Anschwellende Bedrohungsgeräusche Drei Dichter verschiedenen Alters und unterschiedlicher dichterischer Statur: Ernst Toller, Anton Tschechow, Max Frisch Immer wieder beim Hören treten die Portraits der Verfasser vors innere Auge. Ernst, in sich gekehrt, in eher grobkörnigen Fotos, die die Schwarz-Weiß-Kontraste verstärken: Ernst Toller, ein entschlossener Asket. Anton Tschechow dagegen als junger Mann mit vollem Haar, einem sinnlichen, ruhigen Blick auf die Welt. Und Max Frisch, schon alt, als er «Montauk» schreibt: leicht ironische, skeptische Augen blicken auf die in großen Hornbrillengläsern gespiegelte Welt.
Ernst Tollers «Eine Jugend in Deutschland» ist ein Zeit-Dokument ersten Ranges. Knapp, in einer kurztaktigen Berichts-Prosa, wird das Schicksal einer rebellischen Generation beschrieben. Sie kommt aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in revolutionären Aufständen will sie eine neue Republik schaffen. Und wird zum Opfer einer reaktionären Justiz. Drakonisch wird Toller bestraft, Anhänger der Monarchie vollstrecken das Strafbedürfnis des parlamentarischen Staates; hier sind schon die Totengräber der Weimarer Demokratie am Werk. Im Stil Tollers, seiner zeugnishaften, wenig reflexiven Sprache liegt allerdings schon das ganze Problem dieser Hörspielfassung: Sie schwankt zwischen Dramatisierung und Zurücknahme. Steven Scharf als Erzähler spart sich jedes Durchglühen des Textes, damit auch jedes falsche Pathos; nur wird der Vortrag dabei leider ziemlich trocken. Dem helfen auch die szenischen Momente nicht auf, die sich wie kleine Filmsequenzen in den Erzählertext hinein öffnen. Viel zu oft wird er durch rhythmische Elemente, anschwellende Bedrohungsgeräusche und Ähnliches untermalt – Spannungsmittel, die am Ende zur Ermüdung führen. Oder, fragt man sich, ist uns Toller vielleicht doch ferner, als die akustischen Stilmittel suggerieren sollen? Ein junger Autor von einst enormer Wirkung, dessen Werk heute bestenfalls Dokument ist?
Ein Artist, der zeigt, was er kann
Wie anders da Tschechow! Gewiss, die Heiligen Dichter haben Vorschuss-Rabatt; dabei sind Tschechows frühe Erzählungen Auftragsarbeiten, rastlos geschrieben, um die eigene Familie vor dem Bankrott zu retten. Doch ist hier alles schon da, was sich später entfalten wird. Nein, richtiger: hier ist es entfaltet – und später wird es lapidarer, reduzierter. Dadurch entstehen die unvergleichlichen Text-Zwischenräume: Gar nicht viel passiert, und doch geschieht Ungeheures. Am ehesten kann man diesen Tschechow-Sound schon in «Späte Blumen» hören: eine junge Schwindsüchtige, die vergeblich liebt, ein Arzt, der stark und erfolgreich ist, dem aber der Erfolg schal wird, eine Flucht in den Süden, viel zu spät, die doch die einzigen Momente von Sinn und Glück ermöglicht. Frank Arnold als Vorleser begreift, dass diese frühen Erzählungen Kraft, farbiges Detail, manchmal satirisch überspitzte Modulationen brauchen. Der Autor ist hier noch hörbar in seinen Figuren, ein Artist, der das, was er kann, ohne Hemmungen ausstellt.
Brüchige Statur des Dichters
Noch einmal anders schließlich «Montauk», ein Buch, geladen mit Gedanken, Erinnerungen und einer niemals sentimental werdenden Melancholie: nach innen gewandte Selbstversicherung. «Montauk» hat ein «On» – die verhaltene Liebesgeschichte des damals 61-jährigen Max Frisch mit einer sehr viel jüngeren Frau. Und es hat ein «Off» – die Ergründung des schon gelebten Lebens. Erinnerungen werden wachgerufen an Ehen und Lieben, an die Liebe mit Ingeborg Bachmann etwa; Schilderungen von Freundschaften oder Häusern gehören dazu. Frischs zwischen Besitzer-Stolz und Bescheidenheit schwankendes Verhältnis zum Geld wird beschrieben, in seiner hilflosen Komik – eine Passage, die ganze Abhandlungen über protestantische Ethik ersetzen könnte. Dies Vergangene ist das Zentrum des Buches. Dessen anrührender Gestus folgt dem Versuch des Autors, mit einer jungen Frau zusammenzusein, ohne das Versagen und die rissig gewordene Oberfläche des alten Mannes zu verdecken. Diese Brüchigkeit der Statur des Dichters ist Schwäche und Offenheit zugleich.
Kann man daraus ein gutes Hörbuch machen? Ja, man kann. Ein sehr gutes sogar, vielleicht eines der besten in letzter Zeit. Felix von Manteuffel horcht dem Text dessen Eigenschaften genau ab, die verschiedenen Schichten des Selbstgesprächs, denen er je eigene Töne gibt. Auf den ersten Blick ist das Buch vielleicht spröde, bei von Manteuffel aber verstärkt sich die reflexive Ruhe in dessen Mitte. Das denkende Versammeln seines Lebens gibt dem Schreibenden etwas zurück: sich selbst, so bruchstückhaft die Erinnerungen auch sein mögen. Ein Selbstgewinn durch Konzentration, der sich auch des Vorlesers bemächtigt.
BERNHARD GLEIM