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Ausgabe 05/09
Literatur im Kino
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Grausam sind eher die normalen Kinder

Irgendwo in Stockholm lebt ein Mädchen von Blut und verliebt sich wider Willen. «So finster die Nacht» ist ein grandioser Vampirfilm – aber eigentlich ein Pubertäts-Drama

Das beklagenswerte Schicksal eines TEENAGER-VAMPIRS: Dieses Mädchen tötet, obwohl sie doch nur Liebe will

Vampire sind im Augenblick sehr gefragt, vor allem wenn sie so fürsorglich und schön sind wie jener Edward, den die Amerikanerin Stephanie Meyer – nachdem er ihr, wie sie stets betont, im Traum erschienen war – in die Bestsellerlisten schrieb.Edwards Liebesgeschichte mit dem Highschool- Mädchen Bella funktioniert auch deswegen so vortrefflich,weil er und seine Familie geläuterte Vampire sind, die Tier- statt Menschenblut trinken.Da kann nicht wirklich viel passieren, und so einen kann man ruhig heiraten. Ins Kino kam«Biss zum Morgen grauen» denn auch als langweilig netter Highschool-Film.
Ganz anders sieht die Verfilmung des schwedischen Vampir- Bestsellers «So finster die Nacht» aus, die jetzt als DVD erscheint. Da ist nichts nett und sonnig. Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson zeigt in großartigen und düsteren Aufnahmen nur Kälte und Schnee und Einsamkeit. Ein zwölfjähriger Einzelgänger, der von seinen Mitschülern gehänselt und gequält wird, lernt das seltsame neue Nachbarsmädchen kennen, das allein ist wie er, das barfuß im Schnee steht und nicht friert.Zwischen dem blonden Oscar und der dunklen Eli entwickelt sich eine scheue Freundschaft, der auch die Entdeckung ihres Geheimnisses nichts anhaben kann. Sie ist ein Vampir, der zum Überleben frisches Menschenblut braucht. Der Romanautor John Ajvide Lindquist hat auch das Drehbuch geschrieben, eine überzeugend gestraffte Kinoversion, in der die Vorgeschichte des Vampirmädchens Eli fehlt.Der Film konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen den beiden Kindern. Der eine ist ein Scheidungskind mit Rache- und Gewaltphantasien, die andere ist dazu verdammt zu morden.
Die Geschichte beginnt mit einer Autofahrt und einem Einzug. Ein Mann und ein Mädchen ziehen in die trostlos aussehende Stockholmer Vorortsiedlung Blackeberg. «Es ist kein natürlich gewachsener Ort, oh nein. Hier ist alles von Beginn an in Wohneinheiten eingeteilt gewesen.Die Leute durften in etwas einziehen, das es bereits gab. Erdfarbene Betonbauten, hingeworfen in die Vegetation.» Es ist Nacht, der Schnee liegt hoch. Alles scheint so normal, das Mädchen singt im Auto, der Mann freut sich. Seltsam nur die Fenster-Verdunkelung,die er sofort anbringt. Im Roman ist dieser Mann ein Pädophiler, der sein Leben und seine Liebe an den ewig kindlichen Vampir ohne Geschlecht gebunden hat – im Film ist er ein ältlicher Mann,der sich väterlich benimmt,aber seine Fürsorge nicht mehr erfüllen kann. Er macht Fehler, wird überrascht bei seinen Mordanschlägen, kann das nötige Blut nicht mehr besorgen. Wie ein Schlächter geht er vor, zieht einen Plastikmantel über seinen Anzug,bevor er das Opfer zum Ausbluten an einen Haken hängt.Vielleicht reist er schon lange mit dem Vampirmädchen herum, vielleicht war er einmal so jung wie der blonde Oscar, dem seine neue Freundin beibringt, sich zuwehren;die ihn am Ende rettet vor dem mitleidlosen, feigen Mordanschlag seiner Mitschüler; die ihn mitnimmt, wenn sie weiter zieht.
Dieser ungewöhnlicheHorrorfilmist vor allemein Jugenddrama. Zweimaßlos traurige Kinder finden einander.Weder Lehrer noch Eltern sind hier vertrauenswürdig und die Nachbarn nur hässliche Trunkenbolde. Es gibt ein paar Szenen, die dem Genre Tribut zollen, da spritzt Blut; aber zentral sind die traurigen Augen des Mädchens, das morden muss, obwohl es nicht will; das seine Opfer tötet, damit die nicht auch zuVampirenwerden. Ein stilsicherer Film, in dem allein der Kopf des blonden Jungen leuchtet, der Liebe undVertrauenentdeckt. Die beidenKinderdarsteller sind außergewöhnlich,dieKamera fängt die Leereund Bedrohlichkeit der Trabantenstadt ein, die Kälte scheint über allen menschlichenVerhältnissen zu liegen.Und dieGrausamkeiten der normalen Kinder sind abscheulicher als die Bluttaten des Vampirs.
MANUELA REICHART

So finster die Nacht
Schweden 2008, 114 Min.
Regie: Tomas Alfredson
Drehbuch: John Ajvide Lindquist
Mit Kare Hedebrant, Lina
Leandersson, Per Ragnar u.a.



JOHN AJVIDE LINDQIST
So finster die Nacht

Aus dem Schwedischen
von Paul Berf. Bastei Lübbe,
Bergisch Gladbach 2008.
648 S., 9,95 €



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