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| Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur |
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Was liest ... |
Antonia S. Byatt Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Ich liege im Bett und bin umgeben von Bücherhaufen. Ich beginne mit den Kunstbüchern. Ich habe Jackie Wullschlagers glänzende neue Chagall-Biografie besprochen. Das Aufregende daran sind nicht nur die Anmerkungen der Biografin zu Chagalls Werk, sondern auch die Geschichten aus dem alten Europa und Amerika vor dem Ersten Weltkrieg bis 1984–das Jahr, in dem der Maler hoch in den Neunzigern starb. Wullschlager ist eine ausgezeichnete Kunstkritikerin, sie hat aber auch eine ideenreiche Biografie über Hans Christian Andersen geschrieben. Außerdem lese ich «British Vision», den Katalog zu einer offenbar wundervollen Ausstellung in Gent über britische Malerei und Fotografie von 1750 bis 1950. Darin wird die Kunst der Beobachtung in Beziehung gesetzt zur Kunst des Ausmalens neuer Welten. Nebenbei habe ich Michael Frieds Buch «Why Photography Matters as Art as Never Before» zu lesen begonnen – und daraus eine Idee für eine Kurzgeschichte über einen Fotografen gewonnen, über die ich nachdenke. Überdies wurde mir ein interessantes Buch von Eric Karpeles zugeschickt, «Paintings in Proust». Der Autor hat alle Gemälde identifiziert, die Proust in «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» erwähnt. Ich blättere darin mit großem Vergnügen. Für meine Liste der besten Bücher des Jahres habe ich zwei Romane wiedergelesen. Michelle de Kretsers elegantes Buch «The Lost Dog» gibt ein leichtfüßiges und doch einprägsames Bild vom Leben im heutigen Australien – jeder Satzmacht nachdenklich, ohne Beschwer. Der Roman gefiel mir so gut, dass ich auch ein früheres Buch dieser Autorin las, «Der Fall Hamilton», das genauso glänzend geschrieben ist, aber zur Kolonialzeit in Ceylon spielt und stilistisch und thematisch ganz anders wirkt als das australische Buch. Die britische Presse hat Nadeem Aslams Roman aus dem modernen Afghanistan, «The Wasted Vigil», nicht gut aufgenommen. Es ist ein schrecklich freudloses, aber doch farben- und detailreiches Buch voller Verständnis für die störrische Dickköpfigkeit der Menschen, für ihren verrückten Glauben und ihre hilflose Zärtlichkeit. In meinen Augen ist Aslam ein bedeutender Autor. Sein Buch bleibt mir im Gedächtnis. JedenAbend lese ich im Bett ein Buch auf Deutsch, mit Wörterbuch. Ich komme allmählich zurechtmit der deutschen Sprache, und sie macht mir großes Vergnügen. In der Schule hatte ich (schlechten) Deutsch-Unterricht; dem möchte ich nun abhelfen; ich erkunde die Literatur und das Denken der Deutschen. Stefan Zweigs «Meistererzählungen» und seinen Roman «Ungeduld des Herzens» lese ich mit Vergnügen, auch «Schachnovelle» ist großartig. Nach «Die Welt von gestern» habe ich auch Oliver Matuscheks Zweig-Biografie gelesen, mit großem Interesse. Und außerdem lese ich wieder einmal Thomas Mann, zum Teil für einen Vortrag vor einer neu gegründeten Deutsch-Englischen Kulturgesellschaft. Ich möchte dort über «Die Entstehung des Doktor Faustus» sprechen, denn dieser Text fasziniert mich seit langem als Bericht eines Schriftstellers über das Schreiben. Ich benütze ihn als Argument dafür, dass wir heute der Biografie von Autoren zuviel Aufmerksamkeit schenken, statt die Werke zu lesen, für die sie gelebt haben. Für diese Problematik ist Thomas Mann eine zentrale Beweisfigur. Was genau bedeutet der Untertitel: «Roman eines Romans»? Außerdem habe ich «Doktor Faustus» wiedergelesen, «Der Tod in Venedig» und «Tonio Kröger» (mein allererstes deutsches Buch). Demnächst kommt Nietzsches «Die Geburt der Tragödie» aufs Neue dran. Ich habe gerade einen umfangreichen Roman beendet, und jetzt schmökere ich herum, um Ideen für den nächsten zu sammeln. Eine Idee ist ein Roman über frühe Psychoanalytiker. Daher habe ich Peter Gays «Freud. Eine Biographie für unsere Zeit» neugelesen, dazu das eine und andere von Freud selbst. Die andere Idee, die ich hatte, kreist um die Surrealisten – ich hatte in einemg ewaltigen Buch von Werner Spies Max Ernst entdeckt – und um zwei Engländerinnen, um die Autorin und Malerin Leonora Carrington und um Eileen Agar, die gleichfalls mit der surrealistischen Bewegung verbunden war. Und das handliche Taschenbuch von Gallimard über Surrealismus trage ich mit mir herum. Der Roman,den ich gerade abgeschlossen habe, handelt von Keramiken, Ärztinnen, Märchen, dem Ersten Weltkrieg, der sozialistischen Fabian Society und der City von London. Eine ganze Bibliothek über diese Themen habe ich jetzt in Kisten weggepackt. Ich war entzückt, als ich in «Die Entstehung des Doktor Faustus» las, dass Thomas Mann das Gleiche getan hat. Das alles verdanke ich Amazon, das sich als glorreiche Katastrophe erweist. Denn inzwischen ist mein Haus mit Büchern zugepflastert, sogar auf dem Fußboden und auf der Treppe. (Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)
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