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Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur
Mitten aus…
Mitten aus London
VON DAVID FLUSFEDER

So aufgeregt hatte ich meinen Verleger seit Jahren nicht erlebt – zumindest nicht seit einem Gespräch über Feuerwerke, das wir gemeinsam mit einem mir befreundeten Pyrotechniker führten, dem wir bei der Herstellung von Sprengmitteln hatten assistieren dürfen, aber das ist eine andere Geschichte. Mein Verleger war gerade dabei, ein neues Buch herauszubringen, das sein Herz und seine Phantasie vollkommen erobert hatte. Es kommt ja nur selten vor, dass ein Autor nicht missvergnügt reagiert, wenn sein Verleger seine Aufmerksamkeit und Begeisterung jemand anderem schenkt, aber diesmal war es noch schlimmer als sonst. Das fragliche Buch trägt den Titel «Me Cheeta» und gibt sich als Autobiografie des Schimpansen, der durch Johnny Weissmullers «Tarzan»-Filme seinerzeit zum Star wurde.
Verleger sind wie Film-Produzenten: Sie fahren ab auf prägnante Konzept-Ideen. Wenn man ein Buch in einem Satz – oder weniger – zusammenfassen kann, dann kann man es auch den eigenen Vertretern schmackhaft machen. Diese wiederum können es ganz leicht den Buchhändlern einreden, die ihrerseits das Käuferpublikum betören können.
«Me Cheeta» sei «eine komische, bewegende und schonungslos ehrliche Autobiografie», behauptet der Pressetext in vollem Ernst. Das Buch beruht auf der Idee, dass der 75-jährige Cheeta seinen Lebensabend in Palm Springs verbringt und auf die Höhen und Tiefen seiner Karriere zurückblickt – samt all den Hollywood-Typen, mit denen er zu tun bekam. Cheeta hat eine Reihe von Entziehungskuren für seine diversen Süchte hinter sich, er vertreibt sich die Zeit mit Hobby-Malerei, und er hat einige ultra-scharfe Dinge zu sagen. Rex Harrison war «ein rundum verachteter, impotenter Alkoholiker». Über Marlene Dietrich sagt er: «Wenn sie eine ‹gute Deutsche› war, dann müssen die bösen Deutschen eine absolut entsetzliche Scheiße gewesen sein.» Sie verstehen, worum es geht. Fetzen des alten Hollywood-Babylon-Klatsches werden im Recycling-Verfahren wiedergekäut und neu erzählt im charmant-bissigen und äußerst kultivierten Tonfall des verrückten und verkommenen ehemaligen Star-Schimpansen.
Als mein Verleger das Buch aus seiner Tasche zog und am Esstisch alles beiseite räumte, um es mir gebührend zu zeigen, da gefiel mir der Band viel besser, als ich je hätte zugeben mögen. Stattdessen hielt ich an meinem hochmütigen Urteil fest, wonach «Me Cheeta» nur ein weiteres Indiz für die Apokalypse sei, die uns unmittelbar bevorsteht. Aber im Stillen war mir dieses Buch gar nicht so zuwider. Die meisten Bücher auf den britischen Bestsellerlisten sind entweder Promi-Memoiren, geschrieben von einem Ghostwriter, oder so genannte Romane aus der Feder von Schauspielerinnen oder Models, aber gleichfalls geschrieben von Ghostwritern – wobei die Autorinnen kaum je behaupten würden, sie hätten ihre Bücher auch nur gelesen, geschweige denn selbst geschrieben.Von Naomi Campbell beispielsweise erschien vor einigen Jahren ein solcher Roman, und das frühere Oben-ohne-Model Jordan scheint alle paar Monate einen neuen Bestseller unter ihrem Markennamen herauszubringen. Das britische Lese publikum giert über dies nach Erniedrigungsgeschichten, nach Memoiren vom Typus «Schau, wie viel ich gelitten habe», mit denen Dave Pelzer, der Pionier dieser Gattung, solchen Erfolg hat. Die pseudo-romantische Prämisse dieser Gattung liegt in der Annahme, dass erlittenes Ungemach einen irgendwie veredelt, womöglich gar heroisiert. Es ist das Erfolgsrezept von «Me Cheeta», dass es jeden Geschmack dieser Art befriedigt.
Mein Verleger packte das Buch sorgfältig wieder in seine Tasche. In der Zwischenzeit hatte sich das Gespräch der Dinner-Gäste rund um uns – zumeist Verleger und Agenten – einem anderen Thema zugewandt und war zwangsläufig bei der neuesten Fortsetzung der Russell-Brand-Story gelandet. Russell Brand ist ein Comedian und Dandy, ein Satyr, Ex-Junkie und Schauspieler, dessen mehr oder weniger ghostwriter-freie Memoiren mit dem Titel «My Booky-Wook» im Vorjahr eine Bestseller-Sensationwaren. Erst kürzlich hatte Brand seine Radio-Show bei BBC nach einem öffentlichen Skandal aufgeben müssen, nachdem er und ein anderer Radio-Moderator halb-pornografische Botschaften auf dem Telefon-Beantworter des Schauspielers Andrew Sachs hinterlassen hatten, eines Darstellers, der für seine Rolle eines glücklosen spanischen Kellners in einer TV-Serie der achtziger Jahre zu einiger Bekanntheit gelangt war. Einige dieser Botschaften waren offenbar zu obszön und wurden aus der Radio-Sendung herausgeschnitten.Aber auch die verbliebenen Texte waren eher unangenehm und beleidigend und zielten weniger auf das Vergnügen des Publikums als auf die Befriedigung des abseitigen Humors der beiden Scherzbolde.
Es gab zunächst nur zwei Hörer, die aktiv protestierten. Aber binnen einiger Wochen stieg die Zahl der Beschwerdeführer auf 30.000 – denn inzwischen hatte die Zeitung «Daily Mail» eine Kampagne der gerechten Empörung angezettelt und war darin vom Büro des Premierministers unterstützt worden, der die Gelegenheit gerne ergriff, von seinen eigenen peinlichen Pleiten abzulenken.
Alle am Tisch waren sich vollkommen einig darüber, dass es ungezogen sei, 78-jährige Charakter-Darsteller öffentlich zu beleidigen. Dann steuerte die Konversation ein anderes Thema an, als eine Agentin ihr neues E-Book-Lesegerät herausholte und stolz herumzeigte. Offenbar ist das die Zukunft. Ich habe zwar noch nie jemanden außer Verlegern und Agenten mit einem solchen Lesegerät angetroffen, aber diese Leute sind von Gimmicks entzückt und tun jetzt so, als glaubten sie daran, dass die Zukunft von «contentdelivery» – früher altmodischerweise «Lesen» genannt – eher bei diesen handlichen Computer-Bildschirmen liegt als bei gedruckten Seiten aus Papier, die zu etwas zusammengebunden wurden, das, wie sich ältere Leser vielleicht noch erinnern können, einst «Buch» genannt wurde.

Nur dass Sie, selbst wenn Sie es wollten, weder «My Booky-Wook» noch «Me Cheeta» im E-Format kaufen können. Jedenfalls noch nicht. (Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)




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