GESCHICHTE Auch zum 150. Geburtstag ist Wilhelm II. noch umstritten: Er gilt als «Nemesis der Weltgeschichte» – oder bloß als früher Medienstar
Als Annie Oakley an einem frostigen Novembertag des Jahres 1889 zum Revolver griff, geschah etwas Unerwartetes. Aus beträchtlicher Entfernung konnte die Kunstschützin die Asche von der Zigarre schießen, die einem Adjutanten (gewöhnlich war das ihr Ehemann) im Mundwinkel steckte. Als weiblicher Wilhelm Tell und Mitglied von «Buffalo Bill’s Wild-West-Show» hatte Annie damit schon inhalb Europa Furore gemacht, unter anderem unter den Augen der englischen Königin. Dieses Mal, in Berlin, stellte sich überraschend ein Freiwilliger aus dem Publikum zur Verfügung: Der Mann trug einen exzentrisch gezwirbelten Schnurrbart und war Wilhelm II., Queen Victorias Enkel und seit einem JahrKaiser von Deutschland. Dass Annie auch dieses Mal bloß die Zigarre traf, tat ihr später leid. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schickte siedem Kaiser einen Brief, indem sie ihre Zielsicherheit bedauerte.
Hätte die Geschichtsschreibung von dieser Revolverheldin aus Cincinnati Notiz genommen, sie hätte ihr wohl Recht gegeben. Beide Weltkriege und überhaupt die europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts galten lange Zeit als zwangsläufige Konsequenz von preußischem Militarismus und wilhelminischem Größenwahn. Als Adolf Hitlers Bruder im Geiste schien der Kaiser den von dem Historiker Fritz Fischer 1961 so genannten «Griff nach derWeltmacht» vorbereitet zu haben.
Das persönliche Regiment
So sieht es noch heute auch der britischdeutsche Historiker John C.G. Röhl, der nicht weniger als 30 Jahre an seiner monumentalen Wilhelm- Biografie gearbeitet hat (das ist Geschichtsschreibung in Echtzeit, denn genauso lang hielt auch der Kaiser seinen Thron besetzt). Nun liegt der 1600-seitige dritte und abschließende Teil vor: «Der Weg in den Abgrund». Von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde, hat Röhl darin das Leben des Kaisers durch die Auswertung noch der letzten Depesche rekonstruiert.
So ausladend aber die Materialfülle, so steil die These. Röhl behauptet, dass die fatalen Entscheidungen der jeweils amtierenden Reichskanzler vo mKaiser erzwungen wurden. Wilhelm II., der aufgrund einer verunglückten Zangengeburt unter einem unbrauchbaren linken Armlitt, sei von Kindauf zu martialischer Männlichkeit erzogen worden. Burenkrieg, Boxer-Aufstand, Russisch- Japanischer Krieg, «Daily-Telegraph»-Krise, Bau einer waffenstarrenden Flotte, koloniales Weltmachtstreben: durch sein «persönliches Regiment» habe der Kaiser sein Volk unerbittlich in den Krieg manövriert.
Röhl ist seinem Protagonisten über die Jahre so nahegekommen, dass ihm dieser zum überlebensgroßen Feind, zur «Nemesis der Weltgeschichte» wurde. Dass der Historiker diese These somaterialreich belegen kann, liegt auch daran, dass Wilhelm II. ein ausgesprochener Reisekaiser war. Über 200 Tage des Jahres verbrachte er außerhalb seines Hofes. Und wenn er nicht gerade in seiner Frühlingsresidenz auf Korfu, beim Segeln auf der Kieler Woche oder auf Kreuzfahrt ins so genannte Nordland unterwegs war (im Polarmeer ergötzte Wilhelm sich am Ewigkeitssymbol der niemals untergehenden Mitternachtssonne), dann bereiste er mit dem Zug das Reich: Noch im letzten deutschen Winkel galt es, Werften einzuweihen und Denkmäler zu enthüllen; überall hielt der zum Kettenrasseln neigende Kaiser Reden, aus denen der Historiker nun zitiert. Dabei argumentierte Wilhelm II. so widersprüchlich, dass sich ein konstantes Programm kaum heraushören lässt. «Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern» – auch dieser Satz könnte vom Kaiser sein. Röhl hält sich vor alleman diskreditierende Passagen. Doch er verwechselt Repräsentationspolitik mit Machtpolitik und die Ikone einer Epoche mit der Epoche selbst.
15 Uniformen am Tag
Röhls These, dass im Weltkrieg einfach die Macht vom Kaiser auf die Generäle überging, wird nun von verschiedener Seite angezweifelt. Am überzeugendsten derzeit von Christopher Clark, der als Brite nicht im Verdacht steht, dem deutschen Monarchen aus nationalistischer Verbundenheit zur Seite zu springen. Clarks ebenfalls detailreiche, wenn auch nicht ins Grenzenlose wuchernde Biografie zeigt den Kaiser in seinen verschiedenen – auch aggressiven – Posen. Der Historiker zeigt aber, wie eingeschränkt die politische Macht des Regenten im Tagesgeschäft tatsächlich war. Dass «‹Wilhelm II.› – genau wie ‹Preußen› – zum Synonym für die Irrungen Deutschlands auf seinem Weg in die Moderne» geworden war, scheint auch dem «ernüchterten Umfeld Nachkriegsdeutschlands» geschuldet zu sein.
Dass Wilhelm überhaupt zu einer derartigen Ikone werden konnte, sieht Clark in dessen virtuosem Umgang mit den neuen Massenmedien begründet. Angesichts dessen, dass der Kaiser sogar mit Werbung (für Zigaretten und, nur folgerichtig, Pillen gegen Mundgeruch) Geld verdiente, ist dem nur zuzustimmen: Wilhelm II. war, und das bereits im 19. Jahrhundert, einer der ersten Medienstars – und ist in dieser Hinsicht den Schaustellern Annie Oakley und Buffalo Bill vergleichbar, deren Konterfeis nicht bloß in den Vereinigten Staaten bereits massenhaft zirkulierten. Mehr als fünfzehnmal am Tag wechselte der Kaiser, trotz seiner körperlichen Behinderung, die Uniformen, die er oft bis auf den letzten Knopf selbst entworfen hatte. Er liebte die Maskerade und begriff mit der Intelligenz eines Schauspielers, dass man bei Filmaufnahmen nie in die Kamera schauen sollte.
Seine große Popularität setzte Wilhelm II. zur Förderung der Wissenschaften und Künste ein: Die spätere Max-Planck-Gesellschaft verdankt sich seiner Unterstützung, und die berühmtesten Maler und Komponisten konnten sich der Toleranz des Kaisers auch dann sicher sein, wenn ihre Kunst seinem Geschmack nicht behagte. Dass Wilhelm zur kulturellen Blüte der nach ihm benannten Epoche beigetragen hat – diese Einschätzung ist längst Common Sense.
Eberhard Straub, ein freischaffender Historiker und Journalist, will es dabei aber nicht belassen. Im Unterschied zu der ausgewogenen Analyse Christopher Clarks betreibt er eine polemische Ehrenrettung des letzten deutschen Kaisers. Schon das Äußere des Titels signalisiert den revisionistischen Impetus des Autors: weißer Umschlag, schwarze und rote Lettern, schwarz und rot auch die beiden Lesebändchen– dieses Buch zeigt Flagge, schon bevor der Leser es aufgeschlagen hat. Auchargumentativ stellt sich Straub ganz in den Dienst Seiner Majestät.
Unter Seitenhieben auf die ergrauten Revolutionäre von 1848, die sich – ganz wie heute die 68er – nach ihrem «langen Marsch durch die Institutionen» für unersetzliche «Gründungsheroen» eines freiheitlichen Deutschland gehalten hätten, portraitiert er den Kaiser als die wahre Integrationsfigur des noch jungen Reiches.
Der Kaiser, nackt
Lebendig, volksnah, jugendlich: nicht nur durch solche Eigenschaften, auch durch das aktive Betreiben einer sozial gerechten Steuerpolitik habe der Monarch die widerstrebenden Kräfte zusammengehalten. Straub bewundert ihn dafür, dass er die lästigen Sozialdemokraten nicht wie Bismarck frontal bekämpfte, sondern vielmehr darauf setzte, dass sie sich wie eine Kinderkrankheit einmal von selbst erledigt haben würden. Als Bürgerkaiser scheint Wilhelm dem Autor moderner gewesen zu sein als alle Liberalen seiner Zeit; in diesen erkennt Straub bereits die Vorläuferdes sozial verantwortungslosen Börsenkapitalismus der Gegenwart. All das gehört aber nur zur argumentativen Fassade, hinter der sich Straubs – wohlwollend formuliert–skurriles Lamento überden Stil-Verlust emanzipierter Demokratien verbirgt.
Am Untergang der deutschen Monarchie beklagt der Autor «die Tatsache, dass in den dürftigen Zeiten der Industrialisierung auch das Schöne sterben muss, die souveräne Kunst erniedrigt wird wie der souveräne König, der vielleicht noch herrschen, aber auf keinen Fall mehr regieren darf». Wilhelm II.durfte seit 1918 nicht mehr regieren, und seine Abdankung war, angesichts drängenderer Probleme, damals nur eine Nachricht unter vielen. Die letzten Jahre des Exils im holländischen Doorn verbrachte er vor allem mit Holzhacken.
Zuerst war seine Villa noch von einem üppigen Wald umgeben, am Ende aber stand kaum noch ein Baum, so dass jeder Neugierige von außen hineinsehen konnte. Am Ende war der Kaiser nackt. Als der Monarch 1941 starb, hatte er die deutsche Monarchie um 23 und Annie Oakley, die ihm einmal die Asche von der Zigarre schoss, um 15 Jahre überlebt.
RONALD DÜKER