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Ausgabe 05/09
Was liest...
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Lutz Seiler
Lutz Seiler, geboren 1967 in Gera, lebt in Wilhelmshorst bei Potsdam und leitet dort das literarische Programm des Peter-Huchel-Hauses. Bekannt vor allem als Lyriker, gewann er 2007 mit der Erzählung «Turksib» den Ingeborg-Bachmann-Preis

Für die Arbeit an einer Erzählung, die bald fertig werden soll, habe ich gerade noch einmal «Die jungen Jahre» von J.M.Coetzee gelesen. Das Buch zeichnet auf nüchterne Weise das Psychogramm eines Mannes im Alter von Anfang zwanzig, der nach London kommt und versucht, eine Existenz als Schriftsteller zu begründen, sich zunächst aber als Programmierer bei IBM durchschlagen muss und außerdem eine akademische Arbeit über Ford Madox Ford schreibt. Der Stoff interessierte mich auch, weil mein Vater zur gleichen Zeit (sechziger Jahre) vom Textilmaschinenbau auf Kybernetik und die damals brandneue Industrie der Datenverarbeitung umgeschult worden war und Programme für eben jene allerersten häusergroßen Computer (man sagte noch Rechner) geschrieben hat, mit denen sich auch Coetzees Alter Ego herumquält. Die Programme wurden noch mit Bleistift und Radiergummi geschrieben und dann auf sogenannte Lochkarten übertragen, um sie lesbar zumachen für die Maschinen in den klimatisierten Kelleretagen der Datenverarbeitungszentren. An jedem Rechner arbeiteten mehrere sogenannte Bediener, die weiße Kittel trugen und denen es zukam, die Speicherplatten zu wechseln – jede Platte so kostbar wie Gold…
Coetzee hat seinen Text in ein hartes, kaltes, manchmal fast hölzern wirkendes Präsens gesetzt, das unmittelbar am Ablauf aller Irrtümer entlangführt, denen der junge Mann mangels Erfahrung unterliegt. Bewundernswert, wie es Coetzee gelingt, die stellenweise unerträgliche Ernsthaftigkeit seines Protagonisten ebenso ernsthaft vorzuführen. Auch die feine Ironie, die so erzeugt wird, ist tröstlich für jeden, der sich daran erinnern kann, in dieser Phase seines Lebens mit einem vergleichbaren Pathos den großen Themen (Frauen und Poesie) begegnet zu sein. Tröstlich auch, weil anders, ohne jene Überschüsse an Gefühl und Glauben, kein tragfähiger Anfang zustande kommt: Der Moment, in dem ein Gedicht als kostbarste, heiligste Sache der Welt angesehen werden konnte, bleibt in allen späteren Zeiten enthalten, als eine Art Glutkern im weiteren Umgang mit Literatur.
Eigentlich hatte ich «Die jungen Jahre» aus dem Regal gezogen, weil ich mich an schöne, nüchterne Beschreibungen von Alltagsabläufen (Speiseplan, Mietzahlungen, Jobs) erinnern konnte, blieb dann aber, wie so oft, an anderen Dingen hängen, zum Beispiel an (Coetzees?) Meinung über die Sprache im Gedicht: «Er hat selbst in der Schulzeit eine kurze Hopkins-Phase durchgemacht, während der er eine Menge betonter Einsilber in seine Verse packte und Wörter romantischen Ursprungs mied. Aber mit der Zeit hat er den Geschmack an Hopkins verloren, wie er jetzt dabei ist, den Geschmack an Shakespeare zu verlieren. Hopkins’ Verse sind zu voll gestopft mit Konsonanten, Shakespeares zu voll gestopft mit Metaphern. Hopkins und Shakespeare legen zu viel Wert auf ungewöhnliche Wörter, besonders altenglische Wörter: maw, reck, pelf. Er sieht nicht ein, weshalb Dichtung sich stets zu einer deklamatorischen Tonlage aufschwingen muß…» Die Überlegungen dieses verzweifelt um die eigene Autorschaft ringenden Jünglings, der Eliot und vor allem Pound verehrt und über Hopkins hinaus zu sein meint, riefen ein anderes Lieblingsbuch auf den Plan, zu dem ich jetzt – aus Zeitgründen (zuerst muss die Erzählung fertig werden!) – wirklich nicht hätte zurückkehren dürfen. Es handelte sich um «Die Geheimnislosigkeit. Ein Spazier- und Lesebuch» von Peter Waterhouse, der unter anderem die Lektüre- und Übersetzungsarbeit an Gerard Manley Hopkins’ «Journal» beschreibt. Das Lesen dieses Buches bedeutet, einem Dichter in der Landschaft nachzugehen und das wiederum heißt, mitzugehen in seiner Sprache. Selten habe ich ein Nachdenken (Nach-Gehen) über Landschaft und Literatur so Schritt für Schritt klug und erfrischend gefunden. Beschrieben wird eine Schule des Hörens und Sehens, es wird gezeigt, wie Sichtbarkeit und Hörbarkeit nicht gegeben sind, sondern erst durch das Gehen und Atmen in der Landschaft entstehen: «Schau in diese Blüte wie in einen geöffneten Radioapparat, den Fehler suchend. Felder suchend... pazierengehen = das Ohr anlegen.» Die Essays der «Geheimnislosigkeit» und die Gedichte von Peter Waterhouse gehören in ihrer besonderen, Sprache und Sprachgebrauch bedenkenden Anschauungsweise demselben Kraftfeld an. Ich denke vor allem an den frühen Gedichtband «Menz», der wundersame Texte enthält wie «Inneres Wien» und «Vogelbusch».
Nach dem Blättern in der «Geheimnislosigkeit» bin ich sicher, dass ich noch einmal darauf zurückkommen muss, wenn es darum gehen wird, Anregungen zu sammeln für den Versuch, etwas über Oskar Loerke (1884–1941) zu schreiben – ein beinah vergessener Berliner Autor, «Landschaftsdichter» (ein falsches Etikett) und über Jahrzehnte Lektor im S. Fischer Verlag. An Wochenenden fuhr Loerke oft nach Potsdam zu seinem Freund Hermann Kasack, der später, während der Gefangenschaft Peter Suhrkamps, die Geschäfte des Suhrkamp Verlags, vormals S. Fischer, in Obhut nahm und eine Potsdamer Filiale des Verlags in der damaligen Waisenstraße mitbegründete. Gestern kamen Loerkes «Tagebücher», ich hatte sie antiquarisch bestellt und wollte sie aufheben, für später (jetzt ist wirklich nicht die Zeit dafür), war dann aber doch zu neugierig – wenigstens einmal aufschlagen, dachte ich, und las.

J.M. COETZEE
Die jungen Jahre

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2004.
224 S., 9,90 ¤



PETER WATERHOUSE
Die Geheimnislosigkeit.
Ein Spazier- und Lesebuch

Residenz, Salzburg/Wien 1996.
253 S., 14 ¤



Menz. Gedichte
Droschl, Graz 1984. 99 S., 13 ¤



OSKAR LOERKE
Tagebücher 1903–1939

Hg. von Hermann Kasack.
Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1986
(antiquarisch erhältlich)



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