Péter Esterházy Keine Kunst Gnädigefrauwillsagengenossin
Wie Péter Esterházy von der vergangenen kommunistischen und der neuen kapitalistischen Welt in Ungarn erzählt, von Tod und Champions League, von blutleeren Fernsehserien und seiner fußballliebenden Mutter
VON VERENA AUFFERMANN
Über Mütter kann jedes Kind mitreden. Über Fußball auch, ob Kind oder erwachsen. Ich allerdings nicht. Ich habe keine Ahnung vom Fußball, ich bewundere die rasende Fußball-Leidenschaft von Millionen, wie ich die rasende Leidenschaft von Ornithologen bewundere. Natürlich lässt sich ein Ball nicht mit einem Vogel vergleichen, wohl aber Péter Esterházy mit Péter Esterházy. Fangen wir mit der Frau an, weil es im neuen Buch «Keine Kunst» um die Mutter geht. Um die ideale Mutter, denn «Lilike», so wird die Frau genannt, ist eine wahre Fußballfanatikerin.
Der Autor Esterházy redet in all seinen Büchern mit größtem Sprachvergnügen über das Leben seiner genealogisch ziemlich alten, politisch ziemlich einflussreichen und finanziell mit ziemlich viel Besitz ausgestatteten ungarischen Adelsfamilie. Jedenfalls bis 1945. Was dann kam, ist bekannt: Als Péter Esterházy im Jahr 2000 sein magnum opus «Harmonia Cælestis», ein durch vier Jahrhunderte mäanderndes und die Jahrhunderte ineinander verschiebendes Vaterbuch, abgeschlossen hatte, entdeckte er Unterlagen zur Mitgliedschaft seines Vaters im ungarischen Geheimdienst. Er reichte in einer «Verbesserten Ausgabe» diese für ihn neuen, schrecklichen Tatsachen nach. Jetzt ist die Figur der Mutter seine – um es salopp zu sagen – Benutzeroberfläche. Denn wie immer bedient Esterházy viele Genres, wie immer schweift er ab. Dass dies keine simple Muttergeschichte geworden ist, kein «Meine-Mutter-ist-gestorben»-Text, wie es sie seit Peter Handkes «Der kurze Brief zum langen Abschied» so viele gibt, wer würde das erwarten?
Péter Esterházy beginnt mit einem doppelten Angriff: auf die ungarische zeitgenössische Prosa und auf innenpolitische Kämpfe in den neunziger Jahren. Der Erzähler zeigt auf den ersten Seiten, dass Rechnungen offen sind. Zwischen dem postkommunistischen und kryptokapitalistischen Ungarn und ihm, zwischen der ungarischen Kunst und ihm. Er stellt sich als Erzähler vor, der die Handlung bestimmt: «Wenn schon einer niedergeschossen wird, dann keinesfalls der Ich-Erzähler!» Lachend nähert er sich dem Ernst der Lage. Alle Anspielungen – Esterházy ist der anspielungsreichste Autor der Gegenwart – können von Nicht-Ungarn und Nicht-Fußballkennern unmöglich dechiffriert werden. Was jeder Nicht-Ungar jedoch versteht, ist die Tragödie, die hier mit Galgenhumor preis gegeben wird: ein untergegangenes Land, das nach den Jahren unter russischer Besatzung einem mafiösen Kapitalismus in die Arme fällt.
Wer Esterházys Universum kennt, weiß das, wer es jetzt erst kennenlernt, merkt es: Péter Esterházy ist der omnipotente Alleinerzähler und Impresario, der zwischen Witz und Ernst die Seitenwechselt. Die Geschichte der Mutter bietet ihm die Gelegenheit, die Geschichte des Vaters, des Bruders, des Fußballs, der Ungarn, des ungarischen kommunistischen Spitzelstaats mit und weiterzuerzählen. Die Familienthemen sind für ihn die Basis, von der aus er operiert und Stellung bezieht.
Im Land von Bartók und Puskás
Die Sprache – das gelingt dank Terézia Mora auch in der Übersetzung – ist Impulsgeber, die Sprache ist der Supermarkt, hier kauft der Autor überraschende Worte, hier klaut er Zitate von Goethe bis Beckett, nimmt sich Unflätiges und Schamloses, lässt sich inspirieren. Die Sprache befeuert den akrobatischen Spieler. Zwischen den Abschweifungen werden Wahrheiten ausgesprochen, über ein politisches Regime, über seine entmachtete und abgestürzte gesellschaftliche Klasse. Man klagt nicht, arbeitet wie alle anderen in der Fabrik, bekommt, wie der Vater, ein Brett in den Anus geschoben, man klagt nicht, so ist man erzogen. Esterházy, der «Graf», wie sein Ich-Erzähler sich selbst nennt, schimpft auf die Klasse, aus der er kommt: «Was tun Sie sich wichtig, was bilden Sie sich ein, wer sind Sie?, gehen Sie raus aufs Spielfeld und spielen Sie, fürs Volk, für das Land, für den Kommunismus…»
Péter Esterházys Bruder Mártonwar ungarischer Nationalspieler, und der Fußball ist für die Familie von Péter Esterházy die Möglichkeit, im Abstieg aufzusteigen und im neuen Leben auf einem sehr guten Platz mitzuspielen. Der ungarische Fußballgott Ferenc Puskás verehrte Lilike, die Mutter. Puskás war Mannschaftskapitän, als das ungarische Team 1954 in Bern gegen Deutschland antrat und («Das Wunder von Bern») verlor. Ferenc Puskás bewahrte die Familie vor der Deportation, weg vom «Volk von Bartók und Puskás». Wer sich für das Psychogramm dieser alle Mutterklischees verabscheuenden Frau interessiert, muss es sich aus Nebensätzen und Nebenbemerkungen zusammensuchen. Lineares, eindeutiges Schreiben, nein, da ist man bei Péter Esterházy an der falschen Adresse. Mit Ironie verquickt er Dinge, die zeitlich vielleicht weit auseinanderliegen. «Meine Mutter mochte mein Fußballbuch nicht, alles endete im Streit. Damals fing meine Mutter an zu altern.»
Abseitsregeln auf dem Sterbebett
Esterházys Ich-Erzähler unterhält sich fortwährend mit sich selbst. Die Stimme der Mutter – und durch sie wiederum der Fußball – ist dazwischen geschoben. Die Mutter spricht die Brutalitäten aus: «Mein Junge, auch du bist ein alternder Mann.» Sie weist den Sohn zurecht, wenn er sich wie das quengelnde Kind benimmt. Der Autor Esterházy ist respektlos, aber auch hoffnungslos höflich. Selbst dann, wenn er in den pornografischen Momentaufnahmen unbedingt anders sein möchte.
«Keine Kunst» ist die Beschreibung der zweiten Hälftedes 20. Jahrhunderts, und Esterházy ist, wie meistens, die Zweideutigkeit selbst – obwohl der Erzähler sich immer bemüht, sich «nicht zweideutig zu benehmen». Erzählt wird aus dreifacher Perspektive, derjenigen von Literatur und Kunst, derjenigen der handelnden Personen und derjenigen des Schriftstellers selbst. Esterházy ist der Regisseur, der das ganze Setting einrichtet und nicht will, dass man mit anhört, wie der Erzähler seiner Mutter auf dem Sterbebett die «Abseitsregeln» erklärt und wie er der wahren Geschichte vom Leiden und Sterben der Mutter eine erfundene hinterherschickt. Der Akteur Esterházy verrät (einige) seiner schriftstellerischen Tricks. Zum Beispiel, dass aus seinen jüngeren Brüdern in den Romanen meistens eine Schwester wird. Wo bleibt eigentlich mein eigenes Leben, fragt er, wenn der Autor gleichbedeutend mit seinem Werk ist?
«Keine Kunst» ist eine Geschichte über die Muttersprache, das Mutterland und über die Mutter des Ich-Erzählers. Ihre Geschichte läuft als Subtext mit, liebevoll, verschmitzt, das Privatleben auf- und wieder zudeckend. Er zeigt, was die Mutter als Arbeiterin in der Weberei durchlebte, als «Gnädigefrauwillsagengenossin». Die Weberei wurde 1990 von einer französischen Firma privatisiert. Und geschlossen. Die raubtierhafte Natur des Kapitals war den ehemaligen Genossen unbekannt. Nach Meinung des Erzählers «steckte immer noch ein Gran Menschlichkeit» im Sozialismus. Der Erzähler als Mittler zwischen den Welten, der vergangenen und der neuen, zwischen Tod und Champions League, blutleeren Fernsehserien, Kommunismus und Kapitalismus, erläutert die ungarischen Sitten in Zeiten sich verändernder Heiligenbildchen. Leninhielt sich seiner Einschätzung nach am besten, Engels’Leistung schwankte am meisten.
Wem Beckenbauer die Hand gibt
Das Buch ist ein Geschichts- und Geschichten- Patchwork mit kalten politischen und verdeckt anrührenden Vater- und Mutterbeschreibungen. Esterházy zeigt dasGesicht der Mutter, dem von Elisabeth II. ähnlich, zeigt ihre schönen Beine, die ineinander geschobenen Hände von Mutter und Sohn, zeigt eine gut riechende, geputzte Frau («meine Mutter in einem klassisch-christlich-adelige-Mitte-Dress»), die weder Mann noch Kinder noch Kirche so sehr liebte wie den Fußball und ihren Sohn nie vorher und nie nachher mehr bewunderte als in dem Augenblick, da ihm Franz Beckenbauer die Hand schüttelte. Der Vater interessierte sich nicht für Fußball, er liebte seine von Motten zerfressene Tweedjacke.
Auf der letzten Seite liegt die Frau, die behauptet, während der Geburt des Erzählers gelacht zu haben, die gern «malochte», im Sarg, und der Erzähler fragt sich, was das Beileid, der Anzug, die Kreuzzeichen eigentlich sollen. Da aber selbst Ronaldhinho ein Kreuz schlägt, wenn er ein Tor schießt, geht auch das in Ordnung: Das Spiel und das Leben der Mutter sind beendet. Ein amüsant-trauriges Buch für Liebhaber kniffliger familiär-politischer Angelegenheiten also, eine neue Esterháziana.
PÉTER ESTERHÁZY
Keine Kunst. Roman
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora.
Berlin Verlag, Berlin 2009. 253 S., 22 ¤