Mitten aus Reykjavik Mitten aus Reykjavik Reykjavik, am 7.Oktober 2008. Zwei der drei großen isländischen Banken sind kollabiert, die dritte schwankt bedrohlich. Das Telefon von Finanzminister Mathiesen klingelt. Es ist sein britischer Amtskollege Alistair Darling.
Mathiesen: Hier spricht Árni Mathiesen, der Finanzminister. Darling: Hallo, wir haben uns mal kennengelernt, vor ein paar Monaten… Wochen.
M: Nein, wir haben uns nicht kennengelernt. Sie haben den Wirtschaftsminister kennengelernt.
D: Achso, Entschuldigung.
M: Kein Problem.
D: Danke, dass Sie den Anruf angenommen haben. Wie Sie wissen, haben wir ein großes Problem mit Landsbanki…
Im weiteren Verlauf des Gesprächs, dessen Transkript vom isländischen Rundfunk veröffentlicht wurde, erkundigt sich Darling, was mit den vier Milliarden Pfund sei, die seine Landsleute bei der zahlungsunfähigen Landsbanki angelegt haben. Mathiesen schlägt vor, dass die britische und isländische Finanzaufsicht sich mit dem Problem befassen. Doch Darling will nicht delegieren. Er bohrt so lange nach, bis Mathiesen erklärt, dass er zwar nichts versprechen könne, aber hoffe, dass alles gut wird.
Am nächsten Morgen friert Darling alle isländischen Guthaben in Großbritannien ein und zieht dafür ein Gesetz zum Kampf gegen den Terrorismus heran. Dann fallen die zwei Länder, die zuvor beste Beziehungen unterhielten, verbal übereinander her. Die Briten wettern über die brandschatzenden Wikinger, die diesmal gleich das ganze Finanzsystem abgefackelt haben. Die Isländer sehen sich als die neuen Falkland-Inseln, ein Fleckchen Erde, das Großbritannien in bester Kolonialherrenart zum Sündenbock für eigene Probleme macht. Engländerinnen lassen sich mit «Bomb Iceland»-T-Shirts fotografieren, die Isländer gründen eine Facebook-Gruppe namens «Icelanders are NOT terrorists».
Zur selben Zeit fliegt Yoko Ono nach Island, um ihren Imagine Peace Tower einzuschalten, eine riesige Lichtsäule, die aus dem Wasser des Hafens aufstrahlt und den Nachthimmel von Reykjavik erleuchtet. Ein Symbol für den Weltfrieden sollte sie eigentlich sein, erinnert jetzt jedoch eher an ein Lichtschwert aus dem «Krieg der Sterne», mit dem die dunkle Seite des Geldes zu einem tödlichen Schlag auf das Land am Polarkreis ausholt.
Nun ist Frühling in Reykjavik. Yoko Onos Lichtsäule ist ausgeknipst, und auch in der Regierung sieht alles anders aus als im Herbst. Die Männer, die jahrelang von Posten zu Posten rückten, sind verschwunden: Finanzminister Mathiesen (Ex-Fischereiminister) hat ebenso aufgegeben wie Ministerpräsident Haarde (Ex-Finanz und Außenminister). Sogar Daví Oddson ist gegangen, der Notenbankchef (Ex-Außenminister und Ministerpräsident), der im letzten Herbst eine Bankenverstaatlichung nach der nächsten verkündete und dabei dem melancholischen Komiker-Bären Fozzie aus der «Muppet Show» immer ähnlicher geworden war.
Island wird übergangsweise von Jóhanna Sigurdardóttir geführt, einer Mittsechzigerin mit langem weißem Haar und rotem Lippenstift. Sie ist Sozialdemokratin, ehemalige Sozialministerin, und lebt mit einer Frau zusammen. In normalen Zeiten wäre eine lesbische Ministerpräsidentin – ähnlich wie geheizte Bürgersteige und die höchste Pro-Kopf-Anzahl an Buchveröffentlichungen – eine der netten Nachrichten gewesen, die beweisen, wie fortschrittlich Island ist. In dieser Krise jedoch sehen viele die bewusste Abkehr von den Kumpelklüngeln der rechtskonservativen Unabhängigkeitspartei, die den Ausflug in die Welt des Investmentbankings förderte. Der war nämlich eine exklusive Veranstaltung heterosexueller isländischer Männer, die den Jungs in NewYork und der City of London zeigen wollten, dass sie nicht nur Fische fangen konnten, sondern auch mit geliehenem Kapital Firmen kaufen. Natürlich war das riskant, doch was war das schonfür ein Risiko im Vergleich dazu, was die Vorfahren gewagt hatten? Die norwegischen Outlaws, die sich vor 1000 Jahren mit offenen Booten auf den Weg machten, um auf einer obskuren Insel langen Wintern und Vulkanausbrüchen zu trotzen, nur um ein Leben in Freiheit zu führen! Wenn man sich von Obrigkeiten reinreden lassen wollte, hätte man ja gleich in Norwegen bleiben können.
So wundert es nicht, dass in der Londoner Filiale des isländischen Konzerns Baugur, der sich innerhalb weniger Jahre ein Imperium an britischen Einzelhandelsketten zusammenkaufte, die Statue eines Wikingers stand. Mit Schwert in der Hand und einer E-Gitarre auf dem Rücken. Sicher hat Baugur-Chef Jón Ásgeir Jóhannesson in diesem Wikinger auch sich selbst und seine Mitstreiter gesehen. Männer, die um die Welt reisten. Alle unter den Tisch tranken und doch am nächsten Morgen wieder am Schreibtisch saßen, die nächste Firmenübernahme im Blick. Hohes Risiko. Schnelle Entscheidungen. Yacht in Miami.
Für diese Männer hat Island vorerst keine Verwendung mehr. Vielleicht melden sie sich ja beim Massachusetts Institute of Technology, wo der Zusammenhang zwischen Selbstüberschätzung, Gender und Anlageverhalten untersucht wird. In Island ist derweil nicht nur die Regierung in weiblicher Hand: Zwei der drei Pleitebanken werden von Frauen geführt, der Chef der dritten wird von zwei Frauen kontrolliert. Auch in anderen Bereichen werden Ideen laut, auf die die Finanzboys so schnell nicht gekommen wären. So sollen der Besuch bei Prostituierten für Freier unter Strafe gestellt und Strip-Bars wie der Club «Goldfinger» verboten werden. Doch das könnten auch nur letzte Amtshandlungen einer Übergangsregierung sein. Vielleicht ist Island, das erste Opfer der Finanzkrise, auch Vorreiter einer Feminisierung der Weltfinanz? In einem Jahr wird Josef Ackermann seinen Posten bei der Deutschen Bank räumen. Eine Nachfolgerin ist noch nicht gefunden.