekt. Die Machart seines Romans ist ganz und gar «amerikanisch» – inklusive Cut-up-Technik, Rückblenden und melancholischer Liebesgeschichte. Doch er erzählt von Afrikanern in Washington D.C. und ihrem Leben, das sich von dem der amerikanischen Schwarzen unterscheidet: Siebe ziehen sich nicht auf die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus in den USA, sondern auf die eigene Herkunftswelt. «Für mich ist es ein Roman über Amerika mit all seinen Identitäten, die miteinander im Wettbewerb und manchmal im Konflikt stehen», sagte Mengestu in einem Interview. «Sollte es einen neuen Blick afrikanischer Immigranten geben, erwächst er fürmich persönlich aus der Wahrnehmung, sich niemals vollständig mit einer Kategorie zu identifizieren. »Das feine Bewusstsein für die Differenzen ist es also, das Autoren der Migration auszeichnet.
Mengestus Romanheld Sepha Stephanos ist äthiopischer Flüchtling. Sephas Vater wurde Ende der siebziger Jahre vom Militärregime verhaftet, gefoltert und ermordet – so wie es einem Onkel Mengestus geschah. Sepha entkam und betreibt nun in Washington einen kleinen Laden, hart amRand der Pleite. Dort besuchen ihn regelmäßig zwei afrikanische Freunde, mit denen er vorzugsweise das «Diktatoren-Spiel» spielt: Einer sagt den Namen eines putschenden Offiziers, und die anderen müssen das entsprechende Land und die Jahreszahl dazu nennen. Auch so kann so etwas wie Heimat oder zumindest ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entstehen.
Sepha hatte nicht die Absicht, zu bleiben. «Ich war nicht nach Amerika gekommen, um ein besseres Leben zu haben», sagt er, «ich kam hierher, verwachsen mit den Geistern eines alten Lebens, die ich überallmit hintrug.» Der Tod des Vaters hat ihn zu einemeinsamen Menschen gemacht, dem es nicht gelingt, neue Wurzeln zu schlagen. Er braucht lange, bis er begreift, dass er nie mehr zurückkehren wird, und erklärt diesen Entschluss dann ein wenig zynisch mit der Tatsache, dass es «bequemer ist, hier zu sein und Afrika zu vermissen, als dort zu sein und es jeden Tag zu hassen». Doch dann zieht in der Nachbarschaft eine weiße Akademikerin mit ihrer kleinen Tochter ein, er verliebt sich vorsichtig und ohne Aussicht auf Erfolg und liest dem kleinen Mädchen in seinem Laden Dostojewski vor. Die soziale und kulturelle Diskrepanz ist jedoch zu groß, um über das Stadium zarter Sympathie hinauszukommen. «Zum Wiedersehen der Sterne» ist ein trauriger Roman über Fremdheit und Einsamkeit. Doch wenn Sepha am Ende behauptet: «Ein Mann, der zwischen zwei Welten hängt, lebt und stirbt allein», dann klingt das so cowboyhaft nach Sonnenuntergang in der Prärie, dass er damit dann vielleicht doch angekommen ist im Amerika der lonesome riders.

Der Fluch der Ahnen
Die Suche nach der eigenen Herkunft, das Wissen darum, sich zwischen zwei Welten zu bewegen und also zu keiner wirklich zu gehören, prägt das Lebensgefühl der Migranten. Amerika ist wahrlich kein Paradies, und es ist schwer genug, sich in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft durchzuschlagen–vor allem für die, die eine dunklere Haut haben. Doch im Vergleichmit den blutigen Diktaturen in manchen Herkunftsländern relativieren sich diese Probleme. Die Migrationsliteratur dient – trotz aller kritischen Töne–durchaus der Kräftigung des amerikanischen Selbstbewusstseins. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass die USA die bessere der möglichen Welten ist.
Junot Diaz, 1968 in der Dominikanischen Republik geboren, kam als Sechsjähriger in dieVereinigten Staaten. Was dieser Weltenwechsel für ihn bedeutete, demonstriert er an seiner Romanfigur Oscar Wao, einem übergewichtigen, fett und fetter werdenden Jungen, den es (wie einst auchDiaz) nach NewJersey verschlagen hat: «Eine einzige Green Card hat ihn nicht nur in eine ganz andere Welt (von der Dritten in die Erste) transportiert, sondern auch in ein anderes Jahrhundert (eben noch eine Seltenheit, gab es Fernsehen und Strom plötzlich im Überfluss). Wahrscheinlich konnten ihm nach einem solchen Wechsel nur noch extreme Szenarien genügen. »Oscar wird zum Computer-Nerd und Science-Fiction-Freak, der mit Lichtschwertern hantiert und vorzugsweise «Elbisch» spricht. Bei den Mädchen, in die er sich so heftig wie vergeblich verliebt, blitzt er damit ab. Er leidet an permanenter «Muschiflaute», wie es der Erzähler formuliert.
Kapitelweise rückwärtsschreitend, schreibt sich Junot Diaz in seinemmit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman «Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao» in Oscars Familiengeschichte hinein. Dessen psychische und körperliche Deformationen werden allmählich aus den in Generationen angehäuften traumatischen Erlebnissen verstehbar. Der Hass der Mutter auf alle Menschen, der auch Oscar und seine Schwester nicht verschont, ist nur zu begreiflich, nachdem man von ihrer brutalen Vergewaltigung im Zuckerrohrfeld erfahren hat. Dabei dringt Diaz immer tiefer in die Geschichte der Dominikanischen Republik ein, vor allemin die Jahrzehnte der Schreckensherrschaft des Generals Trujillo, der sich 1930 mithilfe der USA an die Machtputschte. Trujillos Diktatur–1961 wurde er endlich ermordet – war an Grausamkeit kaum zu überbieten. Die jungen Frauen des Landes standen ihm zur freien Verfügung. Väter, die ihm ihre Töchter nicht ausliefern wollten, verschwanden in den Gefängnissen und wurden dort zu Tode gefoltert – so auch Oscars Großvater, ein angesehener Arzt.Mit zahlreichen Fußnoten erweitert Diaz den Erzählraum bis hin zu historischen Exkursen über einzelne Personen und konkrete Ereignisse.
Die Verschränkung von Sexualität und Gewalt ist der rote Faden dieses Romans,der sprachlich derb und betont machomäßig inszeniert ist. Zahlreiche spanische Einsprengsel wirken wie Aufputschmittel, die den Sprachfluss zusätzlich sexualisieren. Ein Mann aus Santo Domingo stirbt nicht als Jungfrau – so viel steht fest. Das trifft sogar auf den so erbärmlich unbeweibten Oscar zu, dessen früher Tod schließlich in engem Zusammenhang mit seinem ersten sexuellen Erlebnis auf der Antilleninsel steht. Das Herkunftsland ist hier und in anderen Migrationsromaneneine vitalistische, gefährlich e Gegenwelt zum ökonomisch geprägten Amerika. Dort gibt es noch immer mächtige Götter, einen beängstigenden «Mann ohne Gesicht» und tödliche Flüche, die über Generationen ihre Kraft behalten. Der Fukú, der Oscars Familie bedroht, stammt noch aus den Zeiten Trujillos, und er ist nicht so leicht in das vergleichsweise harmlose amerikanische «Fuck you» abzumildern. Wen ein Fukú trifft, den zerstört das Verhängnis von innen heraus. Gegen die dumpfe, archaischeMacht und die rohe sexuelle Gewalt gibt es keinen Schutz. Wie bei Dinaw Mengestu erscheinen die Vereinigten Staaten auch bei Junot Diaz als ein Ort der Zuflucht – trotz einesnicht zu übersehen den Rassismus, der keineswegs nur Schwarz und Weiß trennt. Diaz ist kein Freund politisch korrekter Ausdrucksweise. Das Wort «Nigger» benutzen seine Figuren exzessiv – auch die braunhäutigen, spanischsprechenden Antillenabkömmlinge, die es den Schwarzen in den USA entgegenschleudern. Für Diaz war es das Wort seiner Kindheit. «Nigger» – das waren alle, die nicht weiß waren. Auch er.

Der Mythos vom Tellerwäscher
Die amerikanische Gesellschaft zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass diejenigen, die sich amunteren Rand der Gesellschaft durchschlagen, die soziale Hierarchie grundsätzlich akzeptieren, solange sie es für möglich halten aufzusteigen, einen besser bezahlten Job zu finden und eines Tages in ein besseres Stadtviertel zu ziehen. Der uramerikanische Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird, war schon immer ein Einwanderer-Mythos, sind es doch stets die Neuankömmlinge, die erst einmal in den Spülküchen ihren Lebensunterhalt verdienen. Mengestu und Diaz interessieren sich für Aufstiegsmöglichkeiten «einen Scheißdreck». Nahezu klassisch dekliniert dagegen der aus China stammende Ha Jin dieses Thema durch. Schon der Titel seines Romans «Ein freies Leben» verweist auf den amerikanischen Traum, der wie ein Echo auf seine chinesische Vorgeschichte antwortet. Freiheit wird in diesem Buch vor allem als die individuelle Möglichkeit verstanden, zu arbeiten und Geld zu verdienen – gepaart mit der überraschenden Erkenntnis, dass keiner für dich sorgt und «du dich selbst krankenversichern musst».Wir sind «Werktätige am Arsch Amerikas», heißt es einmal, und das ist keineswegs nur negativ gemeint.
Ha Jin erzählt vom Leben des Einwanderers Nan Wu, dessen Frau und kleinem Sohn, die sich langsam,aber stetig hocharbeiten – bis sie sich ein eigenes China-Restaurant in einem Vorort von Atlanta leisten können und bald auch ein eigenes Häuschen am See. Die Ehe ist nicht einfach, und außerdem wäre Nan Wu gern ein Schriftsteller und dilettiert mit Gedichten vor sich hin. All das ist ziemlich unspektakulär, um nicht zu sagen langweilig. Es sind Kleinbürgerträume, die hier Wirklichkeit werden: ein sicheres Auskommen, eine Lebensversicherung, ein Platz auf Erden mit einem eigenen Zaun drum herum. Ha Jin interessiert sich im ersten seiner Romane, der in Amerika spielt, vor allem für die Gleichförmigkeit und relative Ereignislosigkeit der Arbeits- und Familienexistenz. Leider wird daraus kein aufregendes Buch.
Interessanter ist sein eigener Lebensweg, der sich in einigen Punkten mit dem seines Protagonisten trifft. 1956 geboren, gehörte er zu der Generation, die in den Jahren vonMaos «Kulturrevolution» aufwuchs und keineChance hatte, der Ideologie zuentkommen. Ha Jin,der eigentlich Jin Xuefei heißt, verpflichtete sich bei der Armee, studierte dann amerikanische Literatur und war fleißig und vorbildlich genug, dass ihm 1985 ein Auslandsstudium in den USA genehmigt wurde. 1987 begann er dort mit dem Schreiben von Gedichten – in englischer Sprache. Doch erst nach dem Massaker auf dem «Platz des Himmlischen Friedens» im Juni 1989 beschloss er, nicht mehr in die Heimat zurückzukehren, und es gelang ihm sogar, Frau und Sohn nachzuholen. So beginnt auch sein Roman. Seither ist aus Ha Jin ein amerikanischer Autor und Staatsbürger und ein Professor für Literaturwissenschaft an der Universität in Boston geworden. Als Exilant, sagt er, habe er sich nie gefühlt. Ein chinesischer Schriftsteller ist er nie gewesen. Doch das ambivalente Verhältnis zum Heimatland prägt ihn und sein Schreiben. «Untereinander beklagten sie sich oft in harschem Ton über China», heißt es im Roman, aber «sie fühlten sich angegriffen, sobald andere ungerechtfertigt ihre Heimat kritisierten.» Die Wus werden China nicht los, auch wenn sie unterdessen zu Amerikanern geworden sind.

Der gefallene Engel der Heimatlosen
Ha Jin feiert die Integration, den sozialen Aufstieg – und damit die USA. Joseph O’Neill spielt in seinem Roman «Niederland» nur noch mit dem Tellerwäscher-Mythos. Er kann es sich leisten. Sein Ich-Erzähler ist ein wohlhabender Banker, der an der New Yorker Börse sein Geld mit Prognosenauf die Entwicklung des Ölpreises verdient. Im Sommer 2002, im Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center, durchlebt er eine persönliche Krise, in der sich die allgemeine Verunsicherung widerspiegelt. Frau und Kind haben ihn verlassen und sind zurückgegangen nach London; er vertreibt sich die Zeit und die Depressionen vor allem mit Cricket und lernt dabei einen dunkelhäutigen Inder aus Trinidad kennen, der davon träumt, ein großes Cricket-Stadion zubauen, tatsächlich aber bloß eine illegale Lotterie aufzieht und andere fragwürdige Geschäfte betreibt. Chuck Ramkissoon, ein freundlicher, humanistisch begabter Kleinkrimineller, ist der inoffizielle Held des Buches. Seine Hoffnungen erfüllen sich nicht; und anstatt, wie er es sich gewünscht hätte, in der Heimaterde Trinidads bestattet zu werden, wird er Jahre später mit zusammengebundenen Händen und Füßen aus dem Hudson gefischt. Glanz und Elend der Migration liegen in diesem Roman sehr dicht beieinander.
Der Autor Joseph O’Neill hat wohl den prächtigsten «Migrationshintergrund», den man sich nur denken kann. 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin geboren, wuchs er in Holland auf, studierte Jura in Cambridge, arbeitete als Wirtschaftsanwalt in London und zog schließlich mit seiner britischen Frau nach New York, wo sie mit drei Söhnen im «Chelsea Hotel» wohnen. Das Hotel ist, wenn man sich’s leisten kann, der passende Ort, um so einem Leben Sesshaftigkeit zu verleihen.
Das «Chelsea Hotel» ist auch in «Niederland» der Mittelpunkt der Handlung–O’Neills drittem Roman, dem ersten, der nun auf Deutsch vorliegt. Denn hier wohnt auch der Ich-Erzähler Hans vanden Broek seit der Evakuierung nach dem 11. September, weil das eigene Domizil in einem Apartmentturm als zugefährlich eingestuft wurde. Im Hotel begegnet er allerlei seltsamen Gestalten, Gestrandeten der Globalisierung, displaced persons der Welt-Migrationsbewegung: Neben einer permanent vor sich hinmurmelnden älteren Dame ist das vor allem ein junger Türke, der, anstatt seinen Studien nachzugehen, in einem Engelskostüm steckt und mit gerupften Flügeln in der Eingangshalle herum sitzt. Der gefallene Engel ist das Sinnbild dieser Gesellschaft der Heimatlosen, die auf nichts vertrauen können als nur auf sich selbst.

Macht Migration konservativ?
Hans van den Broek verbringt die Wochenenden beim Cricket in abgelegenen Parkanlagen in Staten Island oder in Brooklyn. Da muss man sich dann erst einmal durch seitenlange Fachsimpeleien kämpfen, auch wenn man als durchschnittlicher, fußballsozialisierter Europäer keine Ahnung hat, was Glance, Hook, Cut, Sweep, Cover Drive, Pitch, Wicket wohl sein mögen. Nachvollziehbar aber ist die Leidenschaft, mit der da einer seinem Sport nachgeht – als einziger Weißer unter Indern und Pakistanis, Jamaikanern und Guayanern, unter Muslimen, Hindus und Buddhisten. Cricket ist im baseballverseuchten Amerika eine Randsportart, was es O’Neill erlaubt, damit an die Ränder der amerikanischen Gesellschaft vorzudringenund ein New York zu schildern, das man so noch nicht kennt. Sein Erzähler ist angenehm vorurteilsfrei, ohne anbiederisch zu sein. Er kann sich in Taxifahrerkneipen ebenso gut bewegen wie im Banker-Milieu, fühlt sich aber auf dem Cricket-Platz eindeutig am wohlsten.
Das Schöne an dieser Geschichte ist der unsentimentale Tonfall und die kulturelle Neugier, mit der da einer auf all die Fremden zugeht, mit denen ihn doch außerhalb des Sports nichts verbindet. Vielleicht ist ja auch das ein Resultat globalisierungsgesättigter Lebensweise. Der amerikanische Mythos vom Aufstieg zum Millionär wäre demnach zu ergänzen durch den Millionär, der sich, weil ihm dort wohler ist, in ärmere soziale Schichten und ethnische Gruppen begibt und – was noch wichtiger ist – dort auch geduldet und geschätzt wird. Die Durchlässigkeit sozialer Grenzen geht also in zwei Richtungen, und wer von oben kommt, muss nicht unbedingt gleich den Abstieg fürchten. Allerdings spielt dieser Roman ein paar Jahre vor der großen Finanzkrise.
Diese Beweglichkeit ist neu. Seltsam jedoch, dass all die Migrationsromane auf doch eigentlich recht abgedroschene nationale Klischees setzen, anstatt die Stereotypen kultureller Raster zu verlassen: Da ist der faule, beruflich desinteressierte Afrikaner. Der sexbesessene Latino von den Antillen. Der bieder-fleißige, kleinbürgerliche Chinese. Der weltmännische, lässige Holländer. Und wenn man andere Bücher – wie etwa Anya Ulinichs «Petropolis» oder Salvador Plascencias «Menschen aus Papier» –dazu nähme, dann ließe sich diese Liste noch durch die gewitzte, auf ihren Vorteil bedachte Russin und den Mexikaner mit viel magischem Realismus im Gepäck erweitern. Macht Migration womöglich konservativ? Vielleicht ist das aber auch eine beruhigende Nachricht: Globalisierung wirkt sich nicht als der große Gleichmacher aus; vielmehr schärfen sich die Kontraste innerhalb der eigenen Nachbarschaft. Man muss in die Fremde gehen, umder bleiben zu können, derman ist.
Mengestus Romanheld sagt es so: «Hier brauchte ich nicht mehr aus mir zumachen, als ich schon war. Ich war arm und schwarz, und ich benutzte die Anonymität, die mir dieser Umstand bot, als Schutzschild gegen den Ehrgeiz des jungen Einwanderers, dermir längst abhanden gekommen war, sofern ich überhaupt je welchen besessen hatte.» O’Neill hält dagegen. «Wegzugehen heißt nichts anderes, als einen tödlichen Schritt zu unternehmen», lässt er seinen Erzähler räsonieren, der sich nach demSchlittschuhlaufenauf holländischenGrachtensehnt. Beides ist wahr. Auch das macht die Spannung der Migrationsliteratur aus. Schließlich sind alle Menschen Inländer. Fast überall. Aber sie bringen ihre Geschichte und ihre eigene Welt mit.




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