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Ausgabe 01/09 - Literaturen - Literatur
Bücher des Monats - Anna Gavalda, Alles Glück kommt nie
Die Königin der Bobos
Warum Anna Gavalda ihre Leser in Gavaldamanie versetzt und auch mit ihrem neuen Roman die ganze Welt beglücken wird
VON MARTINA MEISTER

Diese Frau scheint direkt einem ihrer Romane entstiegen. Anna Gavalda ist hübsch, wirkt ausgesprochen natürlich, legt keinerlei Wert auf Äußerlichkeiten. Sie leuchtet von innen. Sie müsste, wenn sie in einem ihrer Bücher auftauchen würde, nicht einmal ihren Namen ändern. Anna Gavalda, das klingt perfekt für einen Gavalda-Roman: schlicht, aberwie ein Versprechen. Ihr würde ganz klar die Rolle der Retterin zufallen. Sie müsste den Part derjenigen übernehmen, die weiß, worauf es ankommt im Leben.
Eins steht fest: Anna Gavalda schreibt nicht für die Kritiker. Es ist ihr gleichgültig, was sie sagen oder auszusetzen haben. Dass ihre Bücher schlicht, sentimental, womöglich kitschig sind. Dass es sich wirklich nicht um große Literatur handelt. Nein, sie schreibt nicht für die Anerkennung des Kulturbetriebs, sie schreibt für ihre Leser. Und davon hat sie so viele wie keine andere. Anna Gavalda ist die meistgelesene französische Schriftstellerin in Frankreich, in Deutschland und weltweit. Ein solches Phänomen hat es seit Françoise Sagan nicht mehr gegeben.
In Zahlen kann man ihren Erfolg so beschreiben: Ihre ersten drei Bücher, eine Novellensammlung und zwei Romane, haben sich im französischen Original 5,48 Millionen Mal verkauft. Mindestens so hoch ist weltweit die Auflage der Übersetzungen. In 38 Sprachen werden ihre Bücher mittlerweile übertragen. Kürzlich kamen Vietnamesisch und Isländisch dazu.
Natürlich ist Gavalda auch in Deutschland ein Star. «Zusammen ist man weniger allein», ihr vorletztes Buch, hat eine Hardcover-Auflage von 150.000 Exemplaren erreicht. Nach der Verfilmung mit Audrey Tautou in der Hauptrolle schnellte die Auflage der Taschenbuchausgabe auf 1,3 Millionen hoch. Ihr jüngstes Buch, «Alles Glück kommt nie», hat den Vorgänger bereits geschlagen: Mit einer Auflage von 200.000 ist der Hanser Verlag Anfang November an den Start gegangen. Nach zweiWochen war über die Hälfte bereits weg. Je krisenhafter, desto Gavalda Anna Gavalda ist eine Art Wunder. Ihre Bücher sind in Wahrheit so etwas wie Antidepressiva, die es im freien Verkauf gibt, ganz ohne Rezept. Bei vielen Menschen scheinen sie besser anzuschlagen als Prozac: Gavalda macht glücklich. Sie schreibt Erbauungsliteratur. Bücher zum Aufwärmen. Sie sind insofern Teil eines kleinen und absolut krisensicheren Segments. Man kann sogar sagen: Der Erfolg Gavaldas verhält sich umgekehrt proportional zur Weltlage. Je schlimmer die Krise, desto mehr Bedarf.
Insofern kommt ihr jüngstes Buch natürlichwie gerufen. «Alles Glück kommt nie» ist das, was man eine moderne Form des Trostbüchleins nennen könnte. «La Consolante», wie der Roman im Original heißt, bezeichnet die letzte Partie beim Boule,wenn es um nichts mehr geht,d as Spiel längst aus ist. Aber man nennt so auch, das unterschlägt Gavalda, die Flasche Wein, die man nach getaner Arbeit trinkt: Die große Trösterin ist das, womit man sich belohnt.
«Ich friere, ich habe Hunger, ich brauche Liebe», fährt es aus dem Protagonisten heraus – wer würde das nicht unterschreiben? Charles Balanda, Architekt, 47 Jahre alt, beruflich sehr erfolgreich, privat gescheitert, verliert seine Haare und irgendwie, so scheint es, auch seinen Verstand. Der Leser macht in dem Augenblick mit ihm Bekanntschaft, als Balanda begreift: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Er erfährt vom Tod der Mutter eines Schulkameraden, und schnell ahnt man, dass sie sehr vielmehr für ihn bedeutet hat.
Anouk war eine Frau, die sich für andere aufgeopfert und sich dabei selbst vergessen hat. Sie hat sich am Ende umgebracht. Charles Balanda aber erinnert sie, wie sie einst war: schön und jung und lustig und lebensfroh. Er hat sie geliebt, aber er ist vor seinen Gefühlen weggerannt. Vier Jahrzehnte später kehrt das Verdrängte zurück, die Erinnerungen an Glück, an das Gefühl von Nähe und Verlässlichkeit. Es geht um das, was bei Gavalda unter dem Begriff «le-ben» firmiert: mit einem Bindestrich, damit man ahnt, wie ihre Figuren es aussprechen. Mit dieser gewissen Betonung, voller Respekt und mit noch mehr Gier.

Mann, Haus, Kind, Hund – gerettet!
In «Alles Glück kommt nie» gilt das gesprochene Wort. Anders gesagt: Der Roman ist dialoglastig, luftig geschrieben, aber es wirkt, als habe Gavalda den Menschen einfach nur gut zugehört und dabei Protokoll geführt. Das ist ein Verdienst. Nur versucht sie auch dann, wenn sie beschreibt, sämtlichen Ballast abzuwerfen und lässt beispielsweise die persönlichen Fürwörter gerne weg: Trinkt, wartet, versucht zu lesen, verzweifelt, rappelt sich wieder auf, sucht. Es geht um Charles Balanda, natürlich. Eher ungewohnt für Gavalda-Fans wird sie ihren Helden abrutschen lassen, tief wird er in die Depression hineingeraten. Es werden einige Menschen sterben, auch ein großer, alter Hund, aber am Ende werden die Engel singen: Ist gerettet!
Balanda wird gerettet von der Reinkarnation seiner ersten Liebe, von einer Frau mit Namen Kate. Er wird die Stadt gegen die Natur, das Jet-Set-Leben gegen ein Zuhause mit Kaminfeuer, die erkaltete Liebe zu einer gelangweilten Chanel-Schickse gegen die frisch erblühte Leidenschaft eintauschen. Kurz: er wird das falsche Leben durch das richtige ersetzen. Es wird in diesem neuen Leben viele Kinder geben und nochmehr Tiere, und amEnde könnte stehen: Und wenn sie nicht gestorben sind…
Dann leben sie noch heute. Glücklich und zufrieden wie Anna Gavalda in ihrem verwunschenen Haus in Melun, bei Paris, mit ihren beiden Kindern und ihrem Hund. Und wie umzu beweisen, dass sie ihren Protagonisten tatsächlich zum Verwechseln ähnelt, hat Gavalda trotz ihres spektakulären Erfolgs nicht den Kopf verloren: «Weder der Ruhm noch das Geld», sagt sie, «haben Macht über mich.» Sie nimmt keine Verlags-Vorschüsse an und hält dem kleinen Pariser Verlagshaus «La Dilettante» die Treue, wo sie die Umschläge ihrer Bücher selbst zeichnen darf.

Kein Stil, aber ein Händchen
Alles Glück kommt nie. Die ganze Lebenskunst besteht darin, es zu suchen, es zu erkennen und zuzulassen. Ein Klischee? Natürlich. Ein dickes. Aber dazu steht Gavalda. «Meine Bücher», sagt sie, «sind voll von Klischees.» Aber sie funktionieren. Gavalda versteht es, ihre Leser hineinzuziehen, sie aufzuwühlen, anzurühren. Sie hat keinen Stil, aber ein Händchen; keine literarischen Ambitionen, aber ein Ziel: die Menschen zu beglücken.
Mit seinem Plädoyer für den Antimaterialismus und die wahren Gefühle ist «Alles Glück kommt nie» ein Manifest des Anti-Bling-Bling, das man Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zur Lektüre empfehlen sollte. Bei Gavalda erfährt man nämlich, wie das Volk tickt. Deswegen erzählt der Erfolg ihrer Bücher auch etwas über den Zustand einer Gesellschaft, die nach Seelentrost verlangt. Das einsame Geschäft des Selbstmitleids wird durch die «Gavaldamanie» zu einer Art kollektiven Gottesdienstes.
Aber sogar anspruchsvolle Leser kommen auf ihre Kosten, weil Gavalda eine intelligente und überaus genaue Beobachterin ist. Sie ist die Autorin der Bobos, der Bourgeois-Bohemiens, die sie in wenigen Strichen entblößt. Sie ist streng mit ihnen. Aber das scheinen sie gerade an ihr zumögen. Im Gegenzug bietet sich die Aussicht auf Erlösung. Liebe. Rettung. Glück.

ANNA GAVALDA
Alles Glück kommt nie. Roman

Aus dem Französischen von Ina Kronenberger.
Hanser, München 2008. 605 S., 24,90 ¤




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