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Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur
Geld und Krise - Jochen Hörisch Oh, unsichtbare Hand, rette meinen Kredit!
Oh, unsichtbare Hand, rette meinen Kredit!
VON JOCHEN HÖRISCH

Der Weise»: dieses Wort klingt heute fast so unzeitgemäß wie das Wort «Muße». Umso auffallender, wenn es doch noch einmal öffentlich verwendet wird. Und das ist einmal jährlich der Fall. Das Ritual ist bekannt und TV-tauglich: Fünf offenbar unironisch so genannte «Wirtschaftsweise», die den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bilden, legen der Bundesregierung ihren Bericht vor, der stets eine Analyse der ökonomischen Lage mit einer Prognose der volkswirtschaftlichen Entwicklung verbindet. Mit Ruhm bekleckert haben sich die Wirtschaftsweisen in den vergangenen Jahren nicht. In ihren Gutachten kam das Szenario der internationalen Banken- und Finanzkrise, die seit Monaten ihre destruktive Dynamik entfaltet, schlicht nicht vor. Dabei hätte hier ein weises Gutachten – das etwa eine rigidere Bankenaufsicht, ein Verbot von «Leerverkäufen», einweitsichtiges Bonussystem für Manager oder eine stärkere Regulierung des Derivatehandels empfohlenhätte– Wirtschaftswunder wirken und Finanzbeben-Unheil abwenden können. Wirtschaftsweise hingegen, die darauf bestehen, dass Mindestlöhne von sieben Euro pro Stunde kontraproduktiv und Hartz-IV-Sätze zu hoch seien, müssen sich die Frage gefallenlassen, ob ihr Gutachten das Geld der Steuerzahler wert ist.
Diese Frage ist auch deshalb geboten, weil es gleich mehrere bemerkenswert präzise Einschätzungen der Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten gegeben hat. Sie stammen nicht etwa von ideologisch verbohrten Kapitalismus-Hassern: Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat regelmäßig auf das Krisenpotential hingewiesen, das ein im neoliberalen Geist entfesselter Finanzmarkt in sich birgt. Ein linker Anwandlungen unverdächtiger Wirtschaftsprofessor namens Max Otte publizierte schon 2006 sein Buch «Der Crash kommt. Die neue Weltwirtschaftskrise und wie Sie sich darauf vorbereiten». Der Mann macht keine Ansprüche auf die Anrede als Weiser geltend, obwohl er mit seiner Einschätzung um Klassen besser lag als die fünf Weisen zusammen. Er lehrt an einer Fachhochschule in Worms, die in den Ranking-Listen der besten Wirtschaftshochschulen nicht einmal auf den letzten Plätzen vorkam.

Erwartungen, Rückkoppelungen und Chaos
Auch George Soros weiß, wovon er spricht – weil er über Jahrzehnte mit Hedgefonds-Spekulationen auf den internationalen Finanzmärkten ein Milliardenvermögen gemacht hat und weil er sich angesichts der Irrationalität dieser Märkte seit Jahren weise aus dieser Branche verabschiedet hat. Er veröffentlicht sein brillantes, wenn auch drucktechnisch billig gemachtes Buch «Das Ende der Finanzmärkte – und deren Zukunft. Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet» just in time. Voraufgegangen war ein Buch desselben Autors, das man prophetisch nennen könnte, wenn es nicht im Ton heiliger Nüchternheit verfasst wäre: «Die Vorherrschaft der USA – eine Seifenblase». In diesen Büchern erfährt man, was eine verplauderte, geradezu provokant oberflächliche Filmhäppchen-DVD aus dem Finanzbuch Verlag nur verspricht: Einblicke in die Logik von «Backstage Wall Street».
Leute wie Helmut Schmidt und George Soros sind nicht ganz unbekannt. Dass ihre nüchternen Warnrufe bei Wirtschaftsweisen dennoch kein Gehör finden, ist erklärungsbedürftig. Eine Erklärung ist trivial, aber gewiss nicht falsch: Blamagen tun weh. Wenn sich gar Köpfe systematisch blamieren, die als weise gelten, so fällt ihnen das Eingeständnis, peinliche Fehleinschätzungen geliefert zu haben, umso schwerer. Zumal dann, wenn kaum mehr übersehbar ist, dass weite Teile der marktliberalen Wirtschaftswissenschaften weniger mit Wissenschaft als, wie Soros darlegt, mit fundamentalistischer Glaubensbereitschaft zu tun haben. Dieser Erklärungsansatz liegt nun jenseits aller Trivialitäten.
Soros argumentiert komplex und handfest zugleich. Wirtschaftswissenschaftler, die seine Thesen ernst nehmen, «müssen einen Statusverlust akzeptieren». Denn sie können ihre so rechenintensive Wissenschaft nichtmehr am Paradigma der Naturwissenschaften orientieren. Warum? Weil Finanzmärkte, die enorme Auswirkungen auf die Realökonomie haben, sich «reflexiv» verhalten. Soll heißen: die Beobachtungen, die Banken, Rating-Agenturen, Finanzinvestoren, Fonds-Manager etc. machen, um dann über Käufe und Verkäufe zu entscheiden, sind eben nicht einfach Beobachtungen; sie sind vielmehr zugleich Aktionen, die das Beobachtete – etwa Preise, Trends und Risiken–verändern und ihrerseits beobachtet werden können. So kommt es zu nicht taxierbaren Rückkoppelungseffekten und Erwartungserwartungen, die extrem risikolastig ausfallen. Mit dem schlichten Glauben an Gleichgewichtszustände ist die Einsicht in die chaosanfällige Reflexivität der Märkte nicht zu vereinbaren.
Wer in den Kreisen marktfundamentalistischer Neoliberaler den Verdacht äußert, die «unsichtbare Hand» des Marktes könne einfach deshalb unsichtbar sein, weil es sie gar nicht gibt (anders als etwa Preisabsprachen in der Zement-Industrie und Millionenabfindungen für gescheiterte Manager), wird ebenso als Ketzer gelten wie vor Jahrhunderten ein Theologe, der an der Existenz des unsichtbaren Gottes zweifelte. Viele Wirtschaftswissenschaftler stehen fassungslos vor dem Beben der Finanz- und Bankenkrise, nicht anders als die Theologen im Jahr 1755 vor dem Erdbeben von Lissabon. Wie kann ein gütiger und allmächtiger Gott dies Unheil zulassen?, lautete damals die berühmte Theodizee-Frage. Wie kann der alles so herrlich regelnde freie Markt (und kein zweiter Markt war so dereguliert wie der internationale Finanzmarkt) dieses Beben, diesen Tsunami, diesen Abgrund zulassen (regelmäßig werden naturalistische Metaphern für das Chaos auf den Finanzmärkten bemüht), so lautet heute die Frage der Neoliberalen – die alle dem Ideologieverdacht aussetzen, nur nie und nimmer sich selbst.

«Mehr Geld!» regiert die Welt
Kurzum: nicht nur die Wirtschafts und Finanzsphäre selbst, auch die Wirtschafts- und Finanzwissenschaften beben und kollabieren. Zur Diskussion, ja, zur Disposition stehen ihre allerheiligsten Konzepte: die Invisible Hand des freien Marktes, der Homo oeconomicus und das Rational-Choice-Modell. Dieses dreieinige Konzept läuft auf die immergleiche Annahme hinaus: dass sich die Güter- und Finanzmärkte ebenso wie die auf ihre eigenen Vorteile bedachten Marktteilnehmer rational verhalten und deshalb Gleichgewichtszustände zwischen Angebot und Nachfrage herstellen.
Dass dies aber nicht der Fall ist, dass es im heißen Kern des Kapitalismus vielmehr faszinierend irrational zugehe, ist die Leitthese der munter und anregend, aber auch erratisch argumentierenden Studie von Ralph und Stefan Heidenreich: «Mehr Geld», so ihr pointierter Titel. Der Kapitalismus, lautet die plausible Vermutung, konnte nur in christlichen Kulturkontexten entstehen, weil das Christentum «eine extrem zukunftsgetriebene Religion» ist. Kapitalismus und Christentumverbindet ihre Fokussierung auf Schuld(en) und Erlös(ung), wie schon Walter Benjamins großartige, von den Autoren leider ignorierte Skizze «Kapitalismus als Religion» (1921) darlegte. Am Anfangwar die (Erb-)Schuld, am Anfang sind die Schulden, die mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt werden müssen, wenn denn Prosperität herrschen soll. Geld heckendes Geld, sich über Zinszahlungen vermehrendes Schuldgeld, also der Imperativ «Mehr Geld!» regiert die kapitalistische Welt. Kapital betet sie an als eine unbegreifbare, unendliche, göttliche Größe.
Wer das glaubt, muss ab und an dran glauben. Wer so auf Mehr-Geld-Erlöse aus ist, wird in tiefe Glaubens und Kreditkrisen geraten müssen und seine Erlösungsbedürftigkeit erfahren. Lieber Gott, wenn es dich gibt, rette meine arme Seele, wenn ich eine habe – so betete ein aufgeklärter Spötter im 18. Jahrhundert. Ähnlich dürften heute die Stoßgebete von Bankern klingen: Invisible Hand, wenn es dich gibt, rette meinen Kredit, wenn ich noch einen habe.

Eine Liebesaffäre zwischen Ich und Geld
Nicht erratisch, sondern ebenso gelehrt wie elegant kommt eine faszinierende Studie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Fritz Breithaupt daher. Sie trägt den erst einmal rätselhaften Titel «Der Ich-Effekt des Geldes. Zur Geschichte einer Legitimationsfigur». Dahinter steckt die Analyse, warum und wie das Medium Geld von so vielen neuzeitlichen Autoren wie Locke und Rousseau, Weber und Benjamin, Joseph Schumpeter und Georg Simmel, Adelbert von Chamisso und Karl Gutzkow, Heine und Freytag, Keller und Musil bedacht und bedichtet wurde. Was übrigens die heutige geldvergessene Philosophie und Literaturwissenschaft immer noch weitgehend ignorieren.
Breithaupts Taschenbuch bietet für wenig Geld viele überraschende Einsichten in die Wirkungsweise des Geldes. Die Leitthese ist im Titel angedeutet: Die neuzeitliche Konjunktur des Ich-Begriffs (des Subjekt-, Selbstbewusstseins-, Genie-Begriffs) ist an die Superkonjunktur des Leitmediums Geld gekoppelt. Beide, das Ich wie das Geld, stehen in einer nach metaphysischen Epoche vor dem Problem, ihr Versprechen, ihr Kapital, ihre Möglichkeiten zu entdecken und sie zugleich decken zu müssen. Dies aber können sie nur im Verbund. In Breithaupts Worten: «Die Schwäche des zu beglaubigenden Geldes soll im Ich gestärkt werden, und die Fragwürdigkeit des Ich soll durch die Realexistenz des Geldes ausgeglichen werden.»
Rhetorische Pointen wie die von Heinrich Heine über die Weisheit einer Münze: «So ein alter Louisdor hat mehr Verstand als ein Mensch, und weiß am besten, ob es Krieg oder Frieden gibt» oder apodiktische Sätze wie der von Robert Musil «Geld ist geordnete Ichsucht» werden vor dem Hintergrund dieser Studie neu lesbar. Breithaupt vergisst dabei nie, dass auch die neuzeitliche Liebesaffäre zwischen Geld und Ich ihre Krisengeschichte hat. So gibt es etwa um 1900 eine Konjunktur der Trennung zwischen beiden: Liebe, Ehre, hohe Werte, Sinn – all das also, worauf Subjekte besonders stolz sind, kann man nicht kaufen, lautet eine Standardeinsicht, die sich viele in den prosperierenden Zeiten um die vorletzte Jahrhundertwende leisten können. Sie verkennen damit, dass sich Ich und Geld in der kapitalistischen Neuzeit wechselseitig kreditieren. Beide sind dynamisch liquide – aber eben auch von Liquidierung, das heißt: von Achtungs-, Beglaubigungs- und Kreditverlust bedrohte Institutionen. Was nicht ausschließt, dass sich Ich und Geld häufigwechselseitig verachten. Wer Breithaupts Studie liest, wird etwa mit Chamissos «Schlemihl»-Novelle oder Goethes «Faust II» nicht nur begreifen, dass, sondern auch, wie Geld die Welt und ihre systematisch desorientierten Bewohner regiert: indem es Subjekte formiert.
Zu den größten Problemen einer über sich selbst aufgeklärten neuen Wirtschafts- und Finanztheorie dürfte es gehören, Geld als ein Medium zu verstehen, das sehr vielmehr ist als «nur» ein Steuerungsmedium der Realwirtschaft. Den wirklichen Problemen der zahllosen überschuldeten Hausbesitzer, die nun in den USA bebenden Banken ihre Hausschlüssel übergeben, begegnet von den erwähnten Autoren am ehesten George Soros. In Zeiten, da Spott über Gutmenschen im Feuilleton wie in der Finanzsphäre branchenüblich ist, hilft die Stiftung des denkenden Philanthropen Soros erst einmal den Leuten, die ansonsten ihr Dach über dem Kopf verlieren würden. Und damit hilft sie auch dem Finanzmarkt, der nach Exzessen der Glaubensbereitschaft transzendental obdachlos geworden ist.

JOCHEN HÖRISCH lehrt Neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Zu seinen Veröffentlichungen gehört der Band «Gott, Geld, Medien. Studien zu den Medien, die die Welt im Innersten zusammenhalten»




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