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Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur
Literatur im Kino
Drei unwürdige Greise
Jan Schütte variiert Isaac B. Singers Erzählungen über «Späte Liebe»: «Bis später, Max!»

Alter schützt vor Liebe nicht und nicht vor Begehren und nicht vor Eifersucht. Die langjährige Freundin des betagten New Yorker Schriftstellers Max Cohn vermutet deswegen hinter jeder Begegnung mit einer unbekannten Frau eine Affäre, hinter jeder Stunde, die er unbeaufsichtigt verbringt, einen Fehltritt. Sie macht Szenen, wirft den Hörer auf die Gabel, ist gekränkt und kündigt die Liebe auf. Und sie hat nicht Unrecht. Der Mann hat tatsächlich Affären. Dass das nicht mehr allzu oft möglich ist, empfindet er als eine Last, die er gerne abschütteln würde. Er hat die 80 überschritten, ist ziemlich vergesslich, und sein größter Alptraum besteht darin, nie mehr Sex haben zu können.
Im Vorwort zu seinem Erzählungsband «Old Love» schrieb Isaac B. Singer vormehr als vier Jahrzehnten, was heute literarisch höchst zeitgemäß klingt: «In der Literatur sind alte Menschen und ihre Gefühle vernachlässigt worden. Die Romanschriftsteller haben uns niemals gesagt, dass in der Liebe, wie auf anderen Gebieten, die Jungen erst Anfänger sind und dass die Kunst des Liebens mit dem Alter und mit der Erfahrung reift.»
In den drei Geschichten, die die Vorlage bilden für «Bis später, Max!», den neuen Filmvon Jan Schütte, variiert der 1991 in Florida gestorbene Literaturnobelpreisträger immer wieder das Liebesthema. Da trifft der alte Autor während einer Vortragsreise eine Frau, mit der er vor vielen Jahren eine Affäre hatte und verbringt wieder eine Nacht mit ihr. Ein anderer alter Mann macht Ferien in Florida und begegnet dort einer abstoßenden, aber willigen Frau, die ihm vorkommt wie die Strafe für seine schlüpfrigen Wünsche. Ein dritter Hochbetagter erlebt an einem Nachmittag die Hoffnung auf ein neues Glück, die jedoch gleich wieder zerstört wird. Der Alte lebt allein, er ist reich, er hat Angst, entführt zu werden, er weiß nicht mehr, wozu er lebt. Und doch: «Das Gehirn weigerte sich, das Alter zu akzeptieren. Wie in seiner Jugend pulste es noch von Leidenschaften. Oft sagte Harry zu seinem Gehirn: ‹Sei nicht dumm. Es ist für alles zu spät. Es gibt nichts mehr zu hoffen. ›Aber das Gehirn war so beschaffen, dass es dennoch fortfuhr zu hoffen. Wer hatte das gesagt: Der Mensch nimmt seine Hoffnungen mit ins Grab?»
Regisseur Jan Schütte, der ein ebenso persönliches wie kenntnisreiches Nachwort zur Neuausgabe des Buches geschrieben hat, verbindet die drei Geschichten im Film dramaturgisch geschickt miteinander, variiert Themen und Motive. Er hält sich nicht sklavisch an die literarische Vorlage, setzt sie vielmehr im Geiste Singers um ins andere Medium. Er überhöht an einigen Stellen, fügt Figuren und Szenen ein, die es so bei Singer nicht gibt – bleibt aber stets eindrucksvoll in der Logik, der Empfindungswelt, ja, selbst im Erzähl-Rhythmus des bewunderten Schriftstellers.
Den alten Autor und die beiden greisen Männer-Figuren,die er sich ausdenkt, spielt der wunderbare Otto Tausig. Tausig, 1922 in Wien geboren, trifft nicht nur den Ton des Emigranten, der ein ewig Verlorener inder amerikanischen Welt geblieben ist, auch wenn er dort schon sein halbes Leben verbracht hat; vor allem ist er, auch als Hochbetagter, ein Mann, dem man die virilen Möglichkeiten ebenso glaubt wie seine kindischen Anfälle von Hilflosigkeit und Vergesslichkeit.
Im alten Mann steckt noch der junge, in seinem müden Gesicht erkennt man die Spuren vergangener Vitalität; und im Autor stecken dessen Figuren. Jan Schütte (der mit Tausig schon 1993 in seinem Film «Auf Wiedersehen Amerika» gearbeitet hat) lässt dem Schauspieler viel Freiheit. Man schaut voller Vergnügen und Staunen einem eindrucksvollen und sensiblen Menschendarsteller bei der Arbeit zu – schöne Kino-Augenblicke.
Zu sehen ist in diesem berührenden, ebenso komischen wie melancholischen Film auch die amerikanische Schauspielerin Barbara Hershey. Sie sieht zwar viel schöner aus als ihr unattraktives literarisches Vorbild,und doch verkörpert sie die desillusionierte, in die Jahre gekommene Wissenschaftlerin perfekt: «Sie sah sowohl jung aus wie gealtert, als ob sie gerade einer schweren Krankheit oder einer Krise entronnen sei.» Sie will nichts mehr von der Liebe wissen, hat stattdessen ihre Leidenschaft für Marihuana entdeckt – und verbringt trotzdem die Nacht mit ihrem alten Liebhaber. Die Liebe ist in jedem Alter voller Widersprüche.
MANUELA REICHART




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