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Ausgabe 05/09
Das Kriminal
Laurenti, hilf!
VON FRAUKE MEYER-GOSAU

Das ist nicht ganz ungewagt: Auf einer Lipizzaner-Stute sprengt, an einem Damensattel festgebunden, ein halb gelähmter junger Mann durch die Wiesen, und ein Pitbull-Terrier wird zum Ich-Erzähler–wenn der für Gewaltverbrechen in der Stadt Triest zuständige Vicequestore Proteo Laurenti in den Ausruf «Diese Stadt! Nichts ist hier normal!» ausbricht, kann ihm der Leser des neuen Romans von Veit Heinichen nur zustimmen. Dabei treffen Pitbull und Reiter genau genommen außerhalb der Stadtmauern aufeinander, im Wippach-Tal, jenseits der italienisch-slowenischen Grenze. Doch Proteo Laurenti bekommt trotzdem mit beiden zu tun. Seine Untergebene, die junge Polizistin Pina Cardareto, wird bei einem sonntäglichen Fahrradausflug vom Pitbull Argos angefallen und rettet sich mit zersplittertem Fuß gerade noch auf einen Heuhaufen. Ihr Retter ist der halb gelähmte Sebastian «Sedem» Newman, der mit seinem Vater Goran, genannt «Duke», in einem Haus voller Hightech-Installationen auf slowenischem Boden lebt. Und bald nehmen turbulente Ereignisse ihren Lauf, die die triestinische, die slowenische und die kroatische Polizei gemeinsam gegen verschiedene Spielarten des organisierten Verbrechens in Stellung bringen; gegen international operierende Kriminelle hilft nur eine supranational kooperierende Polizei.


Nach dieser Maxime jedenfalls hat Veit Heinichen Die Ruhe des Stärkeren (Zsolnay, Wien 2009. 320 S., 19,90€), seinen sechsten Triest-Krimi, angelegt. Und wenn auch schon in dessen Vorgängern kein Mangel an Drogen-, Menschen-, Organ- und illegalem Tierhandel herrschte, wenn Geldwäsche, Prostitution oder auch aus der totalitären Vergangenheit stammende offene Rechnungen das Geschehen in der Grenzstadt bestimmten – diesmal hat Heinichen seinen Roman mit einer Material-und Themenfülle ausgestattet, die leicht für drei Bücher reichen würde. Die Grundfrage des Leitenden Kommissars und seiner Mitarbeiterin lautet, «ob der Begriff der Organisierten Kriminalität inzwischen nicht auch auf die freie Wirtschaft anzuwenden wäre». Die Antwort heißt: Ja.


Denn sowohl der nach einem Unfall querschnittsgelähmte Sedem als auch sein Vater Duke sind in ihrem scheinbar weltabgeschiedenen Refugiumals Spekulations-Artisten der internationalen Hochfinanz tätig, die elektronische Kommunikation macht’s möglich. Umgeben von Kunstwerken unschätzbaren Werts, umtönt von raren Aufnahmen der Größten des Jazz, verwöhnt von herausragenden Kochkünsten, beschützt schließlich von den besten Bodyguards, liefert der Sohn dem Vater auf den Finanzmärkten einen Kampf mit durchaus ebenbürtigen Mitteln.


Duke, Spross einer Jugoslawin und eines amerikanischen GI,aufgewachsen in der Hansestadt Bremen, folgte einst seinem Vater in die USA und lebt nun als amerikanischer Staatsbürger in Slowenien, ein in politischen wie wirtschaftlichen Fragen überaus einflussreicher businessman. Engagiert im traditionellen Aktiengeschäft, unterstützt er, wenn es die Gewinn-Politik verlangt, in internationalen Berater-Gremien bedenkenlos auch den Einsatz kriegerischer Mittel. Sein Sohn Sedem dagegen erscheint die längste Zeit als sanftmütiger Idealist. Er kümmert sich um Kinder in Entwicklungsländern und investiert in die Bereiche «Bildung und Zukunft». Ein Profiteur der jüngsten Spekulationsblase, wettet Sedeman der Börse auf die negative Entwicklung internationaler Firmen zusammenschlüsse und hat so aus den 200.000 Euro, die ihm sein Vater gewissermaßen als Spiel-Geld überlassen hatte, innerhalb von 18 Monaten 14 Millionen gemacht. Während der Vater den so skrupellosen wie kultivierten Kapitalisten der Nachkriegs-Ära verkörpert, ist sein Sohn das Modell der Börsen-Hasardeure des neuen Jahrtausends, die dem Globus die jüngste Weltwirtschaftskrise eingebrockt haben. Im Roman ist auch diese letzte Entwicklung zu ahnen, wenn Sedem am Ende die Firmen seines Vaters sprengt – in einem weltökonomischen Supergau.


Die Eskalation beginnt am 21.Dezember 2007 mit Inkrafttreten des Schengen-Abkommens, auf einer mit internationaler Polit-Prominenz besetzten Feier, die an der italienisch-slowenischen Grenze oberhalb Triests stattfindet. Diesem schicksalhaften Ereignis voraus gehen die Kampfhund-Attacke, die Ermordung eines Tierpräparators sowie eine scheinbar von Rechtsextremen inszenierte Plakat-Aktion. Doch hängt alles hier mit allem zusammen und führt dabei nicht nur in die Geschichte der Region zurück: Heinichen öffnet den Blick für den internationalen Kontext lokaler Verbrechen und lässt dabei weder die «Demokratiepiraten» à la Berlusconi noch die Geheimdienste, weder die Justiz noch die «TV-gepolsterte Diktatur» Italiens ungeschoren. Zu alle dem gibt es ein bisschen Liebe, Joints bester Qualität, exzellente Speisen und Getränke sowie Musik, Musik, Musik.

Nur der sprechende Hund, der vom brutalen Training, von Drogen, Schlägen und seiner grausamen letzten Schlacht berichtet (den Mitarbeitern der Tierklinik in Ljubljana setzt Heinichen hier ein verdientes Denkmal), er bleibt in alledem ein Fremdkörper. Das ist schade. Wirklich schlimm aber ist es auch wieder nicht. Denn derart gekonnt führt der Autor seine Puzzleteile aus aller Welt zusammen, dass den Leser das tierische Muskelpaket zwar jammert, alles Übrige ihn dabei jedoch nie aus dem straff gespannten Handlungsbogen entlässt. «Auguri!» lautet das letzte Wort des Romans. Glück und Segen möchte man auch dem Autor wünschen, der seit einem Jahr Zielscheibe eines Kriminellen ist: In anonymen Briefen wird er als Pädophiler denunziert. Wer das jüngste Buch gelesen hat, weiß gleich mehrere, denen ein mundtoter Veit Heinichen gefallen würde. Laurenti, hilf!




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