Ein Fan von Thomas Mann Love and Hate im Internet: In die digitale Kuschelecke Facebook verziehen sich heimlich sogar die Mitglieder neuerer Hass-Portale
Während die globale politische Agenda in den letzten Jahren von Krieg und Terrorismus bestimmt war, hat sich im globalen Netz eine ausgesprochen friedfertige Kuschelkultur ausgebreitet. So besteht die Funktion der beliebten Plattform www.facebook.com in nichts anderem, als täglich neue Freunde zu sammeln – nur, umdiesen dann die eigenen Fan-Vorlieben mitzuteilen («Martin ist jetzt ein Fan von Thomas Mann») oder ihnen Nettigkeiten an die virtuelle Pinnwand zu schreiben. Erstaunlich übrigens, wer da so alles mitmacht – selbst der ausgewiesene Kulturpessimist und Handy-Gegner Giorgio Agambenist Facebook-Mitglied, ebenso der linke Philosoph Jacques Rancière.
Gleichwohl provoziert dieses Wohlfühl-Ambiente und inflationäre Anfreunden Gegenwehr. Die Seite www.hatebook.org ist deren deutlichster Ausdruck. Hatebook folgt demparadoxen Motto «Everybody loves to hate» und versteht sich als ein «antisoziales Programm», das seine Mitglieder von den Hassobjekten dieser Welt «disconnected». Wenn Facebook dazu dient, soziales Kapital – das heißt: Freunde und Beziehungen – anzuhäufen, dann ist Hatebook in diesem Sinne eine Kapitalvernichtungsmaschine. Wer die Aufforderung ernst nimmt, sein «Hate-Profile» zu «pimpen», also aufzumotzen, und die Felder «Books I hate» oder «Interests that suck» ausfüllt, der, so könnte man sagen, kappt mit diesen konkreten Negationen bewusst die Verbindungen ans produktive Netzwerk der Medien, Märkte und Meinungen. Da macht es auch nichts, dass hier wie bei so vielen Web 2.0-Phänomenen die Frage, wie ernst oder ironisch das alles gemeint ist, meist unentscheidbar bleibt.
Man darf also ständig neue «Haters» kennenlernen, wobei die Kontaktaufnahme abwertend «Stalking» genannt wird. Und statt der gemütlichen Facebook-Gruppen werden so genannte «Hass-Clans» gebildet. Einer heißt zum Beispiel «I hate postmodernism». So lassen sich dann Hassfreundschaften mit Leuten wie «Trellis Beast» oder «dada20» pflegen. Auf deren «Hateboards» sindwichtige Informationen wie die zu lesen, dass «Weddingprofile pics suck!» oder dass Leute, die laut kauen, hassenswert sind. Einer fühlt sich sogar in den Meta-Hass getrieben und schreibt: «I hate people who don’t hate enough.»
Damit das alles für die realeWelt nicht folgenlos bleibt, gibt es eine integrierte Google-Karte, auf der man Co-Hasser aus der eigenen Nachbarschaft finden kann. Doch statt andere «Sucker» in der Eckkneipe zu treffen, werden die Hatebook-User wahrscheinlich lieber auf Facebook sozial kuscheln. Denn dieser Verdacht liegt auf der Hand: Hatebook ist der Giftcontainer, in den man seine Aggressionen füllt, um anschließend anderswo, von negativen Gefühlen ungestört, wieder effizient neue Freunde machen zu können. ARAM LINTZEL