Jung sein in England, als Pakistani VON FRANZ SCHUH
Ja, diesesBuch ist eines der besten seiner Gattung: «Schwarzer Sommer» von Camilla Way (rororo, 8,95 ¤). Die Gattung ist ein «Psycho-Thriller», und gewöhnlich muss man sich vor solchen Thrillern fürchten, weil der Wahnsinn den Autoren die Lizenz zu jeglichem Unfug verleiht. Das Buch hat mich sehr traurig gemacht, weit über das Maß hinaus, das Unterhaltungsliteratur sich erlauben dürfte. Erstens steckt in «Schwarzer Sommer» eine Grundwahrheit über das Menschliche. Ich formuliere es kitschig: Die Liebe kennt gefährliche Perversionen, die durch die Liebe, nein: nicht heilbar sind. Aber die Liebe kann auch die Sehnsucht nach Heilung von diesen ihr eigenen Perversionen provozieren. Das Buch endet mit dem Appell an den Mediziner: «Helfen Sie mir, Dr. Barton. Können Sie mir bitte helfen?»
Gemeint ist keine sexuelle Perversion. Es geht, ich bleibe unklar genug, um das Gefühl der Nicht-Existenz. Natürlich, die Zwanzigjährige, die in dem Buch einzig und allein die Erzählerstimme hat, spricht mit einer hohen analytischen Begabung, wenn sie von sich sagt: «Ich hatte ignoriert zu werden zur Kunstform erhoben.» Aber ich glaube, das ist nicht allzu unrealistisch bei Personen, die so sehr aus dem Rahmen fallen, dass sie sich ständig etwas denken müssen.
Nita ist zwanzig, und Kyle war vierzehn, als er starb. Und damals war Nita dreizehn, und sie war in diesen Kyle verliebt. Das Ganze spielt in London, genauer: in Süd-London, ausgerechnet in einer Gegend, die ich aus den sechziger Jahren sehr gut kenne. Als ich im vergangenen Jahr – zu meinem sechzigsten Geburtstag – in Lewisham war, erschrak ich über den hohen Grad und die intensive Ausdruckskraft der Verwahrlosung. Darum geht es auch in dem Buch «Schwarzer Sommer», das Ende der achtziger Jahre spielt und, flapsig gesagt, eine Psycho- Variante von «Romeo und Julia» ist. Ach, das macht mich zweitens so traurig: DasBuch ist in meinen Augen ein Abgesang auf die britische Jugend, von der kein geringer Teil durch spektakuläre Kriminalität entweder bedroht ist oder das Leben verliert, und Täter sind Altersgenossen, also ihresgleichen.
Die Psychologie der Autorin Camilla Way ist nicht originell, aber präzise. Sie schildert die Brutalität, mit der Sexuelles in ein Kinderleben tritt, vom Porno-Heft des Bruders bis zum Enkel, der den Großvater masturbiert, und dem Geschlechtsverkehr, den der Vater mit der fetten Nachbarin ausübt. Der Tod von Nitas Mutter und das allmähliche Verschwinden der Mutter im offiziellen Teil des Kinder-Gedächtnisses haben eine wichtige Rolle. Der Tod: gerade hat die Mutter noch Reis umgerührt, und schon ist sie weg. An der leibhaftigen Mutter exemplifiziert Nita das wesentliche Motiv, nämlich den verstörenden Gedanken, dass doch auch die Mutter ein gänzlich unabhängiger Mensch ist. Nie kann man wissen, was so ein unabhängiger Mensch will, nie kann man einen anderen kennen, nie empfinden, was er empfindet. Und das heißt: Ich bin allein! «Die Vorstellung, im Grunde völlig allein zu sein, losgelöst von der Welt, die Vorstellung, dass es uns nie möglich sein würde, zugleich auch ein anderer Mensch zu sein, wirklich zu spüren, was der andere spürte.»
Diese Vorstellung beginnt Nita zu beherrschen – es ist die Vorstellung vom Skandal des Alter Ego, an das man einerseits nie wirklich herankommt, um das man aber andererseits nie wirklich herumkommt. «Normale» Menschen, das sind solche, die philosophische Probleme nicht lösen, die aber der Philosophie wegen auch in keine Abgründe stürzen, normale Menschen wissen sich zu helfen. Sie tun so, als ob: als würden sie einen anderen kennen, als wüssten sie, was er empfindet, und als wären sie nicht allein. Für Nita in ihrem Drang, sich selbst zu verwirklichen, also sich selbst wirklich zu fühlen, wird die Vorstellung zur fixen Idee.
Von den zivilisierenden Wirkungen des Als-ob ist in dem Psycho-Thriller nicht die Rede. Kyle wird vom Gerücht verfolgt, er habe seine kleine Schwester umgebracht, die von einem Tag auf den anderen verschwand. Kyle ist ein Mensch extremer Stimmungsschwankungen – und er hat einen Hang zur Gewalt. In aktionistischer Manier tötet er eine Ente, drischt mit einem Stein das Entengehirn zu Brei. Aber die für mich schlimmste Gewaltszene des Buches zeigt Kyle hinterhältig. Ein Penner bittet um ein Sandwich, und der Jugendliche schmiert ihm eines – mit den Innereien einer toten Ratte. Und auf den Lippen immer den Slogan der Killer: Man tut den Erniedrigten und Beleidigten nur einen Gefallen, wenn man sie vom Leben befreit.
Nita wird in ihrem Viertel als «Paki» gehandelt, aber ich glaube, nur ihr Vater stammt aus Pakistan. Hilft natürlich nichts, denn Rassismus und Sexismus sind die führenden Ideologien bei den Armen: «Riecht deine Möse nach Curry, Paki?» Der so spricht, ist ein anderer Held der Straße; er wird’s auch nicht überleben, obwohl er keine schlechten Chancen zu haben scheint: «Hinter seinem harmlosen Äußeren lauerte das Böse wie eine Maske aus Metall.» Die Geschichte wird als Protokoll des New Cross Krankenhauses, als Protokoll des Gespräches von Dr. C. Barton und Anita Naidu erzählt. So etwas ist gewöhnlich ein Trick, mit dem einfallslose Autoren agieren. Aber in dem Fall, sich Nitas Redefluss anvertrauend, wird der Leser direkt mit sehr menschlichen, aber doch ungeheuren Verstörungen vertraut gemacht – mehr als uns Freunden des Suspense lieb sein kann.