Melancholisch in Turku VON FRAUKE MEYER-GOSAU Sind es die tollen Namen: Aapeli Raantamo, Kai-Peteri Hämäläinen, Salme Salonen? Oder ist es das Bunte und Naturnahe – rote, blaue und gelbe Holzhäuschen an besonnten Schären, in deren Rücken ein dunkler Tann dräut? Wahrscheinlich ist es genau dies, was die Leser zu den skandinavischen Krimis zieht: dass hinter all dem strahlend Hellen immer schon das Düstere wartet – Melancholie. Noch ist der erste Mord nicht geschehen, da weht bereits ein Hauch abgründiger Weltkenntnis durch die Seiten, breitet sich ein Gefühl allgemeiner Leidenserfahrung aus, das den Schritt selbst des hartnäckigsten Verbrecherjägers um entscheidende Sekunden zu verlangsamen vermag. Das ihn andererseits umso wacher, flinker, einfallsreicher macht, weil er aus eigenem Erleben weiß, wie sich das anfühlt: unverdientes, wie über den Einzelnen verhängtes Unheil. Das will er bannen, dazu ist er da. Und natürlich, der Melancholiker weiß es, glückt das nicht. Schwarz also ist die Grundfarbe, und der erst siebenunddreißigjährige Jan Costin Wagner ist ein Meister dieser Dunkelmalerei. Schon der Anfang seines dritten Finnland-Krimis Im Winter der Löwen (Eichborn Berlin, Frankfurt a.M. 2009. 288 S., 17,95 ¤) lässt daran keinen Zweifel. Es ist der Nachmittag des Weihnachtsabends, alle bereiten sich aufs Fest vor oder sind längst im Urlaub, auch die Polizeidirektion im finnischen Turku wirkt verödet. Nur Kommissar Kimmo Joentaa tut freiwillig Dienst. Erst hört er ein bisschen Radio und arbeitet Liegengebliebenes auf, dann geht er hinunter in die dunkle Kantine, um zwischen rotgolden geschmücktem Baum und Getränkeautomaten Kekse zu knabbern.Was soll er hier? Was aber sollte er, andererseits, zu Hause?
Seine Frau ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben, seither verbringt Kimmo Weihnachten allein, ausgerüstet mit einer Flasche Wodka und einer Tüte Milch. Nicht dass er dies Arrangement als depressiv empfände. Es ist für ihn, den die Erinnerung an das Sterben seiner Frau nicht verlässt, ganz normal: Kimmo ist Melancholiker. Doch diesmal kommt es anders. Zuerst nämlich taucht eine junge Frau auf: blond, klein, langhaarig und schmal, ihr Gesicht ist geschwollen. Eine Vergewaltigung will sie anzeigen und gibt an, dem Vergewaltiger die Nase gebrochen zu haben. Kimmo nimmt die Anzeige auf. Statt dabei allerdings den Namen des Opfers zu erfahren, erhält er therapeutischen Rat zur Bekämpfung seiner Verklemmtheit. «Sie müssen lernen, Ihre Sexualität anzuerkennen und auszuleben», sagt die Blonde. «Am besten, Sie fangen mit einem Film an. Einem pornografischen Film.Glauben Sie mir, das hilft. Möglicherweise liegt die Sache allerdings anders: Sie müssen daran arbeiten, Ihren Konsum pornografischer Filme drastisch zu reduzieren. – Eins von beidem, entweder oder.» Die Frau ist Prostituierte, also vom Fach. Dass es aber auch ohne Filme geht, ja, dass Joentaa Weihnachten in diesem Jahr nicht allein verbringen wird, er gibt sich noch am selben Abend, als sie vor seiner Haustür erscheint. «Ist Ihre Frau da?», will sie wissen. Und nachdem der Kommissar dies verneint und in der Küche rasch vier Schnäpse gekippt hat, verkehrt sie kurzerhand die Rollen von Opfer und Ermittler: «Irgendwas stimmt mit Ihnen ganz und gar nicht, und ich habe große Lust herauszufinden, was das ist.» Während diese Weihnachts-Überraschung vor sich geht, ist der Leser allerdings bereits auf der Fährte einer zweiten Namenlosen. Nach zwei Morden sowie einem Mordversuch, nach Ablauf der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr, wird der behutsame und sympathisierende Blick des Autors ins Innere dieser Unbekannten mit den zunehmend fieberhaft zusammengetragenen Erkenntnissen der Ermittler in Übereinstimmung gebracht: Dann weiß der Leser schließlich, wer die Morde begangen hat. Und, vor allem, warum.
All dies wird in schnellen Szenenwechseln, im Pingpong knapper Dialoge und mithilfe einprägsam skizzierter Charaktere erzählt. Die Aufklärung führt zu einem Mann, der nach authentischen Fotos Leichen-Puppen für Spielfilme anfertigt, und von dort weiter in die Halb-Wirklichkeit der Talkshows. Die Sendung, um die es geht, heißt «Die Herren des Todes», und weil diese, ein Gerichtsmediziner und der Leichenbauer, an dem Abend so überaus gut aufgelegt waren, wurde dort enorm viel gelacht; außer von einer, die zufällig im Publikum saß.Was nun Szene um Szene zutage kommt, ist eine Welt zerstörter Beziehungen, der Beschädigungen und der Verrohung. Es geht um die alltägliche Auslöschung von Mitgefühl, ja, von Gefühlen überhaupt.
In einem Kriminalroman derart mit innerer Ver- und Zerstörung umzugehen, dass die physische Auslöschung fast zwangsläufig erscheint, ist eine eigene Kunst. Mit kurzem Aufblenden nur fällt hier Licht auf gekappte Lebensstränge. Und dass dieser Prozess der Aufhellung weit spannender ist als noch so ausgeklügelte Mordtaten, liegt wiederum am Erzähler: Er öffnet den Blick ins Innere von Täter und Opfer.Doch auch diejenigen, die im kriminalistischen Sinne weder der einen noch der anderen Kategorie angehören, stehen schließlich als solche da, die unschwer beides werden könnten – das ist die Lehre der Melancholie. Wenn dann die Nacht des 1. Januar fällt, alle Taten aufgeklärt, Opfer und Täter in Sicherheit gebracht sind und die Frau, die sich Larissa nennt, wiederum zu ihrem Kommissar nach Hause kommt, meint man, den perfekten Nordland-Krimi gelesen zu haben: lakonisch, eindringlich, mit dem bekannten, seltsam tröstlichen Dunkelton. Doch fehlt im Buch jeglicher Hinweis auf einen Übersetzer, und die Recherche ergibt: Das skandinavische Meisterstück stammt von einem deutschen Autor – aus Offenbach.