Parker in der Büchse der Pandora VON FRANZ SCHUH Man vergisst ja so vieles, und in meiner Eigenschaft als Kolumnist für Kriminalromane habe ich im Laufe der Zeit vergessen, warum ich solche Bücher überhaupt lese. Meine Standardantwort, selbst schon unbedachte Routine, lautet: Weil ich dieser Gattung dankbar bin. In meiner Kindheit und Jugend ging es eintönig zu, und was hilft mehr gegen die Monotonie als Suspense?
Das ist wahr, aber es benennt nur die Oberfläche. Ich lese Kriminalromane nicht, weil ich die Jagd und das Gejagtwerden mag. Schon gar nicht lese ich Kriminalromane, weil ich wissen möchte, wer der Täter ist. Ich bin ein relativ behüteter Mensch, selbst nicht sonderlich auf der Hut. Aber ich hatte mein Leben lang den Verdacht, dass es nicht nur Gründe gibt, die man denken und aus denen man handeln kann. Es gibt auch Abgründe, die einem weder Zeit noch Kraft lassen, um nachzudenken. Die Notwendigkeit, etwas zu tun, gerät am Abgrund in ein Dilemma: Welchen Schritt kann ich noch tun? Es wird eng, und die Frage dieser Enge hat mich mein Leben lang theoretisch und leider oft auch praktisch beschäftigt.
Der Kriminalroman ist ein Botschafter dieser Enge. Die Gattung diszipliniert ihre Autoren, Metaphern für die Enge zu finden, und die besten Autorinnen und Autoren schreiben sich so in die Köpfe der Leser ein, dass man, wenn’s für einen im Leben eng wird, von vorn herein weiß, was los ist. Der langen Rede kurzer Sinn: «Fragen Sie den Papagei» von Richard Stark (Zsolnay, 16,90¤) ist ein Buch, das mich stark daran erinnert, warum ich so etwas überhaupt lese. Bei Richard Stark, der imso genannten wirklichen Leben Donald E.Westlake heißt, kommt zum Engwerden etwas dazu, das dazugehört, wenn es auch nicht immer dabei auftritt: Humor. Gewiss, «Humor» ist eines der missverständlichsten Wörter der Weltgeschichte (auch weil man glaubt, es habe was mit Oliver Pocher zu tun), aber ich weiß keines, mit dem ich besser beschreiben könnte, warum ich angesichts des Schluss-Satzes in ein fürchterliches Gelächter ausbrach: «Parker fragte sich,wie weit er wohl kommen würde.»
Nein, nicht Parker selbst steht infrage: Der weiß, dass er so weit kommen wird, wie er kommen möchte. Es geht um einen anderen, der ein Stück des Weges mit dem Berufsverbrecher Parker gegangen ist. Dieser Mitläufer hat sich furchtbar angestrengt, sodass es ein Witz wäre, wenn er, was jedoch wahrscheinlich ist, nicht davon käme. Und dies ist eine der Definitionen von Humor: Humor ist ein produktiver Zustand des Verstandes und des Gefühls, in dem der Mensch es so gut wie nur möglich aushält, dass er keine Ahnung hat, ob er davonkommen wird oder nicht. Ob ihn die Enge zermalmt oder nicht.
Die zwei Grundsituationen der Ausweglosigkeit sind für mich einerseits die Erstarrung (und das Durchdrehen, die Panik als die in sich rasende Erstarrung) und andererseits die Flucht. Dieser harte Bursche Parker ist auf der Flucht, welcher der Verlag ein Wort von John Banville zum Geleit mitgibt: «Parker ist der ultimative Profi, ein Maschinenmensch ohne Background, ohne Posen und ohne Gefühle und trotz allem eine merkwürdig anrührende Figur.»
Das merkwürdig Anrührende solcher Figuren kommt nachmeiner Meinung vom gekränkten Narzissmus der Individuen im späten Kapitalismus: Alle aufgerieben in den Konkurrenzkämpfen, gequält von den Rivalitäten und niedergeschlagen im Lebenslauf, bereits das Ende in Sicht. Auf diesem Humus wächst der empfindungslose Held, eine Maschine – genau wie die Geräte, die im wirklichen Leben am meisten zu reüssieren scheinen. Der Aberglaube dieser späten Welt lautet, dass «der Profi» allein und allein «der Profi» durchkommt. Die Ethik der Professionalisierung ersetzt die Ethik. Als ein zeitweiliger Kumpel (Parker kennt keine anderen) fragt, ob eine großzügige Handlung Parkers auf Ganovenehre beruhe, antwortet der: «Nein, ichmeine, ein Profi ist ein Profi.»
Es sind explizit zwei klassische Motive, mit denen derAutor Stark Parkers Durchmarsch durch den Roman beschreibt: Das eine ist Poes «Entwendeter Brief», der bekanntlich in keinem Versteck zu finden ist, weil er dort liegt, wo ihn keiner sucht, nämlich offen bei den anderen Briefen. Parkerwirkt in der Suchmannschaft mit, die hinter zwei Bankräubern her ist: Der eine heißt Parker. Das zweite Motiv ist die Büchse der Pandora. Ein gewisser Tom Lindahl – er ist der von mir schon zitierte Kumpel Parkers –, ein ziemlich feiger Mensch, versucht den Profi- Verbrecher für eigene Absichten einzuspannen; er macht ihn sozusagen zu seinem Rückgrat. Aber das gibt Lindahl bald zu denken: «Es war schwer, mit den Ereignissen Schritt zu halten, seit er die Büchse der Pandora geöffnet hatte», also seit er Parker «auf der Flucht vor den Hunden den Hügel hinaufsteigen sehen und beschlossen hatte, ihn nicht der Polizei auszuliefern, sondern zu benutzen. Dieser aus dem Augenblick, aus Frustration und Selbstverachtung geborene Entschluss hatte nicht enden wollende Konsequenzen…»
Parker mag alles sein, aber eines ist er nicht: ein Segen für die Menschheit. Genial zieht er das Unglück an, an dem die anderen zugrunde gehen. Lindahl besitzt einen Papagei, der geht auch zugrunde, kurz bevor er sprechen lernt. Davor war er sprachlos, und Parker, wieder einmal mit einer Frage konfrontiert, konnte ruhig antworten: «Fragen Sie den Papagei.»