Deutscher Export Hollywood macht aus Bernhard Schlinks Weltbestseller «Der Vorleser» einen nostalgischen Film VON DANIEL KOTHENSCHULTE
Literarische Erfolge sind wie die von Kinofilmen unvorhersehbar. Sobald sie sich aber einmal eingestellt haben, hat plötzlich jeder in der Branche eine Erklärung parat. Bernhard Schlinks Roman «Der Vorleser» (1995) wurde in 39 Sprachen übersetzt und erreichte als erstes Buch aus Deutschland den Spitzenplatz der «NewYork Times»-Bestsellerliste: ein Wunder.Und doch vielleicht: kein Wunder, dass diesem Werk das Wunder gelang. Schlink bearbeitet ein Thema der deutschen Geschichte, das nicht aufhört, die Welt zu interessieren: den Holocaust und den späteren Umgang mit den Tätern.Wie stellt man sich aus juristischer,moralischer
oder einfach mitmenschlicher Sicht die Sühne für solche Taten vor? Der fiktive Fall aus der Erinnerung eines Protagonisten wird aufgerollt – in einer einfachen, über weite Strecken geradezu unpersönlichen Sprache, ja, das Buch könnte aus einer fremden Sprache ins Deutsche übersetzt worden sein; und ebenso Widerstandslos mag es sich wiederum ins Englische gefügt haben.
Sujet und Form stünden einem Erfolg also kaum im Weg. Unverwechselbar aber wird das Buch durch einen Kniff, der es von den meisten Fiktionalisierungen
der Shoa unterscheidet. Vielleicht ist dies der entscheidende Faktor: Es gibt keine Opfer perspektive, aber auch die Täterin offenbart sich nicht. Aus einem guten
melodramatischen Grund, der sich erst spät erschließt, aber sehr früh erahnen lässt, schweigt sie vor Gericht, obwohl die näheren Umstände ihre Strafe mildern könnten – ganz so, wie man es aus Kriminalromanen kennt. Erzählt wird das Buch stattdessen pikanterweise aus der Sicht eines Mannes, der die Frau in Unkenntnis ihres ihres Verbrechens in positiver Erinnerung behalten hat,wegen früher erotischer Begegnungen.
«Kulturpornografie» nannte der Kritiker Jeremy Adler dieses Verfahren in der «Süddeutschen Zeitung».Ob dies zutrifft, sei dahingestellt; in die Sprache der Filmproduzenten übertragen, heißt es schlicht: Sex sells. Vom erotischen Element einmal abgesehen, ähnelt diese Erfolgsgeschichte einem der wenigen jüngeren Export-Erfolge des deutschen Films: «Das Leben der anderen» betrachtet die DDR-Geschichte an einem fiktiven, aber exemplarischen Fall und stellt Fragen nach dem gesellschaftlichen Umgang mit der Schuld der Täter.
Man muss die Verfilmung von «Der Vorleser» im Zusammenhang mit diesem Oscar- Gewinner von 2007 verstehen. Der inzwischen verstorbene Hollywood- Produzent Sydney Pollack hatte sich als Erster
für ein Hollywood-Remake des Stasi-Dramas eingesetzt. Dazu kam es nicht, stattdessen produzierte er die Filmversion von «Der Vorleser».Das Drehbuch gab er beim bekannten britischen Dramatiker David Hare in Auftrag, die Regie übernahm dessen Landsmann Stephen Daldry, der mit Hare schon beim Oscar-Gewinner «The Hours» zusammenarbeitete.
Bernhard Schlinks faktenorientierter, linearer Erzählstil stellt einer Verfilmung keine Widerstände entgegen.Der Protagonist beschreibt seine Beziehung zu der Frau, die ihm in mancherlei Hinsicht die Unschuld raubte, wie einen Erinnerungsfilm, den er sich oft genug angesehen hat, um eine geradezu klinische Distanz dazu zu entwickeln.Über die Bilder, die ihm von dieser Frau namens Hanna geblieben sind, sagt der Erzähler einmal: «Ich habe sie gespeichert, kann sie auf eine innere Leinwand projizieren und auf ihr betrachten, unverändert, unverbraucht.» Der Film, der zu diesen Sätzen passen würde, wäre nüchtern wie ein Dokumentarfilm,
vielleicht lückenhaft und knapp geschnitten, aber in jedem Moment gestochen scharf.
Stephen Daldry hat ihn nicht gedreht. Sein Drama ist das genaue Gegenteil. Es ist elegisch, geradezu übersättigt von Filmmusik, und natürlich ist es in jenen warmen und manchmal etwas bräunlichen Bildern gehalten,mit denen uns das Kino oft die Vergangenheit ans Herz legt. Eine leere, höchst befremdliche Nostalgie entwickelt
dieser Film, die bemüht ist, alles Exemplarische und Symbolische des Plots zu glätten. Doch gerade diese Schauwerte machen die Fiktion noch irrealer. Jede Nebenfigur dieses Hollywoodfilms ist mit deutschen Stars besetzt, man erlebt eine Nummernrevue mit Bruno Ganz, Jürgen Tarrach,Hannah Herzsprung, Fabian Busch,Alexandra Maria Lara.
Vorn an der Rampe stehen ein unterforderter Ralph Fiennes und eine stark geforderte Kate Winslet – die aber bei aller Ausstrahlung nicht vermitteln kann,wie eine allein in Ordnungssystemen denkende, fremdbestimmte Frau eine derartige sexuelle Aktivität entwickeln könnte. Schlinks Erzähler konnte man das wegen dessen Teenagersicht ganz einfach glauben. Das ist der Unterschied zwischen Filmund Literatur:Während sich der Roman auf die individuelle Färbung einer Faszination
zurückziehen kann, verlangt der Film nach einer Objektivierbarkeit.Doch statt in die Geschichte hineingezogen zu werden, wächst die Distanz. Unfreiwillig wird das
literarische Konstrukt entlarvt.
Der Vorleser USA, Deutschland 2008. 123 Min.
Regie: Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
Musik: Nico Muhly
Mit Kate Winslet, Ralph Fiennes,
Bruno Ganz, Hannah Herzsprung,
Alexandra Maria Lara u.a.
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BERNHARD SCHLINK
Der Vorleser. Roman
Diogenes TB, Zürich 2000.
206 S., 14,90 €