Suche 
 
 
Ausgabe 05/09
Hörbücher
Das Verbrechen ist überall
Filmstar-Morde im Berlin der dreißiger Jahre, Angst und Gewalt zwischen Hamburg und Pellworm, tote Mädchen in Schottland:
Drei Krimi-Hörbücher, die auf unterschiedliche Art unterhalten

Ein strafversetzter Kölner Kriminalbeamter bei der Berliner Mordkommission und eine Tweed und Brille tragende Schottin, die in Hamburg ermittelt – das klingt beides nicht sonderlich spektakulär, werden krimierfahrene Hörer einwenden und schon begehrlich nach dem Leichenfund auf den winterlichen Shetlandinseln schielen, den Ann Cleeves Hörbuch «Die Nacht der Raben» verspricht. Die Audio-Einrichtungen von Volker Kutschers Roman «Der stumme Tod» sowie von Robert Bracks Krimi «Und das Meer gab seine Toten wieder» haben jedoch einen besonderen Reiz, gerade wenn man sie im Zusammenhang hört. Beide spielen zu Beginn der 1930er Jahre, inszenieren Zeit, Ort und Situation jedoch auf denkbar unterschiedliche Weise. Das beginnt schon mit dem Soundtrack – den man sich zu diesen Lesungs-Aufnahmen allerdings dazu denken muss: Bei Kommissar Gereon Rath drehen sich Duke Ellington und Co. auf dem Plattenteller des Grammofons, während Robert Bracks Ermittlerin Jennifer Stevenson Detlev von Liliencrons schwermütig-makabres Abschiedsgedicht von den «Zwei Sensen» auf ihren Wattwanderungen nicht mehr los wird.
Aufgerauht und lakonisch klingt Reiner Schönes Lesestimme in der Aufnahme von «Der stumme Tod», als wäre er selbst mit dem Polizeibeamten Rath und dessen Journalistenkumpan Berthold Weinert im «Feuchten Dreieck» an der Theke versackt. Volker Kutschers Roman wurde für die Hörfassung um Gereon Raths Vor- und Privatleben verschlankt, so dass der Kommissar sich nun hauptsächlich auf die Frage konzentrieren kann, warum die Diven konkurrierender Filmstudios auf bizarre Weise sterben mussten. Zwischen verlassenen Kinos in Friedrichshain, Villen in Wannsee, dem Aschinger-Imbiss am Potsdamer Platz und dem Funkturmrestaurant nimmt die Geschichte quer durch Groß-Berlin Fahrt auf – nicht ohne in der Mordkommission am Alex immer wieder bürokratisch ausgebremst zu werden: Was Rath will, möchten seine Vorgesetzten noch lange nicht.
Nicht alles ist in dieser Geschichte logisch, anderes wiederum ein wenig vorhersehbar, doch die Mischung aus Fakten, phantastischem Filmmilieu und vertrauten Kriminalbeamtenklischees unterhält trotzdem bestens. Die historischen Details hat Kutscher voll im Griff, sowohl Neonröhren als auch chinesische Restaurants in Wilmersdorf waren in den dreißiger Jahren nachweislich vorhanden. Weniger perfekt sitzt dagegen die Sprache. Ob man etwa schon damals «durch den Wind» war und «Scheiße!» statt «Verdammt!» fluchte, ist mindestens fraglich. Zugeprostet hat man einander aber ganz sicher «gleichzeitig» und nicht etwa «zeitgleich».

Stochern im winterlichen Nebel
Das Krimi-Hörbuch «Und das Meer gab seine Toten wieder» zeigt ebenfalls das Innere eines Polizeiapparats. Statt mit bärbeißigen, aber loyalen Kollegen hat die ahnungslose Schottin Jenny Stevensones hier allerdings mit einem Sumpf aus politischen Intrigen, Angst und Gewalt zu tun, der schon dem Jahr 1933 entgegengärt, und gegenden sich die Berliner Filmstar-Morde geradezu gemütlich ausnehmen. Marlen Diekhoff leiht Jenny eine ruhige, introvertierte Erzählstimme, mit der sie vor der «International Association of Policewomen» tapfer, und zunehmend bedroht vom Stochern im winterlichen Nebel zwischen Hamburg und Pellworm, berichtet: Wieso wurde die Abteilung der weiblichen Polizei aufgelöst, nachdem im vorigen Sommer zwei Beamtinnen tot im Watt gefunden wurden? Welche Rolle spielt deren hungerstreikende Ex-Chefin, und für wen arbeiten Jennys Wachhunde Berta und Ernst? Nicht aufs Sehen, aufs Verstehen komme es an, meint ihre neue Bekannte Klara Schindler, eine extravagante kommunistische Journalistin. Gut reden hat sie, ihr ist schließlich nicht wie Jenny auch noch die Brille zerbrochen. Die bedrückende Geschichte kriecht einem leise in die Knochen, ihr liegt ein echter unaufgeklärter Fall zugrunde,den auch der Roman nicht komplett auflösen möchte. Zumindest privat sieht Jenny am Ende aber ganz klar.
Noch mehr Nebel bietet der preisgekrönte erste Teil von Ann Cleeves Shetland-Krimi-Trilogie, auf Deutsch unter dem Titel «Die Nacht der Raben» als prominent besetztes Hörspiel inszeniert. Ein Exemplar dieser potentiell sprachmächtigen Vogelart hockt denn auch bei dem Hauptverdächtigen zweier Mädchenmorde in der Küche, kippt aber enttäuschenderweise irgendwann einfach tot von der Stange, ohne mehr getan zu haben, als leise im Schlaf zu krächzen. Nun muss die Polizei kurz nach Neujahr allein herausfinden, ob zwischen der ermordeten 16-Jährigen und einer vor Jahren verschwundenen 8-Jährigen ein Zusammenhang besteht. Die Shetlands sind klein, doch eine erkleckliche Zahl Verdächtiger gibt es durchaus. Die als Bonus zum Hörbuch angekündigte «spannungsvolle Musik» entpuppt sich zwar als leicht nervtötend, die Auflösung des Falls aber als überraschend bodenständig und plausibel – gute Krimihausmannskost für eine mittlere Bahnfahrt.
ANNETTE ZERPNER

ROBERT BRACK
Und das Meer gab seine Toten
wieder

Gelesen von Marlen Diekhoff.
Hörbuch Hamburg, Hamburg 2009.
3 CDs, 218 Min., 19,95 ¤


VOLKER KUTSCHER
Der stumme Tod

Gelesen von Reiner Schöne.
Argon, Berlin 2009.
6 CDs, 398 Min., 24,95 ¤



ANN CLEEVES
Die Nacht der Raben

Mit Winnie Böwe, Ulrike Grote,
Felix von Manteuffel u.v.a.
Goya LIT, Hamburg 2009.
2 CDs, 150 Min., 14,95 ¤



Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Beethoven

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.