Mittlere Wänste in mittleren Jahren Typologien zur Literatur (1): Der «Schriftsteller»
VON PETERLICHT (SCHRIFTSTELLER)
Der Schriftsteller lebt von seinem Scheitern. Davon legt er Akten an und führt darüber Buch. Er macht eine Kultur aus sich.
Die Produktion portioniert er und vertickt sie scheiblettenweise. Wir entcellophanieren sie und legen uns die Scheiblette auf die Zunge unserer Neugier. Wir lassen sie hintenrunterrutschen, wo sie dann ein Eigenleben führt in unseren Innereien. Oder die Scheiblette zergeht. Oder verlässt unverdaut das System. Wir wissen es nicht.
Der Schriftsteller legt eine Kultur an. Betrachtet man ihn als einen Wald, dann ritzt er überall die Bäume an und schraubt Kübelchen unter die Ritzen, damit die Kübel das Kautschuk seiner Depression fangen mögen oder das Harz der Vergeblichkeit oder der Melancholie. Oder was auch immer. Er läuft umher von Baum zu Baum und melkt dessen Ritzen, aus denen es, wenn es gut läuft, ständig quillt. Am Ende eines langen Tages steht er verklebt und verschmiert von seinem Schreibtisch auf. Und es ist ihm zäh. Das Harz klebt ihm den Arm an die Platte, und er muss daran zerren. Er hat sich oft gedreht und gewendet bei der Ernte im Wald. Es zogen sich Fäden, wenn die Tropfen die geritzte Rinde verließen. Und er griff tapsig dazwischen, an Händen und Armen das Harz. Denn geschickt ist er nicht, wenn es darum geht, eine unbezähmbare Substanz von einem Gefäß in ein anderes umzuschütten, ohne dass Tropfen und Schlieren danebengehen. Es bildet sich Schmier und Gekröse an allen Töpfen und Kübeln, die er fasst. Die Ärmel sind voll. Wie Dotter hat er Batzen im Bart. Und er kriegt das Harz nicht aus den Haaren, es gibt kein Shampoo, das das macht. Wir sehen einen wunderlich müffelnden Otter vorbeiziehen mit seiner Scheiblettenernte auf dem Handwagen. Er kaut verloren in Gedanken auf einem rundgelutschten Stück Gummi und nach jedem Biss schnellt ihm der Kiefer zurück. Aber es kommt drauf an.
Mitunter ist der Schriftsteller eine Schriftstellerin, und sie hat schon viel gesehen. Sie hat in vieles hineingelinst. Als ob alldas Schauen und Linsen ein Feedback ergäbe, so schaut alldas Schauen auf sie zurück, so scheint es. Und es ergibt sich dann am Ende ein Mehr, ein erhöhtes Maß an Ausschauen. Schlussendlich sieht sie super aus. Das ist auch angemessen, denn beim Setzen ihrer Schriften setzt sie eine neue Welt. Und diese Setzung ist aus sich heraus – wie jede Schöpfung – schön. Die Schriftstellerin fliegt also umher über ihre Blumenwiese und streicht den Pollen aus den Dolden. Sie trinkt mal aus diesem Kelch und mal aus jenem. Sie fliegt umher im Schwänzeltanz. Und im Gegenlicht schillern die Farben der Blüten ihres Reiches. Hat die Schriftstellerin erst einmal die Waben gefüllt mit dem süßen Zeugs, dann geht die Sache richtig los, und es sieht super aus, wenn sie die Zentrifuge ihres gesellschaftlichen Auftrages anwirft und die Waben sich vom Honig entleeren. Sie füllt ihn in die Gläser und radelt los, um auf dem Markt einen Preis zu erzielen. Dort sieht sie den müffelnden Scheiblettenotter, der ebenfalls der Preise wegen mit seinen Scheibletten daherkommt. Die beiden halten ein Profischwätzchen. Und egal, wie es mit den Preisen gelaufen ist, ziehen der Schriftsteller und die Schriftstellerin danach total frustriert und erschöpft ihrer Wege. («Ohje.») Denn das Schlimmste, was einem Schriftsteller passieren kann, ist die Begegnung mit einem anderen Schriftsteller. So was ist furchtbar. Im Herzen mögen sie sich ja. Aber sie wissen beide, in welchem Schlamassel der andere so steckt. Und der eigene Schlamassel reicht. «Oh je», denkt sich die Schriftstellerin, denkt sie über den Schriftsteller. «Oh je», denkt sich der Schriftsteller, denkt er über die Schriftstellerin.
Ist der Kontakt mit einem normalen Menschen aus der Menschenhorde eine Zumutung, so ist die Begegnung mit einem anderen Schriftsteller ein Angriff. («Ich lösche dich aus mit meinem Ritzengequill!») («Ich zentrifugiere dich!») Der Schriftsteller ist kein Teil der Horde. Er gehört nicht dazu. Sitzt lieber in einer seiner Baumkronen auf Hockposten und guckt und schreibt sich seinen Teil. Mit jedem Wort schreibt er sich einen Zentimeter weg von den Menschen, und nach einem ganzen Roman oder einer Trilogie sogar bemerkt man von ihmnur noch ein fernes Winken am Ende des Feldes oder ein schmales Zwitschern. Eine Autobiografie später dann ist er verschwunden.
Er leidet ein Schriftsteller die Begegnung mit einem Normalmenschen, so ist das nicht angenehm für ihn. Denn die Begegnung mit irgendeinem Menschen oder gesellschaftlichen Phänomen oder «Thema» zwingt ihn reflexhaft dazu, eine Haltung einzunehmen. Insofern ist der Schriftsteller einem Turner oder Bodybuilder ähnlich. Der Schriftsteller läuft durch sein Leben und denkt bei allem und jedem, was ihm über den Weg läuft, «mjam mjam mjam, Arbeit». Feierabend gibt es für den Schriftsteller erst, wenn die Haltung sich wieder aufgelöst hat. Da ist er auf Hilfe angewiesen. Und so steht hinter jedem großen Schriftsteller immer ein starker Chiropraktiker. Trifft ein Schriftsteller einen Normalmenschen, stülpt er sich diesem ein. Macht sich dessen Eigenleben zu eigen und pflückt sich wie die Kirschen im Sommer dessen Existenz vom Baume, dessen Gestalt, Charakter oder Neurosen. Schlendert durch ihn hindurch und nimmt sich, was er für seinen Plot braucht. Man hat ihn versehentlich im Kaufhaus eingeschlossen. Und wenn er dort schon die Nacht verbringen muss, stolpert er eben runter in die Delikatessabteilung, um zu schauen, was da so rumliegt. Mjammjammjam. Wir schauen auf der Schreiber mittlere Wänste in mittleren Jahren.