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Ausgabe 05/09
Netzkarte
Auf dem globalen Dorf

Wer genug hat von der großen weiten Welt, findet im Netz auch heimatliche Nestwärme – etwa auf www.myheimat.de

Wie ein globaler Detektor hält uns das Netz darüber auf dem Laufenden, ob irgendwo in China ein Sack Reis umfällt. Aber was, wenn eine Maultasche in Schwäbisch-Gmünd platzt? Dafür gibt es www.myheimat.de. Die Seite ist eine Plattform für alle deutschen Provinzblogger und damit ein Gegenprogramm zum Globalisierungsstress anderer Treffpunkte im Netz. «Auf www.myheimat.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht’s nicht!», heißt es zur Begrüßung. Während bei «Facebook» und ähnlichen Seiten ständig soziale Distinktion sich durch öffentliche Reiseberichte vollzieht («Philip ist gerade in Korea», «Daniel ist zurück aus Brasilien») ist www.myheimat.de frei von Jetset-Getue. Die myheimat.de-User bleiben daheim und finden das so gut, dass sie dauernd vom Daheimbleiben berichten. Hier wird einem nicht eingeredet, dass ein langweiliges Leben führe, wer nicht wöchentlich mit neuen Flugstrecken protzen kann.
Ob es um den Entwicklungsraum «Stadtmitte Thannhausen» geht, das Dorftheaterstück «Machos, Memmen & Mimosen» in Günzburg, ein Weißwurstfrühstück in Peine oder ein Wasserballturnier in Höver/Sehnde: myheimat.de sorgt für Infoflow unter den Zuhausegebliebenen aller Länder. Entscheidend ist, dass alles möglichst authentisch scheint: «Die Bürger selbst entdecken und zeigen sich gegenseitig auf myheimat.de, was die Region für sie lebenswert macht.» Die so angesprochenen «Menschen vor Ort» zahlen es zurück mit üppigen Berichten, jedes Kaff darf sich wie der Nabel der Welt fühlen. Befriedigt wird so das Bedürfnis nach einem überschaubaren Nahraum: Community-Building wie früher auf dem Marktplatz, mit dem Internet als Hilfsmittel. Man könnte auch gelebter Kommunitarismus dazu sagen: It takes a village...
Ohne dass es die ursprüngliche Intention wäre, ist myheimat.de wie gemacht für das Superwahlkampfjahr 2009. Denn nach nichts sehnt sich der wahlkämpfende Politiker so sehr wie danach, «nah dran» zu sein an «den Menschen da draußen» – jenem imaginären Kollektivsubjekt, das mit den Kampagnen angesprochen werden soll. Uman die entsprechenden Infos zu kommen, kann der Wahlkämpfer gewinnbringend diemyheimat-Seite anzapfen. Doch auch für alle anderen ist das Netz ein gutes Mittel, um die Nächsten (und nicht nur die Entfernten) kennenzulernen. «Schau, was deine Nachbarn so treiben. Lerne neue Nachbarn kennen. Finde Freizeitpartner in deiner Umgebung. Mache ein paar Nachbar-Klingelstreiche», so lockt www.nachbarn.de. Nur darf man natürlich bei alldem nicht glauben, dass nachbarschaftliche Nähe im Internet ein Garant für Love, Peace und Gemütlichkeit sei. Es gibt immer noch genügend unangenehme Nachrichten aus der Provinz. Der tägliche Blick auf die Meldungen der Polizeipresse-Seite (www.presseportal.de/polizeipresse) offenbart, dass keine Heimat vor Störenfrieden sicher ist. Auch in Zeiten der Vernetzung gilt: Jede noch so idyllische Scholle hat ihre dunkle Kehrseite.
ARAM LINTZEL




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