Maniküre à la Hussein VON FRAUKE MEYER-GOSAU
Wien, Paris, Rom, Berlin, New York, Stockholm, Athen, Venedig, Istanbul und so weiter– wer Kriminalromane liest, profitiert gleich dreifach. Er bekommt es mit Vorkommnissen zu tun, die (üblicherweise jedenfalls, hoffentlich) außerhalb seines eigenen Erfahrungsbereichs liegen. Er kann seinen Kopf ein bisschen anstrengen, um schon vor der Auflösung des Geschehens durch den Autor herauszufinden, wer da wen auf welche Weise hingemacht hat. Schließlich aber kann er sich,ohne einen einzigen Schritt zu tun, an Orten von einigem Nimbus aufhalten,mit denen sich angenehme Erinnerungen verbinden oder in die er lesend zum ersten Mal eintaucht: Die Kriminalliteratur ist eine Variante der Reiseliteratur unserer Tage.
Was den Gazastreifen angeht, dürfte die touristische Anziehungskraft sich allerdings in Grenzen halten. «Als Omar Jussuf den Grenzübergang erreichte, schwirrten die Fliegen aus den überschwemmten Toiletten und stürzten sich auf ihn. Doch der Schmutz in den Latrinen lockte die meisten bald wieder zurück, nur eine kleine summende Eskorte umkreiste ihn,während er schwitzend Richtung Gaza ging.»Mit dem Gestank, dem Dreck und der Hitze wird es in Ein Grab in Gaza von Matt Beynon Rees (aus dem Englischen von Klaus Modick .C.H.Beck, München 2009.352 Seiten,18,90€) nicht sein Bewenden haben.Ein mehrere Tage anhaltender Sandsturm kommt noch hinzu, er reizt Augen, Nasen und Lungen, und wenn Schüsse fallen, wird der Grund dafür auch nicht alle weil so harmlos sein, wie es der Polizeichef von Bethlehem einem schwedischen UNO-Inspekteur erklärt: «Gewehrfeuer ist die Musik der Palästinenser.»
Der Roman kommt ziemlich schnell zur Sache. Innerhalb der ersten 30 Seiten hat man die erste Leiche passiert,weiß über die Rivalitäten zwischen dem palästinensischen Militärischen Nachrichtendienst und der sogenannten Eingreiftruppe Bescheid und ist zudem von einem Mitglied des Revolutionsrates darüber informiert worden, dass «Gaza eigentlich ein Polizeistaat werden (sollte), aber herausgekommen ist eine Bananenrepublik». Korruption, hemmungslose Bereicherung, Waffenschmuggel und Folter gehören dazu; eine der beliebtesten Methoden ist die «Maniküre à laHussein», bei der nach den Fingernägeln genüsslich ein Fingerglied nach dem anderen abgetrennt wird. Menschenleben sind auf diesem Stück Land nur Manövriermasse in den innerpalästinensischen Machtkämpfen.
Harter Tobak also. Mit allgemeinmenschlichen Freundlichkeiten hält sich Matt Rees,der als Journalist in Jerusalem lebt und sein Geld mit politischer Berichterstattung verdient, nicht auf. Wer das Buch noch vor dem Beginn der jüngsten israelischen Aktionen gegen die Hamas gelesen hätte, wäre durch die Krimi-Lektüre daher bestens informiert gewesen: über die unterirdischen Tunnel zwischen Gaza und dem ägyptischen Grenzgebiet, über die Herstellung, Lagerung wie die Reichweite von Kassam-Raketen sowie über den palästinensischen Wunsch, sich mit einer stärkeren Rakete auszurüsten, um direkt auf Jerusalem anlegen zu können. Auch über die aussichtslose Lage der nach wie vor mit behelfsmäßigen Mitteln dahinvegetierenden Bevölkerung besteht ebenso wenig Zweifel wie über die feige bis gleichgültige Haltung des Westens.
Die Geschichte beginnt übersichtlich:Ein palästinensischer Lehrer und Universitätsdozent wird von Sicherheitskräften verschleppt, eingekerkert und gefoltert. OmarYussuf, Direktor einer Bethlehemer UNO Schule, und sein schwedischer Vorgesetzter versuchen mit Unterstützung des UNO-Sicherheitsbeauftragen für Gaza, eines Schotten, den Vorgang aufzuklären. Dabei stören sie einen ganzen Bienenschwarm tötungsbereiter Politkrimineller auf, die es überdies immer auch aufeinander abgesehen haben; einer der drei Detektive wider Willen wird die Aktion nicht überleben.
«In Gaza ist nichts,wie es zu sein scheint. Die Wahrheit liegt tief unter der Oberfläche.Man kann nicht abschätzen,wie tief das ist, aber mit Sicherheit wirst du auf weitere Opfer und mehr Verbrechen stoßen» – so der Polizeichef. Genau dies ist denn auch der Gang der Roman- Dinge. In dem Matt Rees einen Geschichtslehrer zur Hauptfigur macht, der in seiner Jugend wegen politischer Aktivitäten im Gefängnis gesessen hat, erfährt man wie nebenbei auch noch einiges über dieGeschichte Palästinas, bis zurück zum I.Weltkrieg und zur englischen Besatzung des Territoriums.
Die Hauptsache bleibt natürlich die Aufklärung des halbstaatlichen Verbrechens. Aber die Unterrichtung über die Verhältnisse im Gazastreifen ist,wie sich zeigt, davon nicht zu trennen. So nimmt «Ein Grab in Gaza» schließlich zugleich die zentrale Aufgabe der Reiseliteratur früherer Jahrhunderte wahr: eine fakten unterfütterte Einführung in eine exotische Welt zu geben, die man, bequem zurückgelehnt im Lesesessel, nicht ohne Schaudern sieht.